Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit dem Forschungsflugzeug statt im Hundeschlitten

08.12.2011
100 Jahre nach der Südpol-Eroberung vermessen Geophysiker des Alfred-Wegener-Institutes von Bord der Polar 6 die Gletscher der Antarktis

Mit Hundefutter und einer Meute Huskys käme Dr. Veit Helm auf seinen Antarktis-Expeditionen nicht sehr weit. Stattdessen erforscht der Geophysiker am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft den vereisten Kontinent von Bord eines Flugzeuges aus und hat vor wenigen Tagen die erste Messkampagne des neuen Forschungsfliegers Polar 6 erfolgreich beendet.

Die Flüge gehörten zum „CryoSat-2-Validierungsexperiment“, das die Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Institutes gemeinsam mit Kollegen von der australischen Universität von Tasmanien in der Ostantarktis durchgeführt haben. Unterstützt wurden sie dabei durch die Australian Antarctic Division (AAD) und die Europäische Raumfahrtagentur (ESA). „Wir haben den Totten-Gletscher und den Law Dome vermessen, um Daten zu gewinnen, mit denen wir die Genauigkeit des ESA-Satelliten CryoSat-2 überprüfen können“, sagt Dr. Veit Helm.

Der Satellit CryoSat-2 kreist seit dem 8. April 2010 um die Erde. Er erfasst in der Arktis und Antarktis Veränderungen der Meereisdicke und sich ändernde Oberflächenhöhen von Landeis und liefert auf diese Weise wichtige Daten für die Klimaforschung. Über der Antarktis zum Beispiel misst er mit seinen zwei Radar-Antennen bis auf wenige Zentimeter genau, wie weit Gletscher in die Höhe ragen. Forscher nutzen diese regelmäßig erhobenen Daten, um zu überprüfen, ob und in wieweit die Inland-Eismassen der Antarktis zunehmen oder schrumpfen.

Um jedoch sicherzugehen, dass der Satellit Daten mit größtmöglicher Genauigkeit erhebt, führen die Wissenschaftler regelmäßig Vergleichsmessungen aus der Luft und am Boden durch. „Mit dem CryoSat-2-Validierungsexperiment wird untersucht, welchen Einfluss die physikalischen Eigenschaften der oberen Schnee- und Eisschicht auf das Radarsignal ausüben, das der Satellit aussendet und wieder empfängt. Je nachdem, wie zum Beispiel die Korngröße des Schnees beschaffen ist, wie stark er sich verdichtet hat oder wie er geschichtet ist, kann das Radarsignal tiefer oder weniger tief eindringen und wird dementsprechend unterschiedlich reflektiert. Ignorieren wir diese Faktoren bei der Datenauswertung, kann es schnell zu Fehlinterpretationen kommen“, erklärt Veit Helm.

Um die Bedeutung solcher Einflussgrößen zu verstehen, müssen die Wissenschaftler für Validierungsexperimente ins Feld. Die Messungen des neuen, durch ein BMBF Projekt beschafften und vor kurzem vom AWI in Dienst gestellten Forschungsflugzeuges Polar 6 bilden dabei das Bindeglied zwischen den Satellitenmessungen aus dem All und Kontrolluntersuchungen am Boden. „Polar 6 besitzt nicht nur das gleiche Radarsystem wie der Satellit. Wir haben auch einen Laserscanner an Bord, der die Eisoberfläche in hoher Auflösung abtastet, sodass wir hochgenaue Höhenmodelle erstellen können, die dann wiederum als Vergleichswert für die CryoSat-Messungen dienen“, erklärt Veit Helm.

Während der deutsche Geophysiker im Flugzeug über den zwei Gletschern kreiste, fuhren seine australischen Kollegen mit dem Motorschlitten durch die ausgewählten Untersuchungsgebiete. „Die Motorschlitten waren mit einem GPS-System ausgerüstet, das die Oberflächentopografie des Geländes aufgezeichnet hat. Außerdem hat das Bodenteam Schächte in die obere Schnee- und Eisschicht gegraben, um ihre physikalischen Eigenschaften zu untersuchen“, sagt Veit Helm.

Der Totten-Gletscher in der Nähe der australischen Forschungsstation Casey gilt als Region mit den größten Oberflächenveränderungen in der Ostantarktis. Er senkt sich ab und eignet sich deshalb perfekt für die Validierungsmessungen. Mit der CryoSat-Mission haben sich die Geophysiker nämlich das Ziel gesetzt, Veränderungen der polaren Eismassen per Satellit bis in das kleinstmögliche Detail zu erfassen.

Dem Südpol-Eroberer Roald Amundsen haben die Forscher auf diese Weise nicht nur viel Wissen und einen Helfer aus dem All voraus. Bei jedem Messflug der Polar 6 können Wissenschaftler und Crew auch auf warme Polaranzüge und ein ausgefeiltes Notfallpaket vertrauen. Darin enthalten sind zum Beispiel pro Person ein Schlafsack, eine Isomatte, Socken, Handschuhe, Sonnenschutzmittel, Besteck, Toilettenpapier, getrocknete Essensrationen für sieben Tage und ein portables Satelliten-Telefon, das die Crew immer parat hat.

Das Alfred-Wegener-Institut forscht in der Arktis, Antarktis und den Ozeanen der mittleren sowie hohen Breiten. Es koordiniert die Polarforschung in Deutschland und stellt wichtige Infrastruktur wie den Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen in der Arktis und Antarktis für die internationale Wissenschaft zur Verfügung. Das Alfred-Wegener-Institut ist eines der 17 Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

Ralf Röchert | idw
Weitere Informationen:
http://www.awi.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Expedition ans Ende der Welt
29.11.2016 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Lakkolithe können auch während eines Vulkanausbruchs entstehen
24.11.2016 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie