Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Grönländischer Eisbohrkern zeigt deutlich höhere Temperaturen vor 120’000 Jahren als heute

24.01.2013
Neue Erkenntnisse über die letzte Warmzeit in Grönland – vor allem über die Temperatur und die Dicke der Eisschicht – könnten als Vergleich dienen, wie sich das grönländische Eisschild in Zukunft entwickelt. An den überraschenden Messungen sind auch Forschende der Universität Bern beteiligt.

Vor 120'000 bis128’000 Jahren waren die Temperaturen in Nordgrönland um 5 bis 8 Grad Celsius höher als heute. Dennoch war die Dicke des Eisschilds nur wenig geringer als heute – und dies obwohl der Meeresspiegel zu dieser Zeit 4 bis 8 Meter höher war. Die neuen Eiskern-Daten deuten darauf hin, dass das grönländische Eisschild für weniger als die Hälfte des damaligen Meeresspiegelanstiegs verantwortlich war.

«Diese Warmzeit – die sogenannte Eem-Periode – könnte als Beispiel dafür dienen, wie sich das grönländische Eisschild in der Zukunft entwickeln wird», sagt Prof. Hubertus Fischer, Klimaforscher der Abteilung Klima- und Umweltphysik des Physikalischen Instituts der Universität Bern. «In einer Zukunft, in der durch den Einfluss des Menschen die Treibhausgaskonzentrationen und die Temperaturen immer weiter ansteigen werden».

Die Berner Klimaphysiker sind am internationalen «North Greenland Eemian Ice Drilling» (NEEM)-Projekt beteiligt, das von der Universität Kopenhagen geleitet wird. Die Ergebnisse wurden nun im Journal «Nature» veröffentlicht.

Hoher Meeresspiegelanstieg in der Warmzeit

«Ein so dickes grönländisches Eisschild in einer Zeit mit so hohen Temperaturen ist zwar erstaunlich», sagt Fischer, «aber kein Grund sich entspannt zurückzulehnen und abzuwarten, was die menschgemachte globale Erwärmung bringen wird». Tatsache sei, dass diese damalige Erwärmung mit einem Meeresspiegelanstieg von 4 bis 8 Metern verknüpft war. «Ein solch hoher Meeresspiegel wäre heute eine Katastrophe für die mehr als 7 Milliarden Menschen, die auf der Erde leben – selbst wenn es einige tausend Jahre dauern würde, bis dieser Höchststand erreicht wird.»

Die auf den ersten Blick gute Nachricht der Studie ist, dass das grönländische Eisschild womöglich nicht so empfindlich auf eine Erwärmung reagiert, wie bisher angenommen. Allerdings: Wenn nicht Grönland damals einen Grossteil seines Eises ins Meer abgestossen hat, dann muss laut den Forschenden die Antarktis für einen Grossteil der 4 bis 8 Meter Meeresspiegelanstieg verantwortlich sein. Vor allem die Westantarktis würde somit im Vergleich sensitiver auf Klimaveränderungen der heutigen Zeit reagieren als bisher angenommen.
Grönland verlor 25 Prozent von seinem Eis

Die neuen Ergebnisse zeigen auch zeitliche Änderungen der erhöhten Temperaturen in Nordgrönland im Verlauf der letzten Warmzeit. Zu Beginn der Eem-Phase (vor 128'000 Jahren) war das Eisschild in der Nähe der NEEM-Eiskernbohrung 200 Meter höher als heute. Zu jener Zeit war die Temperatur bis zu 8 Grad Celsius wärmer. Zum Ende der Eem-Zeit war die Eisdicke schliesslich im Vergleich zu heute um 130 Meter geringer, aber sie war immer noch 2400 Meter dick. Die Temperaturen waren zu diesem Zeitpunkt immer noch 5 Grad Celsius höher als heute.

Das Forscherteam schätzt aufgrund dieser Messungen, dass das grönländische Eisschild sich innerhalb von 6000 Jahren um etwa 25 Prozent verkleinerte. Die Rate, mit der die Höhe des Eisschildes in der frühen Warmzeit abnahm, war mit 6 Zentimetern pro Jahr dennoch beträchtlich, und der Verlust an Eismasse war vergleichbar mit den Beobachtungen der letzten 10 Jahre.

Die Berner Beteiligung am NEEM-Projekt

Am NEEM-Projekt, geleitet von der Universität Kopenhagen, nahmen insgesamt 14 Nationen teil. Das Team bohrte in Norwestgrönland in nur etwas mehr als zwei Jahren einen tiefen Eisbohrkern bis zum Felsuntergrund. Daraus wurde die erste komplette grönländische Eiskern-Zeitreihe über die letzte Warmzeit, die Eem-Periode, rekonstruiert.

Unter anderem werden die Treibhausgase und die Luftmenge im Eis von der Abteilung Klima- und Umweltphysik des Physikalischen Instituts der Universität Bern gemessen. Das Berner Forscherteam, welches auch Teil des Oeschger Zentrums für Klimaforschung an der Universität Bern ist, misst ebenfalls die Konzentrationen von ionischen und partikulären Aerosolkomponenten im Eis in extrem hoher Auflösung – vergleichbar mit Baumringen, welche die jährlichen Klima-Veränderungen widerspiegeln.

Bibliographische Angaben:
NEEM community members: Eemian interglacial reconstructed from a Greenland folded ice core, Nature, 23. Januar 2013, doi:10.1038/nature11789

Nathalie Matter | Universität Bern
Weitere Informationen:
http://www.unibe.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Warum der Meeresboden in Bewegung gerät
13.02.2018 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Erste Messung der Erdgravitation mit einer transportablen optischen Uhr
12.02.2018 | Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Im Focus: Demonstration of a single molecule piezoelectric effect

Breakthrough provides a new concept of the design of molecular motors, sensors and electricity generators at nanoscale

Researchers from the Institute of Organic Chemistry and Biochemistry of the CAS (IOCB Prague), Institute of Physics of the CAS (IP CAS) and Palacký University...

Im Focus: Das VLT der ESO arbeitet erstmals wie ein 16-Meter-Teleskop

Erstes Licht für das ESPRESSO-Instrument mit allen vier Hauptteleskopen

Das ESPRESSO-Instrument am Very Large Telescope der ESO in Chile hat zum ersten Mal das kombinierte Licht aller vier 8,2-Meter-Hauptteleskope nutzbar gemacht....

Im Focus: Neuer Quantenspeicher behält Information über Stunden

Information in einem Quantensystem abzuspeichern ist schwer, sie geht meist rasch verloren. An der TU Wien erzielte man nun ultralange Speicherzeiten mit winzigen Diamanten.

Mit Quantenteilchen kann man Information speichern und manipulieren – das ist die Basis für viele vielversprechende Technologien, vom hochsensiblen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Auf der grünen Welle in die Zukunft des Mobilfunks

16.02.2018 | Veranstaltungen

Smart City: Interdisziplinäre Konferenz zu Solarenergie und Architektur

15.02.2018 | Veranstaltungen

Forschung für fruchtbare Böden / BonaRes-Konferenz 2018 versammelt internationale Bodenforscher

15.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

17.02.2018 | Energie und Elektrotechnik

Stammbaum der Tagfalter erstmalig umfassend neu aufgestellt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Strategien zur Behandlung chronischer Nierenleiden kommen aus der Tierwelt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics