Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zum Ende des Internationalen Polarjahres 2007/2008

27.02.2009
Wissenschaftler aus ganz Deutschland ziehen positives Resümee

Das Internationale Polarjahr 2007/2008 geht zu Ende. Rund 120 Personen feiern heute im Klimahaus Bremerhaven zwei Jahre intensiver, international koordinierter wissenschaftlicher Kampagnen in beiden Polarregionen der Erde. Während der deutschen Abschlussveranstaltung zum Internationalen Polarjahr 2007/2008 blickten sie aber nicht nur auf neue Erkenntnisse und erfolgreiche deutsche Beiträge zurück, die Wissenschaftler aus dem gesamten Bundesgebiet betonten auch die künftige Bedeutung der Polarforschung. "Ein koordiniertes Programm für die Polarforschung, das die verschiedenen Disziplinen von der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung bis zur sozio-ökonomischen Forschung und der Forschung des öffentlichen Sektors zusammenbringt, ist für die anstehenden, großen Herausforderungen in den sich verändernden Polargebieten zu empfehlen und würde große Fortschritte ermöglichen", unterstrich Prof. Dr. Karin Lochte, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft, die Wichtigkeit weiterer Forschung in Arktis und Antarktis.

Im Internationalen Polarjahr 2007/2008, das am 1. März 2007 begann, konnten hochinteressante Phänomene in Arktis und Antarktis beobachtet und wissenschaftliche Entdeckungen gemacht werden. Dabei wurden Fortschritte in der interdisziplinären und internationalen Kooperation erzielt und vor allem neue Erkenntnisse über die Rolle der Polarregionen im System Erde gewonnen. Allein in Deutschland waren über 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschafter verschiedener Institute mit knapp 70 Einzelprojekten beteiligt. Ein breites Spektrum an forschenden Disziplinen wie Biologie, Geowissenschaften, Atmosphärenwissenschaften, Ozeanographie, Klimaforschung, Human- und Sozialwissenschaften waren vertreten. Das internationale Polarjahr ermöglichte diese Vielzahl an wissenschaftlichen Aktivitäten durch die gemeinsame Nutzung logistischer und forschungsbezogener Ressourcen sowie die Bereitstellung und den Austausch von Daten.

Klimaprozesse in Arktis und Antarktis

Die Polargebiete spielen eine zentrale Rolle im Klima der Erde. Die Erwärmung in der Arktis und einigen Gebieten der Antarktis liegt um ein Vielfaches über dem globalen Mittel der vergangenen Jahrzehnte. Während des Internationalen Polarjahres sank in der Arktis die sommerliche Meereisausdehnung auf ihren bisherigen Tiefststand. Neue Daten aus Eis- und Sedimentkernen, die eine Einordnung in geologische Zeitskalen erlauben, lassen verlässlichere Rückschlüsse auf vom Menschen verursachte Änderungen zu, die von einer natürlichen Variabilität des Klimas nicht immer klar zu unterscheiden sind. Projekte im Internationalen Polarjahr liefern damit einen entscheidenden Schlüssel zur Verbesserung globaler Klimamodelle, die gerade durch bessere Daten aus Polarregionen weiter optimiert werden können.

Die heutige Klimaentwicklung einordnen und seine Folgen beurteilen zu können, erfordert, die Klimaschwankungen der Vergangenheit verstehen und rekonstruieren zu können. In diesem Sinne widmeten sich zahlreiche Projekte der Entschlüsselung klimabestimmender Prozesse in der Erdgeschichte. Die Ozeanbecken und Schelfe der zentralen Arktis sind während mehrerer Expeditionen geophysikalisch vermessen und geologisch beprobt worden. Die Öffnung der Meeresstraßen rund um die Antarktis vor rund 35 Millionen Jahren bildete die geografische Voraussetzung für die klimatische Isolation der Antarktis und die Ausbildung des Antarktischen Zirkumpolarstroms. Dies führte zur weiteren Abkühlung und Vereisung der Antarktis. Allerdings lieferten erste Ergebnisse des Bohrprojekts ANDRILL auf dem Schelfeis des Rossmeeres auch überraschende Hinweise - die Antarktis erlebte seit Beginn ihrer Vereisung immer wieder Perioden geringer Eisbedeckung. Die Ursachen hierfür sind noch unklar.

Vereisungsgeschichte der Antarktis

Das Internationale Polarjahr bot die seltene Gelegenheit, unter international koordinierten Anstrengungen Regionen und Ökosysteme zu erforschen, die zuvor aus logistischen Gründen nahezu unerreichbar waren. Im internationalen Forschungsprojekt AGAP (Antarctica's GAmburtsev Province) sind die erst vor 50 Jahren entdeckten Gamburtsew Berge, ein von einem mächtigen Eisschild bedeckter Gebirgszug der Antarktis, geophysikalisch untersucht worden. Ziel ist es, dort in den nächsten Jahren eine Bohrung durchzuführen, die den Fragen nachgeht, warum und seit wann dieses Gebirge existiert, und ob es vulkanischen Ursprungs ist. Dabei wird vermutet, dass die Vereisung der Ostantarktis vor über 30 Millionen Jahren von diesem Gebirge aus begann.

Biologische Vielfalt in der Antarktis

Auch in den Ozeanen gab es viel Neues zu entdecken. Ein meeresbiologischer "weißer Fleck" wurde im Rahmen des Census of Antarctic Marine Life CAML, einer Erfassung möglichst vieler Meeresorganismen im Südpolarmeer, erforscht. Das Ökosystem unter dem erst vor wenigen Jahren weg gebrochenen Larsen A/B-Schelfeis ist zwar für die Antarktis typisch, doch aufgrund seiner bisherigen Unzugänglichkeit handelt es sich um einen der weltweit am wenigsten bekannten marinen Lebensräume.

Menschen im Klimawandel

Die Erforschung der Folgen des Klimawandels auf die Bevölkerung der Arktis steht im Zusammenhang mit dem Wandel der natürlichen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Beispielhaft dafür sind die Wandlungen in der Rentierhaltung im Nordwesten Russlands durch das Zusammenwirken wirtschaftlicher und klimatischer Faktoren. Es gibt neue Absatzmärkte, neue Technologien, längere schneefreie Perioden und dadurch auch Verschiebungen im Jahreszyklus. Die Größenordnung der zu erwartenden Umweltveränderungen, zum Beispiel das Tauen von Permafrost in Sibirien oder die Veränderung der Fischbestände im Nordatlantik, wird die Menschen in der Arktis vor große Herausforderung stellen.

Forschungsplattformen und innovative Technologien

Im Rahmen des Internationalen Polarjahres wurden zahlreiche neue Forschungsgeräte entwickelt und eingesetzt, sowie neue Plattformen für die Wissenschaft geschaffen. Das wohl herausragendste Großprojekt ist die vom Alfred-Wegener-Institut gebaute, neue deutsche Polarforschungsbasis Neumayer-Station III. In nur sieben Monaten - verteilt über zwei Jahre - hat ein Bauteam von rund 70 Spezialisten die Station auf dem Ekström-Schelfeis in der Antarktis errichtet. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierte Neumayer-Station III wird die Weiterführung der 1981 begonnenen deutschen Forschungsarbeiten für die nächsten 25 bis 30 Jahre sicherstellen. Sie dient darüber hinaus als Wettervorhersagezentrum und als logistische Basis im internationalen Flugnetzwerk DROMLAN (Dronning Maud Land Air Network). Ebenfalls in dieses Netzwerk eingebunden ist das Forschungsflugzeug Polar 5, eine speziell für den Einsatz in Polargebieten umgebaute Basler BT-67. Das ebenfalls vom Alfred-Wegener-Institut betriebene Flugzeug steht seit Oktober 2007 für deutsche und internationale Forschungskampagnen zur Verfügung. Im Rahmen des Internationalen Polarjahres konnte außerdem das technische und wissenschaftliche Konzept des neuen europäischen Forschungseisbrechers Aurora Borealis erarbeitet und der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Das Schiff soll ab 2014 in Betrieb gehen.

Transparente Wissenschaft - Einbindung der Öffentlichkeit

Im Internationalen Polarjahr wurden große Anstrengungen unternommen, um die Öffentlichkeit auf umwelt- und klimarelevante Fragestellungen aufmerksam zu machen. Dadurch sind Bewusstsein und Verständnis der Öffentlichkeit für die Rolle der Polargebiete im globalen Erdsystem deutlich gestiegen. Viele Projekte im Internationalen Polarjahr beinhalteten Komponenten für Bildungs- und Wissenstransfer und erlangten durch Publikationen, Webseiten, Broschüren, Filme und Vorträge eine breite Zuhörerschaft in aller Welt. Der Wissenstransfer in Schulen bekam bei vielen Projekten einen besonderen Stellenwert. Zum Beispiel im deutschen Schulprojekt "Coole Klassen" bekamen Lehrer die Möglichkeit, aktiv an Expeditionen teilzunehmen und interaktiv mit ihren und weiteren Schülern im Austausch zu sein.

Das Internationale Polarjahr hat sich zur größten international koordinierten Forschungsinitiative der letzten 50 Jahre entwickelt und wurde vom International Council for Science (ICSU) und der World Meteorological Organization (WMO) getragen.

Hinweise für Redaktionen:

Ihre Ansprechpartner am Alfred-Wegener-Institut sind Dr. Julian Gutt (Tel. 0471 4831-1333, E-Mail: Julian.Gutt@awi.de) und Dr. Karsten Gohl (Tel. 0471 4831-1361, E-Mail: Karsten.Gohl@awi.de). Ihr Ansprechpartner in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ist Dr. Ude Cieluch (Tel. 0471 4831-2008, E-Mail: Ude.Cieluch@awi.de).

Das Alfred-Wegener-Institut forscht in der Arktis, Antarktis und den Ozeanen der mittleren sowie hohen Breiten. Es koordiniert die Polarforschung in Deutschland und stellt wichtige Infrastruktur wie den Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen in der Arktis und Antarktis für die internationale Wissenschaft zur Verfügung. Das Alfred-Wegener-Institut ist eines der fünfzehn Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

Dipl.-Ing. Margarete Pauls | idw
Weitere Informationen:
http://www.polarjahr.de
http://www.awi.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde
23.01.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Neues Forschungsspecial zu Meeren, Ozeanen und Gewässern
18.01.2017 | Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Scientists spin artificial silk from whey protein

X-ray study throws light on key process for production

A Swedish-German team of researchers has cleared up a key process for the artificial production of silk. With the help of the intense X-rays from DESY's...

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neuer Algorithmus in der Künstlichen Intelligenz

24.01.2017 | Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Im Interview mit Harald Holzer, Geschäftsführer der vitaliberty GmbH

24.01.2017 | Unternehmensmeldung

MAIUS-1 – erste Experimente mit ultrakalten Atomen im All

24.01.2017 | Physik Astronomie

European XFEL: Forscher können erste Vorschläge für Experimente einreichen

24.01.2017 | Physik Astronomie