Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erheblicher Gletscherschwund in Zentralasiens grösster Gebirgskette

18.08.2015

Die Gletscher in Zentralasien verzeichnen einen erheblichen Verlust an Masse und Fläche. Entlang des Tien Shans, Zentralasiens größtem Gebirge, hat sich das Volumen der Eismassen in den letzten 50 Jahren um rund 27% verringert, die vom Eis bedeckte Fläche reduzierte sich um 18%.

Ein internationales Forscherteam unter Leitung von Wissenschaftlern des Deutschen GeoForschungsZentrums GFZ und der Zusammenarbeit von u. a. dem Institut des Französischen Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) an der Universität Rennes ermittelte einen Schwund der Gletscherflächen um fast 3000 Quadratkilometer, was mit einem mittleren Eisverlust von 5,4 Gigatonnen pro Jahr einhergeht. In der aktuellen Onlineausgabe von Nature Geoscience schätzen die Autoren, dass bis 2050 die Hälfte der Gletscher im Tien Shan verschwunden sein könnte.


Glaziologische Feldmessungen auf einem Gletscher im Jetim-Bel Gebirge, Kirgistan. Systematische in-situ-Beobachtungen, wie hier abgebildet, sind wichtig, um Satellitendaten mit Bodendaten abzugleichen (Foto: D. Farinotti, GFZ/WSL)

Gletscher spielen für die Wasserversorgung Zentralasiens eine zentrale Rolle. Schmelzwasser aus dem Tien Shan ist für die Versorgung von Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan und Teile Chinas von entscheidender Bedeutung.

„Trotz dieser Wichtigkeit war bisher nur wenig über die Entwicklung der Gletscher in Zentralasien während des letzten halben Jahrhunderts bekannt“, erläutert Daniel Farinotti, der Hauptautor der Studie, den vorliegenden Wissensstand. Die meisten direkten Gletschermessreihen, welche nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eingestellt wurden, werden erst jetzt und nur zum Teil wieder aufgenommen, während moderne Beobachtungsmethoden nur einen beschränkten Zeitraum abdecken.

GFZ-Wissenschaftler Farinotti und seine Kollegen stellten jetzt eine Rekonstruktion der Gletscherentwicklung im Tien Shan vor. „Dazu kombinierten wir Messungen und Methoden von Satellitengravimetrie, Laserhöhenmessung und glaziologischer Modellierung“, so Farinotti. „Wir konnten die Entwicklung jedes einzelnen Gletschers im Tien Shan nachvollziehen. Die Gletscher im Tien Shan verlieren zur Zeit jährlich eine Wassermenge, die ungefähr dem doppelten Jahreswasserverbrauch ganz Deutschlands entspricht.“

Gletscher in Zentralasien

Gletscher können Wasser als Eis über Jahrzehnte speichern und geben den Winterniederschlag im Sommer als Schmelzwasser wieder frei. Das ist vor allem in saisonal-ariden Gebieten wichtig, d.h. in Gebieten, welche praktisch niederschlagslose Monate aufweisen, da die lokale Wasserversorgung in diesen Fällen mit dem Schmelzwasserdargebot eng gekoppelt ist.

Zentralasien ist das herausragende Beispiel für die menschliche Abhängigkeit von Gewässern, die saisonal von Gletschern moduliert sind. Nirgendswo ist die Frage nach dem Zustand der Gletscher enger mit der Frage der Wasserverfügbarkeit, und damit der Nahrungsmittelsicherheit, verknüpft.
Für den Tien Shan zeigte sich als Ergebnis der Untersuchung, dass sich der Gletscherschwund zwischen den 1970er und den 1980er Jahre um das Dreifache beschleunigte.

Daniel Farinotti: „Die längerfristige Einwirkung kann klar dem generellen Temperaturanstieg zugeschrieben werden“. Eines der Resultate der Studie zeigt nämlich, wie der Anstieg der Temperatur, und insbesondere der Sommertemperatur, die primäre Ursache für die Gletscherentwicklung der Region ist.

„Für Zentralasien ist diese Aussage weniger trivial als sie zunächst erscheinen mag: Da die Wintermonate sehr trocken und die Berge sehr hoch sind erhalten die Gletscher den meisten Schneefall während des Sommers“, erläutert Farinotti. „Dies bedeutet, dass ein Anstieg der Temperatur sowohl zu einer verstärkten Schmelze als auch zu einem verminderten ‚Gletschernährung‘ führt – und beides unterstützt den Gletscherschwund.“

Durch das Verwenden der neuesten zur Verfügung stehenden Klimaszenarien, welche für die Sommermonate der Periode 2021-2050 einen zusätzlichen Temperaturanstieg von ca. 2 °C projizieren, präsentieren die Autoren auch einen ersten Ausblick für die zukünftige Entwicklung: Die Hälfte des gesamten Eisvolumens, welches heute in den Gletschern des Tien Shan gespeichert ist, könnte bis in die 2050er Jahren abgeschmolzen sein.

Daniel Farinotti, Laurent Longuevergne, Geir Moholdt, Doris Duethmann, Thomas Mölg, Tobias Bolch, Sergiy Vorogushyn, and Andreas Güntner: “Substantial glacier mass loss in the Tien Shan over the past 50 years”, Nature Geoscience, Advance Online Publication, 17.08.2015, DOI: 10.1038/ngeo2513

Abb. in druckfähiger Auflösung finden sich hier:

Fig 1: http://tinyurl.com/q4um95h
Glaziologische Feldmessungen auf einem Gletscher im Jetim-Bel Gebirge, Kirgistan. Systematische in-situ-Beobachtungen, wie hier abgebildet, sind wichtig, um Satellitendaten mit Bodendaten abzugleichen (Foto: D. Farinotti, GFZ/WSL)

Fig 2: http://tinyurl.com/qd4xgly
Zwei namenlose Gletscher im Chrebet Terskey Gebirge, Kirgistan. Die Wichtigkeit der Topographie für die Gletscher ist deutlich: Nordhänge sind vergletschert, Südhänge hingegen eisfrei. (Foto: D. Farinotti, GFZ/WSL)

Fig 3: http://tinyurl.com/o45v539
Nordhang des Jetim-Bel Gebirge, Kirgisstan. Gletscherschmelze ist eine wesentliche Wasseressource in der ansonsten trockenen Umgebung. (Foto: D. Farinotti, GFZ/WSL)

Fig 4: http://tinyurl.com/pdv3h3l
Im See spiegeln sich die mit frischem Schnee bedeckten Gletscher des Teskey Ala-Too, Kirgisistan. Der Eindruck täuscht: die Gletscher des Tien Shan verlieren dramatisch an Masse. (Foto: D. Farinotti, GFZ/WSL)

Franz Ossing | Helmholtz-Zentrum Potsdam - Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ
Weitere Informationen:
http://www.gfz-potsdam.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen
26.04.2017 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

nachricht Flechten aus dem Bernsteinwald
25.04.2017 | Georg-August-Universität Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie