Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein Katalysator für saubere Regenwaldluft

27.02.2012
Der Pflanzenduft Isopren puffert die Selbstreinigungskraft der Atmosphäre

Die Atmosphäre verdankt ihre robuste Selbstreinigungskraft dem konsequenten Recycling ihres Reinigungsmittels. Wie Hydroxylradikale, die organische Verbindungen in der Luft zersetzen, wiederverwertet werden, haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz nun im Detail geklärt. Demnach können die reaktiven Moleküle beim Abbau von Isopren entstehen.


Eine Weltkarte der modellierten Hydroxyl-Recycling-Effizienz während des Tages. Orange und gelbe Flächen zeigen eine hohe Recycling-Effizienz wie zum Beispiel über dem Amazonas Regenwald. © Domenico Taraborrelli / MPI für Chemie

Isopren entweicht aus Pflanzen in die Atmosphäre und war bislang nur dafür bekannt, bei seiner chemischen Entsorgung Hydroxylradikale zu verbrauchen. Bei niedrigen Hydroxylkonzentrationen wird aber offenbar mehr von dem atmosphärischen Reinigungsmittel produziert als entfernt. Isopren übt somit eine Pufferwirkung aus, die einen Zuwachs von Treibhausgasen und anderen Luftschadstoffen abschwächen kann.

In der Erdatmosphäre landen jedes Jahr Milliarden Tonnen natürlicher und anthropogener Gase. Würden sie nicht durch chemische Reaktionen wieder entfernt, wäre die Erderwärmung wesentlich größer und die Luftqualität deutlich schlechter. Das wichtigste Reinigungsmittel der Atmosphäre sind Hydroxylradikale (OH-Radikale), die flüchtige organische Verbindungen wie Methan und Isopren oxidieren. Die Reaktion mit dem kurzlebigen aber hochreaktiven Molekül wandelt die Gase in wasserlösliche Bestandteile um, die mit dem Regen aus der Atmosphäre entfernt werden. Bei der Oxidation entstehen aber auch Ozon und Aerosolpartikel, was wiederum die Luftqualität und das regionale Klima beeinflusst.

Messungen der Konzentration von OH-Radikalen über tropischen Regenwäldern zufolge werden die OH-Radikale recycelt, nachdem sie eine chemische Putzaktion erledigt haben. Daher hat sich die Selbstreinigungskraft der Atmosphäre als relativ stabil gegenüber der Luftverschmutzung erwiesen. Domenico Taraborrelli hat mit seinen Kollegen am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz nun den Einfluss eines bestimmten Recycling-Mechanismus für die Hydroxylradikale auf die OH-Bilanz in der Atmosphäre geklärt. Die Schlüsselrolle spielt darin eine Substanz, die bislang nur dafür bekannt war, bei ihrem Abbau Hydroxylradikale zu verbrauchen: Isopren. Die flüchtige organische Verbindung entweicht natürlicherweise in großen Mengen aus Pflanzen in die Atmosphäre und bildet mit anderen chemisch verwandten Terpenen einen Hauptbestandteil der für viele Pflanzendüfte wichtigen ätherischen Öle. Schätzungsweise rund 500 Millionen Tonnen Isopren produziert die Vegetation jährlich, wobei der größte Teil bei Tag in den tropischen Regenwäldern entsteht.

Die Hydroxyl-Konzentration bestimmt, wie Isopren abgebaut wird

„Wir haben entdeckt, dass das System komplexer ist, denn die Oxidation von Isopren trägt sowohl zum Abbau wie auch zur Bildung der OH-Radikale bei, so dass sich die Reaktion selbst puffert“, sagte Domenico Taraborrelli, Erstautor einer aktuellen Studie. „Die Effizienz, mit der OH-Radikale gebildet werden, hängt also von der OH-Konzentration ab.“ Ist diese hoch, wird wenig recycelt, ist sie niedrig, entsteht viel.

„Mit der Pufferwirkung können wir erklären, warum über Regenwäldern deutlich höhere Hydroxyl-Konzentrationen gemessen werden, als die Modelle der Atmosphärenchemie bislang berechneten“, so Domenico Taraborrelli. Diesen Widerspruch lösten er und seine Kollegen auf, indem sie ein globales Modell der Atmosphärenchemie um eine komplexe Kaskadenreaktion erweiterten. Demnach wandeln OH-Radikale Isopren zunächst in ein Hydroperoxyaldehyd (HPAL) um. Was nun weiter geschieht, hängt davon ab, wieviel OH-Radikale durch die Luft schwirren. Ist ihre Konzentration niedrig, reagiert HPAL mit molekularem Luftsauerstoff in einer Kette von Reaktionen weiter, die vom Sonnenlicht gestartet werden. Dabei entstehen unterm Strich mehr OH-Radikale, als die anfängliche Reaktion zu HPAL verbraucht. Enthält die Luft einen hohen Anteil an OH-Radikalen, bauen diese HPAL weiter ab. Die OH-Konzentration sinkt somit weiter.

„Für die Wechselwirkung zwischen Biosphäre und Atmosphäre ist die Stabilisierung der OH-Radikalmenge sehr bedeutsam, da große Waldgebiete auf diese Weise ihre Selbstreinigungskraft erhalten können“, sagt Domenico Taraborelli. Die Mainzer Atmosphärenforscher vermuten sogar, dass auch flüchtige organische Verbindungen, die durch menschliche Aktivitäten freigesetzt werden, die Selbstreinigungskraft der Atmosphäre auf ähnliche Weise puffern könnten wie Isopren.

„Natürliche Ökosysteme sind besser gepuffert als vermutet“

Dass sich die Selbstreinigungskraft der Atmosphäre recht robust gegen Luftverschmutzung zeigt, dürfte auch dem Weltklima zugutekommen: Viele flüchtige organische Verbindungen wie Methan üben einen starken Treibhauseffekt aus, und im Zuge des Klimawandels soll sich ihre Freisetzung aus natürlichen Quellen sogar verstärken. Die Folgen davon könnten aber weniger gravierend sein als bislang angenommen. Denn Pflanzen sollen in einem wärmeren Klima auch mehr Isopren in die Luft abgeben. Und ein höherer Isopren-Anteil führt den aktuellen Erkenntnissen zufolge dazu, dass mehr Hydroxylradikale entstehen, die die Atmosphäre auch von Treibhausgasen reinwaschen. „Unsere Ergebnisse bedeuten auch, dass steigende Isopren-Emissionen, wie wir sie durch die globale Erwärmung erwarten, nicht zur Steigerung des Klimaeffekts beitragen“, schlussfolgert Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie. „Das ist zwar keine Entwarnung, zeigt aber, dass natürliche Ökosysteme und ihre atmosphärische Umgebung besser gepuffert sind, als man vermutete.“

Nun wollen die Mainzer Forscher untersuchen, wie die Selbstreinigungskraft der Atmosphäre auf Störungen wie der plötzlichen Freisetzung von Methan aus Permafrostböden reagiert. Durch den weltweiten Temperaturanstieg tauen nämlich große Permafrostgebiete etwa in Russland auf und könnten riesige Mengen an Methan freisetzen und so die Erderwärmung verstärken.

Originalpublikation:
Domenico Taraborrelli, Mark G. Lawrence, John N. Crowley, Terry J. Dillon, Sergey Gromov, Christoph Groß, Luc Vereecken und Jos Lelieveld
Hydroxyl radical buffered by isoprene oxidation over tropical forests
Nature Geoscience Onlineveröffentlichung, 26. February 2012; DOI: 10.1038/NGEO1405
Kontakt:
Dr. Domenico Taraborrelli
Max-Planck-Institut für Chemie
Hahn-Meitner-Weg 1
55128 Mainz
Telefon: +49-6131-305 4605
E-mail: domenico.taraborrelli@mpic.de
Prof. Dr. Jos Lelieveld
Max-Planck-Institut für Chemie
Hahn-Meitner-Weg 1
55128 Mainz
Telefon: +49-6131-305 4040
E-mail: jos.lelieveld@mpic.de

Dr. Wolfgang Huisl | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpic.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Nährstoffhaushalt einer neuentdeckten “Todeszone” im Indischen Ozean auf der Kippe
06.12.2016 | Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie

nachricht Wichtiger Prozess für Wolkenbildung aus Gasen entschlüsselt
05.12.2016 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie