Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Elefant im Zimmer: Klimafolgen der Zukunft erkennen

17.12.2013
In Pionierarbeit haben Forschergruppen weltweit gemeinsam umfassende Erkenntnisse zu den zukünftigen Auswirkungen des Klimawandels gewonnen, von Wasserknappheit bis zu Ernterisiken.

Über Fächergrenzen hinweg wurden umfangreich Computersimulationen verglichen, so genannte Modelle. Das ermöglicht es, einerseits Forschungslücken zu erkennen – und andererseits auch die wirklich belastbaren Ergebnisse zu indentifizieren.

Dies bietet Entscheidungsträgern wichtige Informationen für das Abwägen von Maßnahmen für Klimaschutz oder Anpassung. Die Analyse wird in einem Sonderteil der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences erscheinen.

In der Veröffentlichung werden erste Ergebnisse des Inter-Sectoral Impact Model Intercomparison Project (ISI-MIP) versammelt.Dieses ist ein einzigartiger und von Wissenschaftlern weltweit getragener Versuch, die Forschung zu den Folgen des Klimawandels auf eine neue Ebene zu bringen.

„Es ist ein Elefant im Zimmer: gegenwärtige und zukünftige Klimaänderungen. Merkwürdigerweise scheinen aber viele ihn nicht zu sehen“, sagt Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und einer der Autoren des Editorials und weiterer Artikel der Sonderausgabe. „Viele Entscheidungsträger ziehen es vor, sich gegenüber den Auswirkungen der globalen Erwärmung blind zu stellen, während viele Wissenschaftler ihren Blick nur auf sehr spezielle Aspekte des Klimawandels fokussieren. So ähneln wir den Blinden aus der Fabel, die unterschiedliche Teile des gleichen Elefanten berühren: beim Ergreifen des Rüssels ist einer von ihnen davon überzeugt, eine Schlange in der Hand zu halten, ein anderer hält den Schwanz für ein Seil. Um das Tier wirklich zu erkennen, müssen sie miteinander reden, um die unterschiedlichen Teile zu identifizieren und zusammen zu setzen. Dies ist genau das, was in diesem internationalen Projekt passiert.“

Mehr als 30 Forschungsteams aus 12 Ländern haben systematisch modernste Computersimulationen zu Klimaänderungen über die unterschiedlichen Sektoren hinweg miteinander verglichen. Das Projekt basiert auf früheren Vergleichen in den einzelnen Bereichen Landwirtschaft, Hydrologie und Ökosystemforschung. Der nun breitere Ansatz erlaubt es, zum Bespiel regionale Brennpunkte zu bestimmen – den Amazonas, das Mittelmeer und Ostafrika –, wo verschiedene Folgen des Klimawandels zusammentreffen und möglicherweise einander beeinflussen.

Darüber hinaus dienen Modellvergleiche dazu, die Unterschiede zwischen den Computersimulationen besser zu verstehen. Projektionen zu den Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise zum Beispiel fallen unterschiedlich aus, je nachdem welche Annahmen zur Intensivierung des Landmanagements oder zu Änderungen im internationalen Handel in die Modelle einfließen. Die Wirkung dieser Stellschrauben zu verstehen könnte dazu beitragen, Optionen für eine effektive Politik in der realen Welt zu entwickeln.

„Die Ergebnisse lassen klar erkennen, dass sich die Risiken für Natur und Gesellschaft deutlich erhöhen mit jedem Grad, um das wir unseren Planeten erwärmen“, sagt Katja Frieler aus dem Koordinationsteam des ISI-MIP am PIK. Die ersten Ergebnisse des Projekts fließen ein in den IPCC-Bericht zu den Auswirkungen des Klimawandels, der im März 2014 vorgestellt wird.

Eines der Kernelemente von ISI-MIP ist ein öffentliches Datenarchiv, in welchem sowohl die Ergebnisdaten als auch die Eingangsdaten für die weitere Forschung und zur Förderung maximaler Transparenz zur Verfügung gestellt werden. Ziel ist insbesondere, die Qualität der Computermodelle zu den Klimafolgen weiter zu verbessern. Nach Veröffentlichung erster Ergebnisse tritt das Projekt jetzt in seine zweite Phase, in der zum Beispiel die Auswirkungen des Klimawandels auf die Energiewirtschaft und die weltweite Fischerei untersucht werden, und bei der Modelle einbezogen werden, die bestimmte Regionen genauer untersuchen.

„Das Bild der Auswirkungen des Klimawandels ist weit davon entfernt, vollständig zu sein“, sagt Pavel Kabat, Direktor des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) und Mitautor zahlreicher Beiträge der Sonderausgabe sowie Ko-Herausgeber. „Die Kosten des Klimawandels für den Menschen werden oft durch dessen biophysikalische Auswirkungen ausgelöst, sind aber mit den Auswirkungen als solche nicht einfach gleichzusetzen. Wasserknappheit könnte in einigen Regionen beispielsweise zu Konflikten beitragen und Migration im großen Maßstab verursachen. Wir haben bereits heute genug sicheres Wissen über die Auswirkungen des Klimawandels, um zu erkennen, dass es höchste Zeit zum Handeln ist. Aber als Wissenschaftler arbeiten wir intensiv daran, das vorhandene Wissen weiter zu festigen, um den Elefanten im Raum besser zu erkennen – und wie gefährlich das gewaltige Tier wirklich ist.“

Artikel: Schellnhuber, H.J., Frieler, K. Kabat, P. (2013): The Elephant, the Blind, and the ISI-MIP. Proceedings of the National Academy of Sciences (early online edition) [DOI:10.1073/pnas.1321791111]

Neben diesem Artikel werden weitere ISI-MIP-Studien online bei PNAS veröffentlicht:

Dankers, R., et al. (2013): First look at changes in flood hazard in the Inter-Sectoral Impact Model Intercomparison Project ensemble. Proceedings of the National Academy of Sciences (early online edition)

Elliott, J., et al (2013): Constraints and potentials of future irrigation water availability on agricultural production under climate change. Proceedings of the National Academy of Sciences (early online edition)

Friend, A. D., et al. (2013): Carbon residence time dominates uncertainty in terrestrial vegetation responses to future climate and atmospheric CO2. Proceedings of the National Academy of Sciences (early online edition)

Haddeland I., et al. (2013): Global water resources affected by human interventions and climate change. Proceedings of the National Academy of Sciences (early online edition)

Nelson, G. C., et al. (2013): Climate change effects on agriculture: Economic responses to biophysical shocks. Proceedings of the National Academy of Sciences (early online edition)

Piontek, F., et al. (2013): Multisectoral climate impact hotspots in a warming world. Proceedings of the National Academy of Sciences (early online edition) [DOI:10.1073/pnas.1222471110]

Prudhomme, C., et al. (2013): Hydrological droughts in the 21st century, hotspots and uncertainties from a global multimodel ensemble experiment. Proceedings of the National Academy of Sciences (early online edition)

Rosenzweig, C., et al. (2013): Assessing agricultural risks of climate change in the 21st century in a global gridded crop model intercomparison. Proceedings of the National Academy of Sciences (early online edition)

Schewe, J., et al. (2013): Multi-model assessment of water scarcity under climate change. Proceedings of the National Academy of Sciences (early online edition)

Warszawski, L., et al. (2013): The Inter-Sectoral Impact Model Intercomparison Project (ISI-MIP): Project framework. Proceedings of the National Academy of Sciences (early online edition)

Kontakt für weitere Informationen:
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Pressestelle
Telefon: +49 (0)331 288 2507
E-Mail: presse@pik-potsdam.de
Twitter: @PIK_Klima
Weitere Informationen:
http://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1321791111

Jonas Viering | PIK Pressestelle
Weitere Informationen:
http://www.pik-potsdam.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur
22.06.2017 | Fraunhofer-Gesellschaft

nachricht Ursuppe in Dosen
21.06.2017 | Universität Duisburg-Essen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften