Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kieler Meeresforscher stoßen in unbekannte Bereiche des Roten Meeres vor

17.03.2011
Neue Bilder von Atlantis II

Nach neun Jahren ist im Winter 2011 mit der Kieler POSEIDON erstmals wieder ein deutsches Forschungsschiff zu einem wissenschaftlichen Einsatz im Roten Meer gewesen. Vier Arbeitsgruppen des Kieler Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) haben gemeinsam mit saudi-arabischen Kollegen grundlegende Daten zur Geologie, Geochemie, Physik und Biologie dieses faszinierenden Randmeeres gesammelt. Nach ihrer Rückkehr beginnen alle Arbeitsgruppen nun mit der Auswertung von Daten und Proben.


Mit dem neuen Fächerecholot des Forschungsschiffs POSEIDON konnten die ersten präzisen Karten vom Hatiba-Tief im Roten Meer erstellt werden. Grafik: IFM-GEOMAR


Unterwasserwelten wie aus dem Bilderbuch. Doch während der wissenschaftlichen Bestandsaufnahme fanden die Kieler Meeresbiologen nicht alle Riffe in solchen naturnahen Zuständen. Einige zeigten deutliche Spuren menschlicher Einflüsse. Foto: Christian Lieberum, IFM-GEOMAR

Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, wie der Atlantik vor rund 100 Millionen Jahren ausgesehen hat, muss keine Zeitreise unternehmen. Ein Ausflug in das knapp 2300 Kilometer lange Rote Meer reicht. Es erstreckt sich über der Bruchzone zwischen der afrikanischen und der arabischen Erdplatte, die sich mit rund einem Zentimeter pro Jahr von einander entfernen. In vielen Millionen Jahren wird sich das Rote Meer so zu einem neuen Ozean auswachsen. Mehrere Forscher-Teams des Kieler Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) waren von Januar bis Mitte März mit dem Forschungsschiff POSEIDON im Roten Meer unterwegs, um dort grundlegende Daten zur Geologie, Geochemie, Physik und Biologie des Jung-Ozeans zu sammeln.

„Das war die erste Expedition eines deutschen Forschungsschiffs seit neun Jahren in dieses wissenschaftlich hochinteressante Gebiet“, erklärt Dr. Warner Brückmann vom IFM-GEOMAR. Dr. Brückmann koordiniert das „Jeddah-Transect-Project“, eine Kooperation des IFM-GEOMAR mit der King Abdulaziz University im saudi-arabischen Jeddah, die diese Expeditionen erst ermöglicht hat. Jetzt sind die letzten Arbeitsgruppen wieder nach Kiel zurückgekehrt. Im Gepäck haben sie spannende Eindrücke und viel versprechende Daten über einige bisher kaum erforschte Bereiche des Roten Meeres.

Am Anfang der Expeditionen standen zunächst ganz grundlegende Arbeiten: eine Vermessung des Meeresbodens. „Vom gesamten Roten Meer und speziell von den geologisch interessanten Gebieten gibt es bisher kaum präzise Karten“, erklärt der Meeresgeologe Dr. Nico Augustin vom IFM-GEOMAR. Da die POSEIDON seit 2010 über eines der modernsten Fächerecholote weltweit verfügt, konnten die Wissenschaftler hoch auflösende Karten des Hatiba-Tiefs auf der zentralen Grabenachse erstellen. Auf Grundlage dieser Karten identifizierten die Geologen einige wissenschaftlich spannende Stellen des bis zu 2000 Meter tiefen Meeresbodens und gewannen vulkanische Gesteinsproben und Sedimente von dort. „Wie es jetzt aussieht, gab es im Hatiba-Tief in geologisch jüngster Zeit vulkanische Aktivitäten. Wir können dort die Spreizung des Roten Meeres in einer aktiven Phase beobachten“, so Augustin.

Ein zweites Team unter Leitung des Geochemikers Dr. Mark Schmidt konzentrierte sich dagegen auf das etwas weiter südlich gelegene Atlantis II Tief. In ihm hat sich in rund 2000 Meter Wassertiefe ein einzigartiger, extrem salzhaltiger und ca. 68 Grad Celsius heißer Salzsee gebildet. Mit einem neu entwickelten Kranzwasserschöpfer, der zusätzlich über Videokameras verfügt, konnte dieser Salzsee erstmals sehr präzise beprobt und der Meeresboden darunter gefilmt werden. Darüber hinaus setzen die Meeresforscher eine ebenfalls neu entwickelte, extrem schnell messende Mikrostruktur-Sonde ein, die die physikalischen Veränderungen an der Grenzschicht zwischen dem normalen Meerwasser und der Salzlösung erfassen konnte. „Wir wollen die Austauschprozesse zwischen der Salzlösung und dem Tiefenwasser des Roten Meeres besser verstehen. Auch wenn die detaillierte Auswertung der Daten noch erfolgen muss – sie versprechen spannende Erkenntnisse über Stoffflüsse und Austauschprozesse in der Tiefsee“, sagt Dr. Schmidt.

Zwei weitere Arbeitsgruppen des Projekts nahmen sich der Ökologie des Roten Meeres an. Die erste mit Wissenschaftlern aus Kiel und Jeddah untersuchte von der POSEIDON aus die biologische Vielfalt des Planktons. „Das sind wichtige Daten für das Fischerei- und Umweltmanagement, weil das Plankton Nahrungsgrundlage für alle höheren Organismen im Meer ist“, erläutert Biologe Dr. Benjamin Kürten. „Allgemein ist zwar bekannt, dass das Rote Meer im Norden nährstoffärmer ist als im Süden. Aber wie sich das zum Beispiel auf die Nahrungsketten auswirkt, ist größtenteils noch unbekannt. Diese Wissenslücke wollen wir nun schließen“, so Dr. Kürten.

Die zweite deutsch-saudi-arabische Forschergruppe widmete sich von Land aus den Korallenriffen vor der saudi-arabischen Küste. „Wir haben dort sehr unterschiedliche Bedingungen vorgefunden. Es gab Riffe in einem sehr natürlichen Zustand, andere waren deutlich durch menschliche oder natürliche Einflüsse geschädigt“, fasst Professor Martin Wahl vom IFM-GEOMAR die rund vierwöchige Expedition zwischen Wüstenpisten und Korallenriffen zusammen. Auch er und seine Kollegen legten dabei Grundlagen: „Eine systematische Bestandsaufnahme der Korallenriffe im östlichen Roten Meer existiert bisher nicht“, so Wahl, „dabei sind solche grundlegenden Daten wichtig, um Risiken für die Ökosysteme erkennen und eventuell auch eindämmen zu können.“ Dieser Pilotstudie werden in den kommenden zwei Jahren noch vier vertiefende Expeditionen folgen, welche die Reaktionen der Riffe auf anthropogene und natürliche Stressfaktoren erforschen werden.

Insgesamt zieht Projekt-Manager Dr. Warner Brückmann ein positives Fazit dieser ersten vier Expeditionen des Jeddah-Transect-Projekts. „Es gab zwar anfänglich einige logistische Probleme. Aber die Kooperation mit den saudi-arabischen Kollegen war für beide Seiten sehr wertvoll. Sie hat uns ermöglicht, in Regionen zu forschen, in die Meeresforscher sonst nur selten gelangen. Dafür konnten wir unsere jahrelangen Erfahrungen mit geologischen Untersuchungsmethoden oder auch systematischem Umweltmonitoring weitergeben“, sagt Dr. Brückmann. Die nächsten Expeditionen sind bereits in Vorbereitung, um die Arbeiten fortzusetzen.

Andreas Villwock | idw
Weitere Informationen:
http://www.ifm-geomar.de/go/jeddahtransect-e
http://www.ifm-geomar.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur
22.06.2017 | Fraunhofer-Gesellschaft

nachricht Ursuppe in Dosen
21.06.2017 | Universität Duisburg-Essen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften