Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gigantische Fundstelle fossiler Schildkröten entdeckt

26.10.2012
Eine vor wenigen Jahren im Rahmen einer Kooperation mit chinesischen Paläontologen entdeckte spektakuläre Fundstelle von etwa 1800 fossilen Schildkröten aus der Jurazeit wurde soeben in der interdisziplinären Fachzeitschrift `Naturwissenschaften` beschrieben. Beteiligt waren die Paläontologen Oliver Wings (Gastwissenschaftler am Museum für Naturkunde Berlin) sowie Walter Joyce (Universität Tübingen).

„Knochen über Knochen, wir haben unseren Augen nicht getraut“ so Oliver Wings, Paläontologe und Gastwissenschaftler am Museum für Naturkunde Berlin. Er spricht von Mesa Chelonia, einer vor wenigen Jahren im Rahmen einer Kooperation mit chinesischen Paläontologen entdeckten, spektakulären Fundstelle von fossilen Schildkröten aus der Jurazeit in der Provinz Xinjiang im Nordwesten Chinas, deren Beschreibung soeben in der interdisziplinären Fachzeitschrift „Naturwissenschaften“ erschienen ist.


Block der Schildkrötenschicht während der Präparation
Copyright: Museum für Naturkunde Berlin

Ausgehend von den bisherigen Grabungsfunden haben Wings und seine Kollegen die wahrscheinliche Zahl der dort gefundenen, zur Gattung Annemys gehörenden Schildkröten mit etwa 1800 Exemplaren berechnet. „Wahrscheinlich haben wir mit dieser Fundstelle die bekannte Individuenzahl von jurassischen Schildkröten mehr als verdoppelt“ sagt Mitorganisator und Koautor Dr. Walter Joyce von der Universität Tübingen, „die Panzer lagen teilweise wie gestapelt, dicht an dicht im Gestein“. Es handelt sich bei der Schicht um ein sogenanntes `bone bed`, ein Knochenlager, das in diesem Fall ausschließlich aus Schildkrötenresten besteht.

Seit 2007 sind Wings, Joyce und Kollegen in der Wüstenregion aktiv und entdeckten dort bei mehreren Expeditionen auch Überreste von Haien, Krokodilen, Säugetieren und mehrere Dinosaurierskelette. Was heute eine der trockensten Regionen der Erde ist, war vor etwa 160 Millionen Jahren eine grüne Fluss- und Seelandschaft in der es vor Leben wimmelte. Wie die Wissenschaftler nun belegen konnten, waren die Lebensbedingungen aber auch damals nicht immer ideal: Klimaänderungen sorgten für saisonale Trockenheit und waren wohl auch für die Entstehung dieser weltweit einmaligen Ansammlung entscheidend.

Die Schildkröten hatten sich während einer Dürreperiode an einem verbliebenen Wasserloch gesammelt und auf die Rückkehr des Regens gewartet, ähnliche Verhaltensweisen kennt man auch von heutigen Schildkröten, beispielsweise aus Australien. Damals allerdings kam der Regen zu spät: viele Schildkröten waren bereits verendet, ihre Kadaver zerfielen. Als das Wasser später doch zurückkehrte, kam es mit gewaltiger Kraft: Heftige Regenfälle verursachten einen Schlammstrom, der Schildkröten und frisch abgelagerte Sedimentschichten mit sich riss und nach kurzen Transport in chaotischer Weise ablagerte. Belege für diesen Ablauf fanden sich in den die Schildkröten umgebenden Gesteinsschichten.

Die hohe Anzahl der Tiere ermöglicht es den Wissenschaftlern, nun erstmals statistisch gesicherte Erkenntnisse zu asiatischen Schildkröten aus dem Erdmittelalter zu erhalten. Durch den zeitgleichen Tod sind beispielsweise Rückschlüsse auf Variabilität, Wachstumsreihen und morphologische Unterschiede innerhalb verschiedener Arten möglich.

Für die Fortsetzung der Geländearbeiten an den Dinosaurierfunden in den nächsten Jahren werden noch Sponsoren gesucht.

Veröffentlichung:
http://www.springerlink.com/openurl.asp?genre=article&id=doi:10.1007/
s00114-012-0974-5
Fotos erhalten Sie unter:
http://download.naturkundemuseum-berlin.de/presse/Schildkröte
Copyright: Museum für Naturkunde Berlin
Fig. 1. Seitenansicht der Fundstelle Mesa Chelonia in der Wüste nahe der Stadt Shanshan
Fig. 2. Oliver Wings bei Sägearbeiten zur Bergung der schildkrötenreichen Schicht
Fig. 3. Oliver Wings und Walter Joyce bei Sägearbeiten an der schildkrötenreichen Schicht
Fig. 4. Zur Stabilisierung eingegipster Block der Schildkrötenschicht vor der Bergung

Fig. 5. Block der Schildkrötenschicht während der Präparation

Kontakt:

Dr. Oliver Wings; Museum für Naturkunde Berlin, Email: oliver.wings@mfn-berlin.de

Dr. Walter G. Joyce, Universität Tübingen, Email: walter.joyce@uni-tuebingen.de

Dr. Gesine Steiner, Öffentlichkeitsarbeit, Tel. +49(0)30 2093 8917 Fax. +49(0)30 2093 8914, e-mail gesine.steiner@mfn-berlin.de; www.naturkundemuseum-berlin.de

Dr. Gesine Steiner | idw
Weitere Informationen:
http://www.naturkundemuseum-berlin.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen
26.04.2017 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

nachricht Flechten aus dem Bernsteinwald
25.04.2017 | Georg-August-Universität Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie