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Expedition zum Kiritimati-Atoll übertrifft Erwartungen

29.03.2011
Wissenschaftler untersuchen Ökologie der Salzseen auf der Weihnachtsinsel

Erste Ergebnisse der Expedition zu den Salzseen des Kiritimati-Atolls im zentralen Pazifik haben die Erwartungen der Forschergruppe von Geobiologen der Universität Göttingen weit übertroffen.


Unterwasseraufnahme mit gelb-oranger Cyanobakterien-Matte. Universität Göttingen


Bakterienmatten-Kern mit Kalk an der Basis. Universität Göttingen

Die Expedition unter der Leitung von Prof. Dr. Joachim Reitner und Dr. Nicole Brinkmann vom Geowissenschaftlichen Institut hat die Ökologie, Artenvielfalt und Wasserchemie der seltenen Salzseen des Atolls sowie die Mineralbildung untersucht. So konnten die Wissenschaftler unter anderem das Alter der Seen eingrenzen und anhand von mineralischen Ablagerungen in Bakterienmatten Aufschluss über geobiologische Wachstumsprozesse gewinnen. Kiritimati im Staat Kiribati gehört zur Atoll-Gruppe der Line Islands und ist vergleichbar mit der Vulkankette der Hawaii-Inseln.

Die rund 500 kleineren und größeren Seen des Atolls weisen teilweise sehr hohe Salzgehalte auf. „Diese Salzseen sind wie ein Fenster in die biologische und geologische Vergangenheit und erlauben Einblicke in gesteins- und mineralbildende Prozesse, wie sie in der Frühzeit der Erde vor rund einer Milliarde Jahren abgelaufen sind“, erklärt Prof. Reitner. Der gesamte Seeboden ist von gallertartigen dicken Matten bedeckt, in denen krustenartige Mineralgebilde entstehen. Die Forscher haben die mikrobielle Vielfalt, die Zusammensetzung der organischen Matrix und das chemische Milieu in diesen Bakterienmatten untersucht. Sie erhoffen sich Aufschlüsse darüber, wie Mikroorganismen in der Lage sind, die Mineral- und Gesteinsbildung zu steuern.

Wie die Wissenschaftler herausfanden, haben die bis zu 15 Zentimeter dicken Bakterienmatten in den Salzseen verschiedenfarbige Zonen. Innerhalb dieser orange, grün, rot oder schwarzbraun geschichteten Zonen entstehen unterschiedliche Minerale wie Kalk (Aragonit), Gips und weitere Salze, die erst im Labor näher bestimmt werden können. Die mineralischen Lagen an der Basis der Matten sind oft fein geschichtet und zeigen einen periodischen Wachstumsprozess an. Dabei sind Strukturen entstanden, die in der Geologie als Stromatolithe bekannt sind. „Die Stromatolithe stellen wichtige Archive der Erdgeschichte dar, in denen die ursprünglichen Umweltbedingungen abgelesen werden können“, erläutert Prof. Reitner. Die Bildungsbedingungen und Wachstumsprozesse dieser Strukturen sind ein zentrales Thema der Göttinger Forschergruppe.

Wesentliche neue Erkenntnisse konnten die Wissenschaftler aus der direkten Beobachtung der Vorgänge in den Matten gewinnen. Durch Messungen mit Mikrosensoren gelang es, die Verteilung der Sauerstoff- und Kalziumkonzentration sowie des pH-Wertes festzustellen. Die Ergebnisse zeigen, dass in den Matten sauerstofffreie Zonen dominieren und die damit verbundenen speziellen Stoffwechselprozesse die Mineralbildung beeinflussen. Wasserchemische Analysen ergaben außerdem zum Teil ungewöhnlich hohe Salzgehalte, wie sie zum Beispiel im Toten Meer vorkommen – optimale Lebensbedingungen für Mikroorganismen, die sich den extremen Umweltbedingungen angepasst haben.

Zudem haben die Forscher die Organismen in den Matten mit klassischen Kultivierungs- und Fixiertechniken untersucht. Die wichtigen DNA- und RNA-Untersuchungen erfolgen später im Labor. Erste Ergebnisse der Anzucht-Kulturen lassen dabei eine Vielzahl neuer Arten in den Matten vermuten. Die organische Matrix der Matten weist außerdem auf eine qualitativ und quantitativ unterschiedliche Zusammensetzung in den einzelnen Lagen hin. Die geobiologischen Untersuchungen der Göttinger Wissenschaftler legen nahe, dass die Salzseen – und damit vermutlich auch die mikrobiellen Matten – einige tausend Jahre alt sind. „Die Mattensysteme sind hervorragende Recycling-Maschinen, die oft mit geringen Energiebilanzen auskommen“, so Prof. Reitner. Offenbar bildet dabei weniger salziges Grundwasser, das unter Wasser austritt, eine wichtige Nährstoffquelle für die Mikroben-Gemeinschaften.

„Die Ausarbeitung der gewonnenen Daten wird einige Zeit in Anspruch nehmen“, erläutert Prof. Reitner. „Die besondere Lage, die geologische Geschichte und die habitatspezifischen Matten der Insel sind ein idealer geobiologischer Forschungsstandort, den wir sicherlich noch häufiger besuchen werden.“

Die Expedition wurde im Rahmen der DFG-Forschergruppe Geobiology of Organo- and Biofilms durchgeführt. Neben den Göttinger Forschern nahmen daran auch Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen, dem Helmholtzzentrum für Umweltforschung in Magdeburg und der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen in Braunschweig teil.

Kontaktadresse:
Prof. Dr. Joachim Reitner
Georg-August-Universität Göttingen
Fakultät für Geowissenschaften und Geographie
Geowissenschaftliches Zentrum – Abteilung Geobiologie
Goldschmidtstraße 3, 37077 Göttingen
Telefon (0551) 39-7950, Fax (0551) 39-7918
E-Mail: jreitne@gwdg.de

Dr. Bernd Ebeling | idw
Weitere Informationen:
http://www.geobiologie.uni-goettingen.de

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