Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erdbeben in Chile: keine Entwarnung

04.04.2014

Seismologen des Deutschen GeoForschungsZentrums GFZ warnen vor der Annahme, dass mit dem Starkbeben die dortige seismische Lücke geschlossen wurde und das Erdbebenrisiko vor Ort sich verringert habe. Im Gegenteil zeigen erste Untersuchungen des Bruchprozesses und der Nachbeben, dass lediglich etwa ein Drittel der gefährdeten Zone durchbrochen ist.

Seismische Lücke noch nicht geschlossen / Bevorstehender Einsatz von Wissenschaftlern


Nachbeben in Südchile (Abbildung: GFZ)

Nach dem starken Erdbeben in Chile vom 02. April (MESZ) haben zahlreiche Nachbeben mit teilweise beträchtlicher Stärke die Region um Iquique heimgesucht. Seismologen des Deutschen GeoForschungsZentrums GFZ warnen vor der Annahme, dass mit dem Starkbeben die dortige seismische Lücke geschlossen wurde und das Erdbebenrisiko vor Ort sich verringert habe. Im Gegenteil zeigen erste Untersuchungen des Bruchprozesses und der Nachbeben, dass lediglich etwa ein Drittel der gefährdeten Zone durchbrochen ist.

Die seismische Lücke von Iquique wird so genannt, weil dort ein starkes Beben erwartet wird. Südamerikas Westküste wird durch den Zusammenstoß der pazifischen Nazca-Platte mit der Südamerikanischen Platte geprägt.

„In einem untermeerischen Graben entlang der Küste taucht der Pazifikboden unter den Kontinent und baut dabei Spannung auf, die sich durch Erdbeben entlädt,“ erklärt Professor Onno Oncken vom GFZ. „Im Verlauf von rund 150 Jahren bricht dabei der gesamte Plattenrand vom Süden in Patagonien bis nach Panama im Norden mit großen Erdbeben einmal komplett durch.“ Dieser Zyklus ist auch bereits durchlaufen – mit der Ausnahme eines letzten Segments westlich von Iquique in Nordchile. Das starke Erdbeben vom 02. April fand, wie erwartet, genau in dieser seismischen Lücke statt.

Keine Entspannung

Erste Analysen der GFZ-Seismologen zeigten nun, dass von einem Abbau der Spannung in der Erdkruste an dieser Stelle nicht die Rede sein kann: „Nur das mittlere Stück dieser Spannungszone hat sich entladen,“ führt Oncken weiter aus. Die Erdbebenserie begann bereits am 16. März mit einem Beben der Magnitude 6,7.

Durch das Hauptbeben der Stärke M=8,1 brach zwar das Mittelstück der seismischen Lücke mit einer Länge von rund 100 Kilometern, zwei große Segmente nördlich und südlich davon blieben aber intakt. Diese sind jeweils in der Lage, große Beben mit Erschütterungs- und Tsunamigefahr zu erzeugen.

Oncken: „Das bedeutet, dass die Gefahr eines oder gar mehrerer Beben mit Magnituden deutlich über 8 nach wie vor noch besteht.“ Auch die Lage und Stärke der Nachbeben deutet auf eine solche Situation hin.

Seit dem Hauptstoß wurden hunderte Nachbeben registriert, das größte am 02. April (MESZ) mit Magnitude 7,6. Dieses Beben ereignete sich rund 100 Kilometer südlich vom Hauptbeben und bildet mit seinen Nachbeben einen zweiten Erdbebenherd.

Wissenschaftler fahren zum Feldeinsatz

Für solche Extremereignisse hat das GeoForschungsZentrum eine Einsatzgruppe namens HART (Hazard and Risk Team), die zu weiteren Untersuchungen in das betroffene Gebiet reist. Ziel eines solchen Einsatzes ist, anhand der Nachbeben weitere detailierte Erkenntnisse des Bruchvorgangs zu gewinnen und die Bruchfläche anhand der Verteilung der Nachbeben genauer zu bestimmen.

Aktuell werden 25 Seismometer für die Luftfracht vorbereitet. Am Anfang der kommenden Woche fliegt das aus acht GFZ-Wissenschaftlern bestehende Team nach Chile. Die 25 portablen Seismometer werden dazu verwendet, das bestehende Observatoriumsnetz IPOC (Integrated Plate Boundary Observatory Chile) zu verdichten und so die Genauigkeit der Herdbestimmung zu erhöhen. Weiterhin werden 50 GPS-Messpunkte hochpräzise vermessen und zusätzlich zwei neue GPS-Stationen installiert, um die Deformation der Erdkriuste durch das Erdbeben zu erfassen.

Auch das Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Geomar in Kiel plant, die Messkampagne unterstützen. Mit Ozeanbodenseismometern sollen Messungen der Nachbeben am Meeresgrund die landgestützten seismischen Daten ergänzen.

Das Plattenrandobservatorium IPOC in Chile
Auf Initiative des Deutschen GeoForschungsZentrums wurde direkt in der seimischen Lücken Nordchiles ein Observatorium aufgebaut, um hier die tektonischen Vorgänge vor, während und nach dem erwarteten Starkbeben präzise zu messen und aufzuzeichnen.

Das Integrated Plate Boundary Observatory Chile (IPOC) genannte Observatorium ist ein europäisch-amerikanisches Netz von Einrichtungen und Wissenschaftlern. Außeruniversitäre deutsche, französische, chilenische und amerikanischen Forschungseinrichtungen betreiben zusammen mit mehreren chilenische und deutsche Universitäten ein dezentrales Instrumentensystem an Chiles konvergentem Plattenrand, um Erdbeben, Deformationen, Magmatismus und Oberflächenprozesse zu erfassen.

Das ist mit dem Erdbeben vom 02. April auch gelungen: „Unsere gesamte Instrumentierung hat das Beben und die Nachbeben unversehrt überstanden. Wir haben jetzt einen Datensatz, der weltweit einzigartig ist,“ freut sich GFZ-Seismologe Günter Asch, der unmittelbar vor dem Beben noch die Instrumente vor Ort überprüft hatte und sich jetzt erneut auf den Weg macht.

„Wir gehen davon aus, dass diese Daten uns ermöglichen werden, den gesamten Bebenvorgang – von der Phase des Spannungsaufbaus über den eigentlichen Bruch bis in die postseismische Phase nachzuvollziehen.“ Daraus leitet sich Wissen über das Erdbebenrisiko nicht nur in diesem Teil der Welt ab.

IPOC wird weiter ausgebaut. Bisher wurden über 20 Multi-Parameter-Stationen errichtet. Diese bestehen aus Breitbandseismografen, Akzelerometern, kontinuierlichen GPS-Empfängern, magneto-tellurischen Sonden, Dehnungsmessgeräten und Klimasensoren. Deren Daten werden in Echtzeit nach Potsdam übertragen. Auch die Europäische Südsternwarte auf dem Cerro Paranal wurde in dieses Observatoriennetzwerk einbezogen.

Eine Animation der Erdbebensequenz seit dem 17.03.2014 bis zum 03.04.2014 findet sich hier:
https://media.gfz-potsdam.de/gfz/wv/05_Medien_Kommunikation/Bildarchiv/Erdbeben%...

Weitere Informationen über IPOC:
http://www.gfz-potsdam.de/scientific-services/observatorien/erdsystemobservatori...

Aktuelle Erdbebeninformation weltweit:
http://www.gfz-potsdam.de/medien-kommunikation/aktuelle-erdbebeninformationen/

Franz Ossing | GFZ Potsdam

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Flechten aus dem Bernsteinwald
25.04.2017 | Georg-August-Universität Göttingen

nachricht Riesenfaultier war Vegetarier - Ernährung des fossilen Megatheriums entschlüsselt
18.04.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Im Focus: Making lightweight construction suitable for series production

More and more automobile companies are focusing on body parts made of carbon fiber reinforced plastics (CFRP). However, manufacturing and repair costs must be further reduced in order to make CFRP more economical in use. Together with the Volkswagen AG and five other partners in the project HolQueSt 3D, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) has developed laser processes for the automatic trimming, drilling and repair of three-dimensional components.

Automated manufacturing processes are the basis for ultimately establishing the series production of CFRP components. In the project HolQueSt 3D, the LZH has...

Im Focus: Wonder material? Novel nanotube structure strengthens thin films for flexible electronics

Reflecting the structure of composites found in nature and the ancient world, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have synthesized thin carbon nanotube (CNT) textiles that exhibit both high electrical conductivity and a level of toughness that is about fifty times higher than copper films, currently used in electronics.

"The structural robustness of thin metal films has significant importance for the reliable operation of smart skin and flexible electronics including...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

„Microbiology and Infection“ - deutschlandweit größte Fachkonferenz in Würzburg

25.04.2017 | Veranstaltungen

Berührungslose Schichtdickenmessung in der Qualitätskontrolle

25.04.2017 | Veranstaltungen

Forschungsexpedition „Meere und Ozeane“ mit dem Ausstellungsschiff MS Wissenschaft

24.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Microbiology and Infection“ - deutschlandweit größte Fachkonferenz in Würzburg

25.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Auf dem Weg zur lückenlosen Qualitätsüberwachung in der gesamten Lieferkette

25.04.2017 | Verkehr Logistik

Digitalisierung bringt Produktion zurück an den Standort Deutschland

25.04.2017 | Wirtschaft Finanzen