Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Freiberger Wissenschaftler bei der Vermessung des schiefen Turms von Bad Frankenhausen

17.06.2014

Er ist schiefer als der berühmte schiefe Turm von Pisa – der Turm der Oberkirche in Bad Frankenhausen.

Dr. Thomas Martienßen von der TU Bergakademie Freiberg vermisst den Turm in Zusammenarbeit mit der Hochschule Magdeburg-Stendal seit 18 Jahren. Aktuell konnten die Wissenschaftler feststellen, dass der Turm weiter in Bewegung ist. Auch die Schäden im Gemäuer haben zugenommen.


Turm der Oberkirche in Bad Frankenhausen

(c) Prof. Tobias Scheffler


Differenzbilder der Auswertungen zeigen die Veränderungen an der Süd Ostfassade auf. Die Einfärbung stellt die Tiefenunterschiede zwischen den Jahren 2008, 2010, 2012 und 2014 dar. (c) Prof. Tobias Scheffler

Jedes Jahr neigt sich der 56 Meter hohe Turm der Oberkirche ein Stück mehr. Im Jahr 2011 entkam er nur knapp dem Abriss. Dr. Thomas Martienßen vom Institut für Markscheidewesen und Geodäsie der TU Bergakademie Freiberg führt zusammen mit seinem Kollegen Prof. Tobias Scheffler vom Fachbereich Bauwesen der Hochschule Magdeburg-Stendal regelmäßig Überwachungsmessungen am Turm durch. Sie stehen aufgrund der extremen Schieflage des Turms auch unter einem Sicherheitsaspekt. Seit 2008 wird das Gebäude zusätzlich durch ein Terrestrisches Laserscanning (TLS) überwacht. Dadurch werden nun auch Deformationen an der Kirchturmmauer selbst sichtbar.

Auch in diesem Jahr waren Dr. Thomas Martienßen und Prof. Tobias Scheffler wieder zu einer geodätischen Überwachungsmessung vor Ort. Die Ergebnisse zeigen: Der Turm ist weiter in Bewegung. Er weist aktuell an seiner Spitze eine Auslenkung von 4,54 Metern aus der Lotrechten auf. Die Bewegung der Kirchturmkugel hat sich in der letzten Messepoche aus nordöstlicher in nördliche Richtung verändert. In den vergangenen zwei Jahren hat sie sich um etwa 4,2 Zentimeter verschoben. Da drängt sich schnell die Frage auf: Ist der Turm der Oberkirche noch sicher? „Mittelfristig gesehen, also für die nächsten zwei bis drei Jahre, vielleicht. Eine sichere Prognose aus heutiger Sicht ist aufgrund der natürlichen Auslaugungsvorgänge im Untergrund kaum möglich“, resümiert Dr. Thomas Martienßen.

Zur Schiefstellung sind nun auch schwerwiegende Schäden im Gemäuer hinzugekommen. „Wir haben festgestellt, dass sich der Turm auch vom Gebäude her verändert. Das Mauerwerk ist zunehmend deformiert. Da brechen Steine heraus und es hat sich bereits eine Beule gebildet“, erklärt Dr. Thomas Martienßen. Diese Ausbeulung der Mauer ist an der Südseite des Kirchturms in mittlerer Höhe klar erkennbar. Die Beule hatte sich bereits im Zeitraum von 2008 bis 2012 um circa fünf bis sechs Zentimeter vergrößert. In diesem Jahr sind noch einmal drei Zentimeter hinzugekommen.

Die neuen Ausbeulungen konnten mithilfe der Terrestrischen Laserscannertechnik erfasst werden. Die Vorgabe eine Abtastrate sorgt für eine hinreichend dichte Erfassung der Oberflächen einzelner Gebäudeteile aus sicherer Entfernung zum Scanner. So lässt sich flächenhaft, berührungslos und schnell ein Bild der Oberfläche des Kirchturms zeichnen – mit all seinen Deformationen. Mit klassischen Überwachungsmethoden wären diese Schäden im Gemäuer so nicht quantifizierbar.

Die Schieflage des Turms ist durch den Untergrund bedingt, auf dem er steht. Denn tief im Untergrund löst Wasser das Gips- und Salzgestein langsam auf. Bodensenkungen sind die Folge. Das Problem ist schon lange bekannt, doch alle Unternehmungen, die Neigung des Turmes zu stoppen, hatten bislang nur wenig Erfolg. „Sie konnten den Prozess allenfalls verlangsamen“, meint Dr. Thomas Martienßen.

Dr. Thomas Martienßen ist Mitarbeiter am Institut für Markscheidewesen und Geodäsie. Der Diplom-Studiengang „Markscheidewesen und Angewandte Geodäsie“ ist als eigenständiger Studiengang einmalig in Deutschland. Das Markscheidewesen ist eine Ingenieurdisziplin.

Zu den Aufgaben des Markscheiders gehören die Erfassung, Auswertung, Modellierung und Darstellung von Objekten im Bereich des Bergbaus. Sie kommen heute etwa bei der Exploration neuer Lagerstätten oder bei der Schadensminimierung im Bergbau zum Einsatz. Geodäsie ist die Wissenschaft und Lehre von der Ausmessung und Abbildung der Erdoberfläche. Sie bildet die Basis jeder Koordinatenbestimmung auf und in der Erde sowie im erdnahen Raum.

Weitere Informationen:

http://www.tu-freiberg.de, http://tu-freiberg.de/fakult3/mage/index.html

Madlen Domaschke | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Wichtiger Prozess für Wolkenbildung aus Gasen entschlüsselt
05.12.2016 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

nachricht Expedition ans Ende der Welt
29.11.2016 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flüssiger Wasserstoff im freien Fall

05.12.2016 | Maschinenbau

Forscher sehen Biomolekülen bei der Arbeit zu

05.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungsnachrichten