Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Eishöhlen der Alpen sind Klimaarchive

09.09.2010
Entstehung der Eismasse noch immer offenes Rätsel

Die großen Eishöhlen der Alpen sind seit kurzem wieder für die Wissenschaft interessant. Ihre Eiskerne funktionieren wie ein Archiv, ist einem Beitrag der Zeitschrift "Science" zu entnehmen. Eis dokumentiert Temperaturänderungen, Regen oder andere Klimadaten wie etwa CO2-Mengen vergangener Jahrhunderte. Höhleneis sei zwar schwer zu interpretieren, seine Erforschung zahle sich jedoch aus, da es - im Gegensatz zu Polareis - Einblicke in die Vergangenheit dicht besiedelter Gebiete gibt.


Eishöhlen: Terra incognita der Wissenschaft im Herzen Europas (Foto: TU Wien)

Renaissance der Höhlenforschung

Eis zieht Klimaforscher schon immer wie magisch an. "Das Grönlandeis erlaubt Rückschlüsse auf die Zeit bis vor 120.000 Jahre, das Eis der Antarktis auf bis zu einer Mio. Jahre. In den Alpen untersuchte man bisher vor allem das Gletschereis. Über das Höhleneis, das höchstens wenige tausend Jahre alt ist, haben die Forscher jedoch immer einen großen Bogen gemacht", berichtet der Geologe Christoph Spötl von der Universität Innsbruck http://www.uibk.ac.at/geologie im pressetext-Interview.

Nach 50 Jahre Pause kommt die Eishöhlenforschung nun wieder in Schwung. Das wissenschaftliche Instrumentarium hat sich erheblich verbessert, zudem drängt die Zeit: Parallel zur Gletscherschmelze geht die Eismenge vieler Eishöhlen seit 1890 nachweislich zurück. "Da die größten Eishöhlen in den Alpen liegen - die Salzburger Eisriesenwelt und die Dachstein-Rieseneishöhle - ist es uns besonderer Anreiz zu prüfen, welche Informationen aus diesem Eis gewonnen werden können", so Spötl, der auch Präsident des Verbandes österreichischer Höhlenforscher http://www.hoehle.org ist.

Atombomben helfen bei Datierung

Gründe für das lange Zögern der Wissenschaft gibt es mehrere. Einerseits bestand lange kein Zugang zu den Höhlen. "Die ersten Eishöhlen wurden erst vor 100 Jahren entdeckt. Doch auch heute sind von den insgesamt rund 900 derartigen Höhlen in den Alpen nur rund ein Dutzend gut zugänglich", berichtet der Geophysiker Michael Behm von der TU Wien http://info.tuwien.ac.at/geodaesie gegenüber pressetext. Zudem hängt es vom Verhandlungsgeschick der Forscher ab, ob sie von den Schauhöhlenbetreibern freie Hand zum Messen und Bohren bekommen.

Ein zweites Hindernis ist die schwierige Datierung des Eises. "Besonders das tieferliegende Eis widersteht fast allen Datierungsversuchen", betont Spötl. Bei sehr jungen Eisschichten greift man auf das Wasserstoff-Isotop Tritium zurück, das die Atombombenversuche der 60er-Jahre hinterließen. Bei allem, was älter ist, suchen die Forscher fieberhaft nach organischen Einschlüssen. "Das sind die berühmten Spinnenbeine, Grashalme oder Äste, die man mit Radiokohlenstoff datiert. Die Ausbeute ist jedoch äußerst gering."

Wissensstand gleicht jenem von Aliens

Glück bei dieser Suche hatten Eishöhlenforscher bisher nur in den rumänischen Karpaten. Im Höhleneis des Alpenraums sind selbst Pollen, auf die sich Klimaforscher oft stützen (pressetext berichtete: http://pressetext.com/news/091016032/ ) eine Rarität. Für reine Klimaforschung eignen sich Höhlen somit kaum, schließt der Innsbrucker Forscher. "Hier greift man weiterhin eher zu Gletschern, Tropfsteinen, Seensedimenten oder für die jüngste Vergangenheit zu historischen Dokumenten wie etwa Aufzeichnungen über Weinernte oder Kirschblüte."

Interessant ist eher die Frage, wie sich Eis der Höhlen bildet und abbaut. "Wir gleichen in dieserm Punkt noch Aliens, die auf der Erde landen und einfachste Prozesse nicht verstehen", gibt Spötl zu. Immerhin gelang es dem Team um Behm, die dreidimensionale Struktur und Dicke der Eisschichten per Georadar sichtbar zu machen, was für Bohrungen notwendig ist. "Eis besteht aus geschichteten Strukturen, die das Radarsignal unterschiedlich stark reflektieren. Wahrscheinlich ist Kalzit im Spiel, der im Eis ursprünglich gleichmäßig verteilt war und sich bei Schmelzperioden schichtförmig ablagert", erklärt der Wiener Geophysiker.

Science-Reportage unter http://lucaslaursen.com/clips/caveice.pdf

Johannes Pernsteiner | pressetext.austria
Weitere Informationen:
http://www.uibk.ac.at/geologie

Weitere Berichte zu: Alpen Datierung Eishöhlen Eisschichten Geophysik Höhle Höhleneis Klimaarchive Klimaforscher

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Winzige Eisverluste an den Rändern der Antarktis können Eisverluste in weiter Ferne beschleunigen
11.12.2017 | Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

nachricht Was macht Korallen krank?
08.12.2017 | Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mit Quantenmechanik zu neuen Solarzellen: Forschungspreis für Bayreuther Physikerin

12.12.2017 | Förderungen Preise

Stottern: Stoppsignale im Gehirn verhindern flüssiges Sprechen

12.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

E-Mobilität: Neues Hybridspeicherkonzept soll Reichweite und Leistung erhöhen

12.12.2017 | Energie und Elektrotechnik