Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Drastischer Wechsel zur Wüste

20.08.2012
In der Region des Toten Meeres kam es in den vergangenen 10.000 Jahren aufgrund von Klimawechseln zu überraschend schneller Wüstenbildung binnen Jahrzehnten.

Das haben Wissenschaftler der Universität Bonn mit ihren israelischen Kollegen durch die Analyse von Pollen in Sedimenten und von Seespiegelschwankungen herausgefunden. Sie bezeichnen die Ergebnisse als dramatisch. In der aktuellen Ausgabe des internationalen geowissenschaftlichen Journals „Quaternary Science Reviews“, deren Druckfassung am 23. August erscheint, stellen sie ihre Resultate vor.


Bohrung am Westufer des Toten Meers: Die Wissenschaftler der Universität Bonn erbohrten in der Nähe der Oase Ein Gedi gemeinsam mit dem GeoForschungsZentrum Potsdam und dem Geologischen Dienst Israels einen 21 Meter langen Sedimentkern.
(c) Foto: J. Mingram/GFZ Potsdam


Pollen unter dem Durchlichtmikroskop: Er stammt von Onopordum alexandrinum, einer Distelart aus dem Nahen Osten, die Steppenklima anzeigt.
(c) Foto: Arbeitsgruppe Paläobotanik/Uni Bonn

Das Tote Meer ist ein abflussloser Salzsee, der mehr als 400 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Touristen schätzen an dem See den hohen Salzgehalt, der zu einem besonders ausgeprägten Auftrieb für Badegäste sorgt. „Für Wissenschaftler ist das Tote Meer hingegen ein begehrtes Archiv, das einen tiefen Einblick in die klimatische Vergangenheit gewährt“, sagt Prof. Dr. Thomas Litt vom Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Universität Bonn.

Paläontologen und Meteorologen der Universität Bonn haben anhand von Bohrkernen aus Sedimenten am Uferbereich des Salzsees die klimatologische Vergangenheit der letzten 10.000 Jahre erschlossen. Dies wurde möglich, weil der Seespiegel im Toten Meer in den letzten Jahrzehnten dramatisch sank und damit die Sedimente trocken fielen – unter anderem, weil die Zuflüsse durch immer stärkere Wasserentnahme stark zurückgingen.

Am weitesten zurückreichende Pollenanalyse

Am Westufer des Toten Meeres, in der Oase Ein Gedi, erbohrten die Wissenschaftler gemeinsam mit dem GeoForschungsZentrum Potsdam und dem Geologischen Dienst Israels einen 21 Meter langen Sedimentkern. Den darin enthaltenen fossilen Blütenstaub ordneten die Forscher niederschlags- und temperaturabhängigen Zeigerpflanzen zu. Das Alter der Schichten wurde mit der Radiocarbonmethode bestimmt. „Damit konnten wir das Klima der kompletten Nacheiszeit rekonstruieren“, berichtet Prof. Litt. „Es handelt sich dabei um die bislang am weitesten zurückreichende Pollenanalyse am Toten Meer.“

Insgesamt kamen drei verschiedene Vegetationsformationen in der Umgebung des Salzsees vor: In feuchten Phasen breitete sich eine üppige, mediterrane Hartlaubvegetation aus, wie sie auch heute noch im Mittelmeergebiet zu beobachten ist. Wenn es trockener wurde, war stattdessen eine Steppenvegetation auf dem Vormarsch. Noch trockenere Episoden waren durch Wüstenpflanzen gekennzeichnet. Die Forscher verzeichneten teils rasche zeitliche Wechsel zwischen feuchten und trockenen Phasen.

Transfer von Pollendaten in Klimainformationen

Die Pollendaten erlauben Rückschlüsse auf die damals verbreiteten Pflanzenarten. Diese Daten der Paläontologen überführten die Meteorologen der Universität Bonn mit statistischen Methoden in Klimainformationen. Dabei setzten sie die betreffenden Arten mit statistischen Größen zu Temperatur und Niederschlag in Beziehung, von denen das Vorkommen der jeweiligen Pflanzenart abhängt. „Damit können wir Aussagen über das wahrscheinliche Klima treffen, das zu einer bestimmten Zeit im Einzugsgebiet des Toten Meers herrschte“, berichtet Prof. Dr. Andreas Hense vom Meteorologischen Institut der Universität Bonn.

Die Belastbarkeit der so gewonnen Klimainformationen überprüften die Wissenschafter anhand von Daten zu den Seespiegelschwankungen im Toten Meer, die ihre israelischen Kollegen um Prof. Dr. Mordechai Stein vom Geologischen Dienst in Jerusalem erhoben haben. „Beide voneinander unabhängigen Datensätze stimmen sehr eng miteinander überein“, erläutert Prof. Litt. „In den anhand der Pollenuntersuchungen festgestellten feuchten Phasen kam es nach den Erkenntnissen unserer israelischen Kollegen tatsächlich zu einem steigenden Wasserspiegel im Toten Meer, in trockeneren Episoden dagegen zu einem sinkenden Spiegel.“ Dies ist plausibel, da der Wasserspiegel eines abflusslosen Endsees ausschließlich durch Niederschlag und Verdunstung beeinflusst wird.

Dürren führten zum Auszug in biblischen Zeiten

Zu ausgeprägten Trockenphasen kam es nach den Daten der Bonner Forscher vor allem im keramischen Neolithikum (vor rund 7.500 bis 6.500 Jahren) sowie an der Grenze von später Bronzezeit und früher Eisenzeit (vor rund 3.200 Jahren). „Von diesen klimatischen Einschnitten waren auch die Menschen stark betroffen“, fasst Prof. Litt die Auswirkungen zusammen. Die Trockenphasen könnten dazu geführt haben, dass die Stadtkultur der Kanaaniter zusammenbrach und Nomaden in ihr Gebiet vordrangen. „Darauf nimmt ebenfalls das Alte Testament Bezug: Die Israeliten zogen aus ins gelobte Land.“

Dramatische Ergebnisse

Der Blick in die Vergangenheit der klimatischen Schwankungen erlaubt überdies Szenarien für mögliche Entwicklungen in der Zukunft. „Unsere Ergebnisse sind dramatisch und zeigen die Verletzlichkeit der Ökosysteme am Toten Meer“, sagt Prof. Litt. „Sie verdeutlichen, wie überraschend schnell sich eine üppige mediterrane Hartlaubvegetation binnen Jahrzehnten in eine Steppen- oder gar Wüstenvegetation verwandeln kann, wenn es zu mehr Trockenheit kommt.“ Die Folgen für die Landwirtschaft und Bevölkerungsernährung waren damals wahrscheinlich verheerend. Die Wissenschaftler wollen möglichst bald mit tieferen Bohrungen noch weiter in die klimatische Vergangenheit der Region um das Tote Meer vordringen.

Publikation: Holocene climate variability in the Levant from the Dead Sea pollen record, Quaternary Science Reviews 49 (August 2012)

Kontakt:

Prof. Dr. Thomas Litt
Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie
Tel. 0228/732736
E-Mail: t.litt@uni-bonn.de
Prof. Dr. Andreas Hense
Meteorologisches Institut
Tel.: 0228/735184
E-Mail: ahense@uni-bonn.de

Johannes Seiler | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de
http://dx.doi.org/10.1016/j.quascirev.2012.06.012

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Was ist krebserregend am Erionit?
13.01.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

nachricht Drohnen im Einsatz für die Korallenriffforschung
10.01.2017 | Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie