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Frühe Vertreter des Homo sapiens dürften in Afrika in verschiedenen isolierten Populationen gelebt haben. Ihre Auswanderung nach Eurasien und in weiterer Folge nach Australien und Amerika scheint in verschiedenen Schüben statt zu einem bestimmten Zeitpunkt geschehen zu sein.
Das schließen Anthropologen der Universität Wien aus der bisher größten Untersuchung fossiler Schädeln durch digitale geometrische Methoden. Die Verschiedenheit der Schädelformen war in den letzten 1,8 Mio. Jahren zur Zeit des frühen modernen Menschen am größten und übertraf damit sogar die hohe Variabilität der heute lebenden Menschen. Diese Resultate, die für die Debatte über die Entstehung der modernen Menschen und für die populationsgenetische Forschung bedeutend sind, wurden im Wissenschaftsmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.
Die Wiener Anthropologen untersuchten 200 Schädel aus sieben menschlichen Entwicklungsstufen, darunter archaische Formen wie Homo erectus, Neandertaler, frühe moderne Menschen, Menschen aus der Jungsteinzeit sowie heutige Menschen. Genetische Methoden sind bei solchen mehr als 100.000 Jahren Objekten nicht möglich. "Besonders die heißen Klimate Afrikas verringern die Chance, eine DNA zu finden", so Studienleiter Gerhard Weber, Institutsvorstand und Leiter des europäischen Anthropologie-Netzwerks EVAN http://www.evan.at , im pressetext-Interview. Die Forscher setzten hingegen auf die Digitalisierung der Schädel durch Computertomographie und Oberflächenscans. Nachdem am Computer fehlende Teile von Schädeln rekonstruiert wurden, setzte man 500 numerische Messpunkten auf der gesamten Oberfläche jeder digitalen Kopie fest. "Das stellt einen großen Fortschritt gegenüber früheren Methoden dar, die auf Gleitzirkel-Vermessungen angewiesen waren und kaum größere Vergleiche erlaubten", so der Anthropologe.
Der Schädel des frühen modernen Menschen, der in der Zeit des Spät-Pleistozäns vor 200.000 bis 100.000 Jahren in Afrika auftauchte, unterscheidet sich kaum von dem des heutigen Menschen verschiedener geografischer Regionen, erklärt Weber. "Er besaß eine sehr runde Form, im Gegensatz zum Flachschädel des Neandertalers oder des Homo erectus." Dennoch unterschieden sich die Formen der Schädel der untereinander weit mehr als angenommen. "Die Verschiedenheit der Schädelformen der heutiger Menschen ist sehr groß, doch zu einem früheren Zeitpunkt war sie bereits größer." Unterschiedliche Schädel sind Hinweis auf Migrationsprozesse, da schnelle Wanderungsbewegungen den genetischen Austausch fördern. Die Migration aus Afrika, wo die Anthropologie die Ursprünge des heutigen Menschen annimmt, sei in mehreren und teilweise überlagernden Wellen statt in einer einzelnen Auswanderungsbewegung geschehen, so der Schluss aus der Schädeluntersuchung. "Möglicherweise kehrten sie auch wieder zurück", so Weber.
Als Grund für die Verschiedenheit der Schädel sieht der Wiener Anthropologe die Isoliertheit räumlich getrennter Gruppen über lange Zeiträume, die zur Ausprägung neuer Merkmale führten, ohne dass dabei eine neue Art entstand. "Erst zu späteren Zeitpunkten kam es dann wieder zu Wanderungen und Durchmischungen." Die hohe Mobilität der heutigen Zeit habe diese Barrieren durch Isolation aufgehoben. "Eine Heirat ist heute theoretisch weltweit möglich, dadurch wird die Variabilität gesteigert, langfristig wird sie jedoch bei hoher Durchmischung wieder zurückgehen", so Weber. Aus Sicht der Evolution sei hohe Variabilität vorteilhaft, da eine Gruppe dadurch am besten auf Änderungen vorbereitet ist, betont der Anthropologe. "Für den Menschen ist diese Überlegung jedoch obsolet, da wir unsere Lebensbedingungen großteils selbst schaffen."
Johannes Pernsteiner | Quelle: pressetext.austria
Weitere Informationen: www.anthropology.at
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