Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bizarrer Parasit aus dem Jura

25.06.2014

Vor rund 165 Millionen Jahren tummelte sich in Süßwasserseen der heutigen Inneren Mongolei (China) ein spektakulärer Parasit:

Eine Fliegenlarve, bei der der Brustteil komplett zu einem Saugnapf umgestaltet war. Damit heftete sich das Tier an Salamander und saugte mit seinem als Stachel umgestalteten Mundwerkzeug deren Blut. Bislang ist kein Insekt bekannt, das über einen vergleichbaren, spezialisierten Bauplan verfügt. Das internationale Wissenschaftlerteam stellt seine Ergebnisse nun im Fachjournal “eLIFE” vor.


Salamander dienten als Wirt: Die künstlerische Darstellung zeigt, wie sich die Fliegenlarven auf der Haut des Lurchs festsaugen. Grafik: Yang Dinghua, Nanjing


Das Fossil: Durch den feinkörnigen Tonstein sind die Details des rund zwei Zentimeter langen Parasiten Qiyia jurassica sehr gut zu erkennen. Foto: Bo Wang/Nanjing

Die längliche Fliegenlarve hat im Lauf der Evolution extreme Umbildungen erfahren: Der Kopf ist im Vergleich zum Körper winzig, schlauchförmig und mündet vorne in ein stachelähnliches Mundwerkzeug. Der Brustteil ist komplett zu einem gigantischen Saugnapf umgebildet, woran sich der Hinterleib mit den raupenartigen Beinchen anschließt.

Das internationale Forscherteam ist sich sicher: Es handelt sich bei dem rund zwei Zentimeter langen, ungewöhnlichen Tier um einen Parasiten, der vor rund 165 Millionen Jahren im heutigen China in einer Seenlandschaft lebte. Im Süßwasser krabbelte der Schmarotzer auf vorbeischwimmende Salamander, heftete sich mit seinem Saugnapf fest und durchdrang mit seinem spitzen Stachel die dünne Haut des Lurchs, um Blut aus ihm zu saugen.

„Der Parasit saß wie die Made im Speck“, sagt Prof. Dr. Jes Rust vom Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Universität Bonn. Denn Salamander habe es in den Seen sehr viele gegeben, wie Fossilfunde an dem Fundort in der Nähe von Ningcheng in der Inneren Mongolei (China) bezeugen.

„Dort fanden Wissenschaftler bisher auch Fossilien von rund 300.000 unterschiedlichsten Insekten“, berichtet der chinesische Wissenschaftler Dr. Bo Wang, der als Postdoc mit Förderung der Alexander von Humboldt-Stiftung in der Paläontologie der Universität Bonn forscht. Etliche dieser Versteinerungen sind auf die spektakuläre Fliegenlarve zurückzuführen, die den wissenschaftlichen Namen „Qiyia jurassica“ erhielt. „Qiyia“ bedeutet auf Chinesisch so viel wie „bizarr“, „jurassica“ ist dem Ablagerungszeitraum des Jura geschuldet.

Ein feinkörniger Tonstein sorgte für die gute Erhaltung des Fossils

Für das internationale Team aus Wissenschaftlern der Universität Bonn, der Linyi University (China), des Nanjing Instituts für Geologie und Paläontologie (China), der Universität Kansas (USA) und dem Naturhistorischen Museum London (England) ist die Insektenlarve ein spektakulärer Fund:

„Es gibt heute kein Insekt mehr, dass über einen vergleichbaren Körperbau verfügt“, sagt Dr. Bo Wang. Dass sich die bizarre Larve aus dem Jura bis heute so gut erhalten hat, ist zum einen dem feinkörnigen Tonstein zu verdanken, in dem die Tiere eingebettet wurden. „Je feiner die Körnung ist, desto besser zeichnen sich die Details in den Fossilien ab“, erklärt Privatdozent Dr. Torsten Wappler vom Steinmann-Institut der Universität Bonn. Zum anderen haben die Bedingungen im Bodenwasser dafür gesorgt, dass die Zersetzung durch Bakterien unterbunden wurde.

Erstaunlicherweise wurden in den Sedimenten der Süßwasserseen aus dem Jura keine versteinerten Fische gefunden. „Dagegen wimmelte es von fossilisierten Salamandern, die dort zu Tausenden zutage gefördert wurden“, sagt Dr. Bo Wang. Diese Besonderheit könnte erklären, warum sich die bizarren Parasiten so stark in den Seen ausgebreitet haben: Fische sind die Fressfeinde von Fliegenlarven und halten sie normalerweise in Schach. „Die extremen Anpassungen im Bauplan von Qiyia jurassica zeigen, wie sehr sich Organismen im Zuge der Evolution spezialisieren können“, sagt Prof. Rust.

So unangenehm die Parasiten für die Salamander waren, an den Fliegenlarven gestorben sind sie nicht. „Ein Parasit darf seinen Wirt frühestens dann töten, wenn er sein Ziel, zum Beispiel Fortpflanzung oder Nahrungsaufnahme erreicht hat“, erklärt Dr. Wappler. Wenn Qiyia jurassica das Larvenstadium durchlaufen hatte, verwandelte es sich im Zuge der Metamorphose in ein erwachsenes Insekt. Wie das ausgesehen und gelebt haben mag, dafür haben die Wissenschaftler noch keine Anhaltspunkte.

Publikation: Extreme adaptations for aquatic ectoparasitism in a Jurassic fly larva, Fachjournal “eLIFE”, DOI: 10.7554/elife.02844

Kontakt für die Medien:

Dr. Bo Wang
Steinmann-Institut der Universität Bonn
und State Key Laboratory of Palaeobiology and Stratigraphy
Nanjing Institute of Geology and Palaeontology
Chinese Academy of Sciences (Nanjing/China)
Tel. (0086)13951982860
E-Mail: savantwang@gmail.com

Prof. Dr. Jes Rust
Steinmann-Institut der Universität Bonn
Tel. 0228/734842
E-Mail: jrust@uni-bonn.de

Privatdozent Dr. Torsten Wappler
Steinmann-Institut der Universität Bonn
Tel. 0228/734682
E-Mail: twappler@uni-bonn.de

Weitere Informationen:

http://elifesciences.org/lookup/doi/10.7554/elife.02844 Veröffentlichung im Internet

Johannes Seiler | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Berichte zu: Fliegenlarve Insekt Jura Paläontologie Parasit Parasiten Salamander Saugnapf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Expedition ans Ende der Welt
29.11.2016 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Lakkolithe können auch während eines Vulkanausbruchs entstehen
24.11.2016 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie