Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn die Gletscher schmelzen

29.06.2011
Aufgrund der Klimaerwärmung hat die Mehrheit der Gletscher deutlich an Fläche und Masse verloren. Diese Entwicklung hat nicht nur dramatische Auswirkungen auf das Landschaftsbild im Hochgebirge, sondern birgt auch Gefahren wie Überschwemmungen und Erdrutsche.

In einem aktuellen EU-Projekt unter der Leitung von Hermann Häusler vom Department für Umweltgeowissenschaften der Universität Wien geht ein internationales Forschungsteam dem Risikopotenzial von schmelzenden Gletschern in Europa und Zentralasien auf den Grund. Die dabei gesammelten Erkenntnisse könnten Leben retten.


Der Inylchek-Gletscher in Kirgisien ist mit 80 Kilometern der längste Hochgebirgsgletscher der Welt. (Bild: Hermann Häusler)


Die schmelzenden Gletscher hinterlassen riesige Schutthalden und bringen Überschwemmungen, Felsstürze, Geröll- oder Schlammlawinen mit sich. (Bild: Hermann Häusler)

"Bis auf wenige Ausnahmen schmelzen weltweit die Gletscher", erklärt Hermann Häusler vom Department für Umweltgeowissenschaften der Universität Wien. Der Geologe analysiert die Auswirkungen der Klimaveränderung auf das Gletscherverhalten in Österreich (Salzburger Alpen, Goldbergkees und Pasterze), Schwedisch Lappland und Kirgisien (Tien Shan-Gebirge) und leitet dazu ein großes EU-Forschungsprojekt.

Riesen-Flutwellen und instabile Hänge

Mit dem Rückzug der Gletscher sind schwerwiegende Konsequenzen für die umliegenden Gebiete und deren BewohnerInnen verbunden: "Einerseits bilden sich im ehemaligen Stirnbereich der abgeschmolzenen Eismassen Seen, die in weiterer Folge ausbrechen und riesige Flutwellen erzeugen können", so Häusler. In solchen Fällen stürzen mehrere hunderttausend Kubikmeter Wasser schlagartig ins Tal. Dabei verwüstet die gewaltige Flutwelle alles, was sich ihr in den Weg stellt: Bäume, Straßen, ganze Dörfer. "Andererseits werden nach einem Gletscherrückzug auch die Hänge instabil und neigen – etwa bei Erdbeben – zu Hangrutschungen." Derartige Katastrophen kosten alljährlich Menschenleben.

Im Rahmen des EU-Projektes "Impact of climate change and related glacier hazards and mitigation strategies in the European Alps, Swedish Lapland and the Tien Shan Mountains, Central Asia" wollen die WissenschafterInnen solchen Szenarien durch verbesserte Prognosemodelle und eine angepasste Landnutzungsplanung vorbeugen: "Die Öffentlichkeit ist sich zu wenig bewusst, welche Gefahren hier wirklich lauern. Wir schauen uns genau an, welche dynamischen Prozesse entstehen, wenn Gletscher abschmelzen. Man muss dieses komplexe System verstehen, um zu wissen, wo man mit Monitoring beziehungsweise Gegenmaßnahmen ansetzen kann. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es aber trotzdem nicht."

Europäisches Forschungsnetzwerk

Hermann Häusler arbeitet dabei eng mit Kollegen an der Wiener Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (Wolfgang Schöner), dem Geoforschungszentrum Potsdam (Ulrich Wetzel), der schwedischen Blekinge Tekniska Högskola (Gerhard Bax) und dem kirgisischen Central Asian Institute for Applied Geosciences (Bolot Moldobekov) zusammen. Kooperationspartner sind mehrere Universitäten – Zürich, Dresden, Moskau und Taschkent (Usbekistan) – sowie die Bayerische, Kirgisische und Chinesische Akademie der Wissenschaften.

Vom Himalaya…

Bereits von 1990 bis 2005 sammelte Häusler gemeinsam mit Diethard Leber, der ebenfalls am Department für Umweltgeowissenschaften der Universität Wien tätig ist, Erfahrungen im Rahmen eines Georisikoprojekts im Bhutan-Himalaya-Gebiet. Die vom Forschungsteam vorgeschlagenen Sanierungsmaßnahmen an einem ausbruchsgefährdeten Gletschersee in 5.300 Metern Höhe werden derzeit mit Mitteln des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) umgesetzt. Aufgrund der erfolgreichen Feldarbeit im Himalaya erfolgte die Einladung zur Mitarbeit beim Aufbau des Globalen Hochgebirgsobservatoriums in der Gletscherregion des zentralen Tien Shan ("Himmelsgebirge") in Kirgisien.

…ins Himmelsgebirge

Im Tien Shan-Gebirge erforscht Hermann Häusler mit seinem Team den Inylchek-Gletscher, mit 80 Kilometern längster Hochgebirgsgletscher der Welt: "Wir haben es hier mit einer weltweit einzigartigen Situation zu tun, da auf derselben geografischen Länge und Breite ein Teil des generell im Rückzug befindlichen Gletschers noch immer aktiv vorstößt. Hinzu kommt, dass zwischen dem nördlichen und dem südlichen Inylchek regelmäßig ein See aufgestaut wird, der aufgrund kaum bekannter Ursachen fast jährlich ausbricht."

Um das komplexe Gletschersystem besser verstehen zu können, ist Häusler jedes Jahr mindestens einen Monat vor Ort. Im Sommer 2011 wird das Forschungsteam der Universität Wien Geländearbeiten zur Beurteilung von Naturgefahren durchführen. "Wir vergleichen das Abschmelzverhalten ausgewählter Gletscher in einer Zeitreihenanalyse analoger und digitaler Satelliten-Fernerkundungsdaten mit einer Re-Analyse von Wetterdaten hochgelegener Klimastationen. Aus den gewonnenen Erkenntnissen leiten wir verbesserte Prognosemodelle für die zukünftige Gletscherveränderung sowie die Temperatur- und Niederschlagsentwicklung in Zentralasien bis 2050 ab", erläutert Hermann Häusler.

Zukunft ohne Gletscher?

Uneinig sind sich ForscherInnen weltweit hinsichtlich der Zukunftsperspektive der dahinschmelzenden Hochgebirgsgletscher. "Das Gletscherverhalten ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Ich gehe davon aus, dass sich die Situation weiter verschärfen wird. Dass es – wie manche KollegInnen meinen – bereits in 50 Jahren keine Gletscher mehr geben wird, glaube ich aber nicht. Es existieren sehr fundierte Forschungsergebnisse, die zu weit weniger pessimistischen Einschätzungen kommen", so Häusler.

Weiterführende Links

Department für Umweltgeowissenschaften der Universität Wien: http://umweltgeologie.univie.ac.at/

Projektbeschreibung:
http://umweltgeologie.univie.ac.at/environmental-geosciences-group/current-projects/euras-climpact/
Webseite des EU-Projekts:
http://www.rockspace.se/climpact
Wissenschaftlicher Kontakt
Ao. Univ.-Prof. Dr. Hermann Häusler
Department für Umweltgeowissenschaften
Universität Wien
1090 Wien, Althanstraße 14 (UZA II)
T +43-1-4277-534 07
hermann.haeusler@univie.ac.at
Rückfragehinweis
Mag. Alexander Dworzak
Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien
T +43-1-4277-175 31
M +43-664-602 77-175 31
alexander.dworzak@univie.ac.at

Alexander Dworzak | Universität Wien
Weitere Informationen:
http://www.univie.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen
26.04.2017 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

nachricht Flechten aus dem Bernsteinwald
25.04.2017 | Georg-August-Universität Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Im Focus: Making lightweight construction suitable for series production

More and more automobile companies are focusing on body parts made of carbon fiber reinforced plastics (CFRP). However, manufacturing and repair costs must be further reduced in order to make CFRP more economical in use. Together with the Volkswagen AG and five other partners in the project HolQueSt 3D, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) has developed laser processes for the automatic trimming, drilling and repair of three-dimensional components.

Automated manufacturing processes are the basis for ultimately establishing the series production of CFRP components. In the project HolQueSt 3D, the LZH has...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Ballungsräume Europas

26.04.2017 | Veranstaltungen

200 Weltneuheiten beim Innovationstag Mittelstand in Berlin

26.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Wie digitale Technik die Patientenversorgung verändert

26.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Akute Myeloische Leukämie: Ulmer erforschen bisher unbekannten Mechanismus der Blutkrebsentstehung

26.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Naturkatastrophen kosten Winzer jährlich Milliarden

26.04.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Zusammenhang zwischen Immunsystem, Hirnstruktur und Gedächtnis entdeckt

26.04.2017 | Biowissenschaften Chemie