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Eisberg rammt Schelfeiskante vor der Neumayer-Station III

22.02.2010
Bruchstücke des Ross-Schelfeises, die an der Kante des Ekström-Schelfeises in der Antarktis vorbei treiben, haben eine lange Reise um den antarktischen Kontinent hinter sich. Jetzt kollidierte ein Eisberg mit dem Schelfeis, brach ein Stück heraus und verursachte Risse noch in größerer Entfernung. Die Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts rechnen mit wertvollen Erkenntnissen über die Physik des Eises.

Eisberg B15-K prallt am 11. Februar 2010 um 16:42 Uhr Weltzeit auf die Eiskante des Ekström-Schelfeises an der Atka-Bucht. Das 54 Kilometer lange, fünf Kilometer breite und etwa 200 Meter dicke Stück kollidiert in der Nähe der Neumayer-Station III des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft. Das Ereignis ruft Logistiker und Wissenschaftler gleichermaßen auf den Plan.


Eisberg B15-K prallt am 11. Februar 2010 auf die Eiskante des Ekström-Schelfeises an der Atka-Bucht. Foto: Hinnerk Heuck, Alfred-Wegener-Institut


Nach der Kollision zieht sich ein Riss durch das Schelfeis bei der Neumayer-Station III, der von Wissenschaftlern und Logistikern vor Ort in der Antarktis und in Bremerhaven weiter beobachtet wird. Foto: Hinnerk Heuck, Alfred-Wegener-Institut

Eine einzigartige interdisziplinäre Datengrundlage aus Fernerkundung, Geophysik, Meteorologie, Ozeanografie und Ozeanakustik liefert jetzt neue Erkenntnisse über die Mechanik des Eises und die Rissausbreitung im Schelfeis.

Hoch aufgelöste Aufnahmen des deutschen TerraSAR-X-Satelliten zeigen den Moment der Kollision zwischen dem etwa 400 Millionen Tonnen schweren B15-K und dem Ekström-Schelfeis. Sie erlauben zusammen mit den Beobachtungen der Wissenschaftler und Techniker vor Ort eine präzise Aussage zu neu entstandenen Rissstrukturen. Den immensen Unterwasserlärm des Aufpralls und die Reaktion von Robben und Walen zeichnet das akustische Observatorium PALAOA auf, das Dr. Lars Kindermann vom Alfred-Wegener-Institut betreut. Weitere Aufzeichnungen machen die Seismometer des geophysikalischen Observatoriums an der Neumayer-Station III. Alle Messdaten zusammen lassen ein Gesamtbild des Vorgangs rekonstruieren: Die Wucht des mehrfachen Aufpralls innerhalb von 9 Stunden bricht ein 300 Meter breites und 700 Meter langes Stück Schelfeis heraus. Die Energie eines jeden Aufpralls entsprach einer Sprengstoffmenge zwischen etwa fünf und zehn Tonnen.

Mit einem Eisberg der Größe Berlins, dem C19-C (891 Quadratkilometer) hatte die antarktische Sommersaison im Oktober letzten Jahres begonnen. Dieser stammt vom Amery Schelfeis, kollidierte östlich der Atka-Bucht mit dem Schelfeis und brach ein knapp 30 Kilometer langes und sieben Kilometer breites Stück, den Eisberg A61, heraus. Der jetzt kollidierte B15-K ist ein Bruchstück des größten je beobachteten Eisbergs B15, der sich mit einer ursprünglichen Fläche von 11.000 Quadratkilometern im März 2000 vom Ross-Schelfeis gelöst hatte. Ein weiteres Bruchstück des B15, der B15-F trieb bereits Mitte Januar nah an der Schelfeiskante vor der Neumayer-Station III vorbei.

Alle drei großen Eisberge gelangten vor die rund 9000 Kilometer vom Ross-Schelfeis entfernte Eiskante des Ekström-Schelfeises, getrieben durch die küstennahe Strömung gegen den Uhrzeigersinn um die Antarktis. Radarsatelliten zeichnen ihre Wege dabei auf. Der ENVISAT (Environmental Satellite) der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA liefert regelmäßig Bilder mit einer räumlichen Auflösung von 150 mal 150 Meter. Dr. Christine Wesche aus der Erdbeobachtungsgruppe des Alfred-Wegener-Instituts wertet solche Szenen aus. "Zusätzlich nutzen wir Bilddaten der TerraSAR-X Hintergrundmission Antarktis des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR)", erklärt Wesche. In enger Kooperation mit Dr. Angelika Humbert (KlimaCampus, Universität Hamburg) und Robert Metzig (Deutsches Fernerkundungsdatenzentrum, DLR Oberpfaffenhofen) verfolgt sie die Wege der Eisberge seit Beginn des antarktischen Winters.

Das Alfred-Wegener-Institut forscht in der Arktis, Antarktis und den Ozeanen der mittleren sowie hohen Breiten. Es koordiniert die Polarforschung in Deutschland und stellt wichtige Infrastruktur wie den Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen in der Arktis und Antarktis für die internationale Wissenschaft zur Verfügung. Das Alfred-Wegener-Institut ist eines der sechzehn Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

Margarete Pauls | idw
Weitere Informationen:
http://www.awi.de

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