Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kaltwasserkorallen: Die Wohlfühlzone war schon immer dünn

19.05.2016

Beobachtungsdaten zeigen, dass Kaltwasserkorallen vor Europas Küsten in einer bestimmten Dichteschicht des Meerwassers gedeihen. Jetzt haben Paläoozeanographen des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel nachgewiesen, dass die Organismen auch in den vergangenen 2,5 Millionen Jahren genau diese Wohlfühlzone benötigten. Bedingt durch natürliche Klimaschwankungen veränderte sich allerdings die Tiefe dieser Schicht, was sich direkt auf das Vorkommen der Korallen auswirkte. Die Studie ist in der internationalen Fachzeitschrift Paleoceanography erschienen.

Von Nordnorwegen bis nach Mauretanien erstrecken sich vor den Küsten Europas und Nordafrikas riesige Korallenriffe. Im Gegensatz zu den tropischen Korallen, die nur wenige Meter unterhalb der Wasseroberfläche gedeihen, wachsen diese Kaltwasserkorallen vor allem in Tiefen zwischen 200 und 1000 Metern.


Kaltwasserkorallenriff in Nordnorwegen. Die Korallen bilden entlang der gesamten europäischen Küste große Riffe.

Foto: ROV-Team, GEOMAR

In einigen Regionen haben sie über Jahrmillionen bis zu 300 Meter hohe Karbonatberge unter Wasser erschaffen. Doch welche Umweltbedingungen eine Ansiedlung von Kaltwasserkorallen begünstigen, war bis vor wenigen Jahren unbekannt. Mit neuen Beobachtungsdaten konnten Paläoozeanographen des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel zeigen, dass die lebenden Korallen eine bestimmte Dichteschicht des Wassers bevorzugen.

Jetzt hat das gleiche Forscherteam das Auf und Ab dieser Dichteschicht in den vergangenen zweieinhalb Millionen Jahren rekonstruiert und anschließend mit der Entwicklung fossiler Karbonathügel verglichen. In ihrem kürzlich in der internationalen Fachzeitschrift Paleoceanography veröffentlichten Beitrag zeigen sie, dass die Kaltwasserkorallen über den gesamten Zeitraum hinweg auf die gleichen Dichtewerte des Wassers als Wohlfühlzone angewiesen waren.

„Da die Tiefe dieser Zone als Folge von natürlichen Klimaschwankungen stark variierte, wirkten sich diese Variationen auch direkt auf die Korallenvorkommen im Nordatlantik aus“, sagt Dr. Andres Rüggeberg, Erstautor der Studie, der mittlerweile an der Universität Fribourg in der Schweiz arbeitet.

Für ihre Studie nutzten die Wissenschaftler unter anderem Bohrkerne aus alten Korallenhügeln, die in der Porcupine Seabight liegen. Dabei handelt es sich um eine weite Einbuchtung des Kontinentalhanges vor der Westküste Irlands mit Wassertiefen zwischen 400 und 3000 Metern.

Die Bohrkerne waren schon 2005 mit dem US-amerikanischen Bohrschiff JOIDES RESOLUTION im Rahmen des Integrated Ocean Drilling Programm (heute: International Ocean Discovery Program, IODP) gewonnen worden.

Mit Hilfe von präzisen Isotopenanalysen in den Laboren des GEOMAR konnte einerseits das Alter der einzelnen Baustadien der Hügel genau bestimmt werden, andererseits gelang auch die Rekonstruktion der Dichte des umgebenden Seewassers für die vergangenen 2,7 Millionen Jahre. So konnten die Wissenschaftler Phasen, in denen die Hügel schnell oder langsam empor wuchsen, mit der jeweiligen Tiefe der speziellen Dichteschicht abgleichen.

„Lag sie an der Spitze der Hügel, gediehen die Korallen dort besonders gut und die Hügel wuchsen schnell in die Höhe. Verschob sie sich dagegen weiter nach oben oder unten, wuchsen die Hügel nur noch langsamer oder gar nicht mehr“, sagt Dr. Sascha Flögel vom GEOMAR, Ko-Autor der Studie.

Die Ergebnisse helfen der Forschung aus zwei Gründen: „Wir können so die Geschichte der verschiedenen Meeresströmungen und Wasserschichten in der Region besser nachvollziehen als bisher“, sagt Dr. Rüggeberg. Sein Kollege Dr. Flögel ergänzt: „Gleichzeitig zeigt uns die Studie, wie empfindlich die Korallen auf Umweltveränderungen reagieren. Da auch Wassertemperaturen eine Rolle für die Dichte spielen, könnte eine Erwärmung des Meerwassers das Korallenwachstum deutlich beeinflussen.“

Originalarbeit:
Rüggeberg, A., S. Flögel, W.-C. Dullo, J. Raddatz, V. Liebetrau (2016): Paleoseawater density reconstruction and its implications for cold-water coral carbonate mounds in the northeast Atlantic through time. Paleoceanography, 31(3), 365–379, http://dx.doi.org/10.1002/2015PA002859

Weitere Informationen:

http://www.geomar.de Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanfoschung Kiel
http://www.iodp.org Das International Ocean Discovery Program

Andreas Villwock | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Neue Erkenntnisse zum Meeresspiegel-Anstieg
26.05.2017 | Universität Siegen

nachricht Polarstern ab heute unterwegs nach Spitzbergen, um Rolle der Wolken bei Erwärmung der Arktis zu untersuchen
24.05.2017 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e.V. (TROPOS)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften