Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Blauschiefer ist kein Maßstab für das Alter der Plattentektonik

15.12.2015

Bildung von Blauschiefer geht auf Veränderungen in der chemischen Zusammensetzung ozeanischer Kruste zurück

Das Entstehen der Plattentektonik ist noch immer eines der größten Rätsel der Erdgeschichte. Dabei gehen unter Wissenschaftlern die Ansichten darüber auseinander, wann die Prozesse der heutigen Plattentektonik, die vom Abtauchen ozeanischer Platten angetrieben werden, begonnen haben.


Typischer Blauschiefer: Blauschiefer wurde nach der blauvioletten Farbe benannt, die vom Mineral Glaukophan stammt. Das grünliche Mineral im Gestein ist Epidot.

Foto/©: Richard White


Typischer Grünschiefer: Grünschiefer hat seinen Namen den grünen Mineralien Aktinolith und Chlorit zu verdanken; er enthält außerdem Quarz und Epidot.

Foto/©: Richard White

Nach vorherrschender Meinung schieben sich schon seit dem Hadaikum vor über vier Milliarden Jahren ozeanische Platten unter andere Platten und tauchen in den Erdmantel ein – ein Prozess, der als Subduktion bezeichnet wird. Andere vertreten die Auffassung, die Plattentektonik habe ihren Ausgangspunkt im Neoproterozoikum vor 500 bis 1.000 Millionen Jahren genommen – eine Ansicht, die mit dem Aufkommen von Blauschiefer vor 700 bis 800 Millionen Jahren verknüpft wird.

Geowissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) haben nun gezeigt, dass das Erscheinen von Blauschiefer mit langfristigen Veränderungen in der Zusammensetzung ozeanischer Kruste zusammenhängt und daher keine Messlatte für die Entstehung von Plattentektonik sein kann. Die Studie wurde in dem renommierten Fachjournal Nature Geoscience veröffentlicht.

Blauschiefer ist ein Gestein von blauvioletter Farbe, das relativ selten vorkommt, etwa in den Alpen, in Japan und an der Westküste der USA. Die ältesten gefundenen Blauschiefer stammen aus dem Neoproterozoikum und sind 700 bis 800 Millionen Jahre alt. Das Gestein entsteht beim Abtauchen von ozeanischer Kruste.

Voraussetzung für die Bildung sind hoher Druck und relative niedrige Temperaturen von 200 bis 500 Grad Celsius. Weil solche Bedingungen in der jüngeren Vergangenheit nur in Subduktionszonen herrschten, ist Blauschiefer ein Indikator für die von Subduktion gesteuerte Plattentektonik. Die Abwesenheit von Blauschiefer in den ersten 3,8 Milliarden Jahren der Erdgeschichte ist unter Geologen ein heftig diskutiertes Thema.

"Wir wissen, dass die Bildung von Blauschiefer definitiv an Subduktion gebunden ist", erklärt Univ.-Prof. Dr. Richard White vom Institut für Geowissenschaften der JGU. "Die Tatsache, dass die ältesten Blauschiefer 700 bis 800 Millionen Jahre alt sind, bedeutet aber nicht, dass es vorher keine Subduktion gegeben haben kann, wie manchmal behauptet wird", ergänzt Dr. Richard Palin.

Die beiden Wissenschaftler zeigen in ihrer Studie erstmals, dass die Abwesenheit von Blauschiefer in den alten geologischen Archiven auf eine Veränderung in der chemischen Zusammensetzung der ozeanischen Kruste im Laufe der Erdgeschichte zurückgeht, was wiederum eine Folge der allmählichen Abkühlung des Erdmantels seit dem Archaikum ist.

Ozeanische Kruste, die sich auf einer frühen, heißen Erde gebildet hätte, wäre reich an Magnesiumoxid gewesen. Anhand von Computermodellen weisen Palin und White nach, dass aus magnesiumoxidreichem Gestein bei den Bedingungen der Subduktion kein Blauschiefer entstehen kann.

Stattdessen hätte das Abtauchen von magnesiumoxidreicher ozeanischer Kruste zur Bildung von Gesteinen geführt, die Grünschiefer ähneln, einem metamorphen Gestein, das heute bei niedrigen Temperaturen und niedrigem Druck gebildet wird. Da Grünschiefer mehr Fluide enthalten kann als Blauschiefer, konnten zu Zeiten der frühen Erde mehr Fluide in den Erdmantel gelangen als heutzutage, was die Bildung von Magmen beeinflusst, eines der Themen des Forschungsschwerpunkts "Volcanoes and Atmosphere in Magmatic Open Systems" (VAMOS) an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Veröffentlichung:
Richard M. Palin, Richard W. White
Emergence of blueschists on Earth linked to secular changes in oceanic crust composition
Nature Geoscience, 14. Dezember 2015
DOI: 10.1038/ngeo2605


Weitere Informationen:
Univ.-Prof. Dr. Richard White
Leiter AG Metamorphe Geologie
Institut für Geowissenschaften
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
55099 Mainz
Tel.: 06131 39-24781
Fax: 06131 39-23071
E-Mail: rwhite@uni-mainz.de
http://www.geowiss.uni-mainz.de/840_DEU_HTML.php

Weitere Informationen:

http://www.nature.com/ngeo/journal/vaop/ncurrent/full/ngeo2605.html - Artikel in Nature Geosciences ;
http://www.geowiss.uni-mainz.de – Institut für Geowissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ;
http://www.geowiss.uni-mainz.de/482_DEU_HTML.php – AG Metamorphe Geologie ;
http://www.vamos.uni-mainz.de/ – Forschungsschwerpunkt "Volcanoes and Atmosphere in Magmatic Open Systems" (VAMOS)

Petra Giegerich | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Weniger Sauerstoff in allen Meeren
16.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Wie viel Biomasse wächst in der Savanne?
16.02.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Im Focus: Breakthrough with a chain of gold atoms

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

Im Focus: Hoch wirksamer Malaria-Impfstoff erfolgreich getestet

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Im Focus: Sensoren mit Adlerblick

Stuttgarter Forscher stellen extrem leistungsfähiges Linsensystem her

Adleraugen sind extrem scharf und sehen sowohl nach vorne, als auch zur Seite gut – Eigenschaften, die man auch beim autonomen Fahren gerne hätte. Physiker der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Welt der keramischen Werkstoffe - 4. März 2017

20.02.2017 | Veranstaltungen

Schwerstverletzungen verstehen und heilen

20.02.2017 | Veranstaltungen

ANIM in Wien mit 1.330 Teilnehmern gestartet

17.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Innovative Antikörper für die Tumortherapie

20.02.2017 | Medizin Gesundheit

Multikristalline Siliciumsolarzelle mit 21,9 % Wirkungsgrad – Weltrekord zurück am Fraunhofer ISE

20.02.2017 | Energie und Elektrotechnik

Wie Viren ihren Lebenszyklus mit begrenzten Mitteln effektiv sicherstellen

20.02.2017 | Biowissenschaften Chemie