Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das Rote Meer – Doch ein Ozean wie alle anderen

29.04.2014

GEOMAR-Forscher präzisieren Modelle zur Geburt des jüngsten Weltmeeres

Eigentlich ist das Rote Meer ein ideales Studienobjekt für Meeresgeologen. Denn dort können sie die Entstehung eines Ozeans in der Frühphase beobachten. Doch ausgerechnet das Rote Meer schien einen anderen Geburtsprozess zu durchlaufen als andere Ozeane.


Bathymetrie eines 70 Kilometer langen Abschnitts des Grabenbruchs im Roten Meer. Rechts unten der selbe Abschnitt in der bisherigen Auflösung.

Grafik: N. Augustin, GEOMAR

Wissenschaftler des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und der King Abdulaziz University in Jeddah konnten jetzt zeigen, dass Salzgletscher die bisherigen Modelle verfälscht haben. Die Studie ist in der internationalen Fachzeitschrift „Earth and Planetary Science Letters“ erschienen.

Pazifik, Atlantik und Indischer Ozean, dazwischen die Landmassen von Amerika, Europa, Asien, Afrika und Australien – so kennen wir unsere Erde. Aus Geologen-Sicht ist das jedoch nur eine Momentaufnahme. Im Laufe der Erdgeschichte haben sich zahlreiche, unterschiedliche Kontinente gebildet und wurden wieder gespalten. Dazwischen entstanden Ozeane, neuer Meeresboden hat sich gebildet und ist wieder verschwunden. Plattentektonik ist der Oberbegriff für diese Prozesse.

Das Rote Meer, wo sich aktuell die Arabische Halbinsel von Afrika trennt, ist einer der wenigen Orte der Erde, an dem die Spaltung eines Kontinents und die Entstehung eines Ozeans derzeit zu beobachten sind. Während eines dreijährigen Gemeinschaftsprojektes, dem Jeddah Transect Project (JTP), haben Forscher des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und der King Abdulaziz Universität (KAU) in Jeddah (Saudi Arabien) diesen Riss in der Erdkruste mit Hilfe von Meeresbodenkartierungen, Probennahmen und magnetischer Modellierung genau unter die Lupe genommen.

„Die Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die frühen Stadien ozeanischer Becken und ändern im Speziellen die Lehrmeinung über das Rote Meer“ sagt Dr. Nico Augustin vom GEOMAR, Erstautor der aktuellen Studie. Sie wurde jetzt in der Fachzeitschrift „Earth and Planetary Science Letters“ veröffentlicht.

Unumstritten ist und war, dass vulkanische Aktivitäten einen Kontinent dehnen und ausdünnen, bevor er aufreißt und ein neues Ozeanbecken entsteht. Der Riss entsteht an der Stelle mit der größten Dehnung. Doch die detaillierten Prozesse beim Reißen werden in der Forschung heftig diskutiert. Dabei geht es einerseits darum, die Dynamik unseres Heimatplaneten besser zu verstehen. „Andererseits liegen aber auch die meisten marinen Öl- und Gasvorkommen an solchen ehemaligen Bruchstellen. Diese Forschung kann also auch wirtschaftliche und politische Implikationen haben“, sagt Professor Colin Devey (GEOMAR), Co-Autor der aktuellen Studie.

Bislang war die gängige Meinung, ein Kontinent reißt mehr oder weniger zeitgleich entlang einer ganzen Linie und das Ozeanbecken entsteht damit auf einen Streich. Ausgerechnet das Rote Meer passte jedoch nicht in dieses Bild. Hier wurde ein Modell mit mehreren aneinander gereihten, kleineren Rissen favorisiert, die sich nur allmählich vereinen würden, was zu einer relativ langsamen Entstehung des Ozeans mit einer langen Übergangsphase führen würde. „Unsere Untersuchungen zeigen jedoch, dass das Rote Meer keine Ausnahme darstellt, sondern sich in die Reihe der anderen Ozeanbecken einreiht“, betont Augustin. Das bisherige Bild vom Untergrund im Roten Meer war einfach von Salzgletschern verfälscht. „Auch die geborgenen vulkanischen Gesteine entsprechen denen ganz normaler Mittelozeanischer Rücken“, sagt Co-Autorin Froukje van der Zwan, die im Rahmen des JTP an ihrer Promotion arbeitet.

In frühen Phasen der Entstehung des Roten Meeres war das Gebiet von einem sehr flachen Meer bedeckt, das wiederholt austrocknete. Dabei sind mächtige Salzablagerungen entstanden, die später zusammen mit der kontinentalen Kruste aufrissen. Über geologische Zeiträume verhält sich Salz wie Teer und fängt an zu fließen. „Unsere neuen, hochauflösenden Meeresbodenkarten und magnetischen Modellierungen zeigen, das die Kilometer mächtigen Salzablagerungen nach der Abspaltung der Arabischen Platte von Afrika wie Gletscher der Schwerkraft folgend in den neu entstandenen Graben und damit über die ozeanische Kruste flossen“, erklärt Augustin. Da diese submarinen Salzgletscher den Riss nicht ganz gleichmäßig über die gesamte Länge abdecken, entstand der Eindruck mehrerer kleiner Rissen.

Die Folgen der Entdeckung sind tiefgreifend: Einerseits scheint es tatsächlich weltweit nur einen einzigen Mechanismus für das Aufreißen eines Kontinents zu geben. Andererseits ist noch nicht bekannt, wie viel Ozeankruste vom Salz verdeckt wird. Das stellt die bisherigen Datierungen für den Zeitpunkt der Öffnung des Roten Meeres infrage. Hinzu kommt, dass im vulkanisch aktiven Grabenbruch des Roten Meeres, umzingelt von Salzgletscher, eine gigantische Senke gefüllt mit einer heißen, sehr salzhaltigen Lösung liegt. „Da das Sediment in der Salzlösung reich an Metallen ist, ist dieses sogenannte Atlantis II Tief auch von wirtschaftlichem Interesse“, sagt Co-Autor Devey. Es ist durchaus vorstellbar, dass im Laufe der Erdgeschichte ähnliche, mit Vulkanismus und Salzablagerungen assoziierte Lagerstätten auch während der Öffnungsphase anderer Ozeane entstanden. „Unsere Untersuchungen helfen also einerseits, alte Forschungsfragen zu klären. Andererseits bieten sie Ansatzpunkte für neue Untersuchungen in allen Ozeanen“, sagt Augustin.

Originalarbeit:
Augustin, N., C. W. Devey, F. M. van der Zwan, Peter Feldens, M. Tominaga, R. A. Bantan, T. Kwasnitschka (2014): The rifting to spreading transition in the Red Sea. Earth and Planetary Science Letters, 395, http://dx.doi.org/10.1016/j.epsl.2014.03.047

Weitere Informationen:

http://www.geomar.de Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
http://www.jeddah-transect.org Das Jeddah Transect Project

Andreas Villwock | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Berichte zu: GEOMAR Helmholtz-Zentrum Kontinent Kruste Meer Ozeanbecken Ozeane Ozeanforschung Planetary

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Bisher älteste bekannte Sauerstoffoase entdeckt
18.01.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

nachricht Wetteranomalien verstärken Meereisschwund
16.01.2018 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Im Focus: Scientists decipher key principle behind reaction of metalloenzymes

So-called pre-distorted states accelerate photochemical reactions too

What enables electrons to be transferred swiftly, for example during photosynthesis? An interdisciplinary team of researchers has worked out the details of how...

Im Focus: Erstmalige präzise Messung der effektiven Ladung eines einzelnen Moleküls

Zum ersten Mal ist es Forschenden gelungen, die effektive elektrische Ladung eines einzelnen Moleküls in Lösung präzise zu messen. Dieser fundamentale Fortschritt einer vom SNF unterstützten Professorin könnte den Weg für die Entwicklung neuartiger medizinischer Diagnosegeräte ebnen.

Die elektrische Ladung ist eine der Kerneigenschaften, mit denen Moleküle miteinander in Wechselwirkung treten. Das Leben selber wäre ohne diese Eigenschaft...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - März 2018

17.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

18.01.2018 | Informationstechnologie

Optimierter Einsatz magnetischer Bauteile - Seminar „Magnettechnik Magnetwerkstoffe“

18.01.2018 | Seminare Workshops

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungsnachrichten