Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Trockenheit in Südargentinien ? Expedition Bremer Geowissenschaftler zu Kraterseen in Patagonien

18.04.2002


Im Projekt wurden Sedimentkerne aus Kraterseen entnommen und analysiert. Es zeigte sich, dass im Untersuchungsgebiet derzeit lediglich zwei Seen permanent mit Wasser gefüllt sind. In den kommenden neun Monaten werden die Proben in den Labors in Bremen, Essen und Jülich analysiert. Vorläufige Aussagen über Klimaschwankungen in der jüngeren Vergangenheit sind dann möglich.

Bremer Geowissenschaftler kehrten kürzlich von einer mehrwöchigen Expedition zu vulkanischen Kraterseen in Südpatagonien zurück. Das Team nutzte den Südsommer 2002, um trockene und wassergefüllte Krater im Pali Aike Vulkanfeld (52° südlicher Breite) zu untersuchen. Die Analyse der Seeablagerungen soll Informationen über Klimaschwankungen in der Vergangenheit liefern. Ziel dieses vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (bmb+f) im Rahmen des Deutschen Klimaforschungsprogramms DEKLIM geförderten Verbundprojektes ist es, die regionalen Folgen der globalen Klimaänderung zu untersuchen. Bei einer Abnahme der Niederschläge in dieser Region besteht aufgrund der gegenwärtig intensiven Schaf-Weidewirtschaft eine erhöhte Gefahr der Wüstenbildung durch Zunahme der Winderosion auf vegetationsfreien Flächen mit erheblichen sozio-ökonomischen Folgewirkungen.

Im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojektes SALSA (South Argentinean Lake Sediment Archives and Modelling) brachen die Geowissenschaftler Prof. Dr. Bernd Zolitschka und Dr. Christian Ohlendorf von der Universität Bremen, Dr. Frank Schäbitz und Dr. Michael Wille von der Universität Essen sowie Dr. Andreas Lücke vom Forschungszentrum Jülich nach Argentinien auf, um in Zusammenarbeit mit argentinischen Wissenschaftlern einen weißen Fleck auf der Landkarte der Klimaarchive zu füllen. Im Pali Aike Vulkanfeld, das sich westlich der Hafenstadt Rio Gallegos parallel zur Magellanstrasse erstreckt, waren sie auf der Suche nach "Maaren", das sind durch Wasserdampf-Explosionen entstandene vulkanische Krater. Bei diesen "Maaren" ist die Chance besonders groß, Sedimentabfolgen zu finden, die Klimaveränderungen über Jahrtausende hinweg aufgezeichnet haben, wie man aus vergleichbaren Untersuchungen deutscher Maare weiß. Die Rekonstruktion vergangener Klimaschwankungen ist für regionale und globale Klimamodelle von Bedeutung, um die Vorhersage zukünftiger Klimaänderungen zu verbessern.

Die Untersuchungen im Pali Aike Vulkanfeld haben aber auch angewandte Aspekte. Diese Region ist aufgrund des permanenten und starken Westwindes bei Niederschlagssummen von nur 220 mm im Jahr durch Winderosion gefährdet. Eine Abnahme der ohnehin geringen Jahresniederschläge oder eine Intensivierung der Schaf-Weidewirtschaft würde zum weiteren Verlust von Weideland und zur Wüstenbildung ausgedehnter Landstriche mit wirtschaftlichen und ökologischen Folgen für die gesamte Region führen.

Im Projekt SALSA werden in zwei Expeditionen Sedimentkerne aus Kraterseen entnommen und analysiert. Der abgeschlossene erste Geländeaufenthalt diente der Bestandsaufnahme. Es zeigte sich, dass im Untersuchungsgebiet derzeit lediglich zwei Seen permanent mit Wasser gefüllt sind - Laguna Potrok Aike und Laguna Azul. Beide Seen wurden zunächst mittels Echolot und Satellitennavigation (GPS) vermessen. Außerdem wurden vor Ort und entlang eines Tiefenprofils Temperatur, Salzgehalt, Säuregrad (pH) und Sauerstoffgehalt bestimmt sowie Wasserproben entnommen. Jeweils im Zentrum der Seen ist eine Verankerung mit mehreren Sedimentfallen und Temperaturfühlern installiert worden, die in verschiedenen Wassertiefen absinkende Sedimentpartikel auffangen bzw. ein Jahr lang täglich die Wassertemperaturen registrieren. Schließlich wurden mit einem Schwerelot 16 Sedimentkerne mit Längen zwischen 95 und 135 cm an verschiedenen Positionen im See entnommen.

In den kommenden neun Monaten werden die Proben in den Labors in Bremen, Essen und Jülich analysiert und geben erste Anhaltspunkte über das Potential der Sedimente für Paläoklima-Rekonstruktionen. Vorläufige Aussagen über Klimaschwankungen in der jüngeren Vergangenheit sind dann möglich. Die Synthese dieser Resultate erfolgt in Kooperation mit argentinischen Partnern, die u.a. klimatologische Daten der letzten 30 Jahre verfügbar machen. Weiterhin tragen Wissenschaftler der Universität von Rio Gallegos Daten einer automatischen Wetterstation und von Prozessstudien zur Winderosion im Einzugsgebiet der Laguna Potrok Aike bei. Mit diesen ersten Ergebnissen wird der Weg geebnet für die zweite, logistisch aufwendigere Phase des Projektes, die für den Januar/Februar 2003 geplant ist. Während dieser Expedition sollen mit einer speziellen Bohrplattform bis zu 20 m lange Sedimentkerne aus den beiden tiefen Seen entnommen werden. Diese Kerne gestatten dann einen Blick weit zurück in die fremde Welt einer fernen Vergangenheit als noch das sechs Meter lange und der Tonnen schwere Riesenfaultier Megatherium durch Patagonien trottete und mächtige Eisströme aus den Anden und aus Feuerland bis in die Nähe des Untersuchungsgebietes reichten.

 

Kontakt-Adresse:
Prof. Dr. Bernd Zolitschka


Dr. Christian Ohlendorf
Geomorphologie und Polarforschung (GEOPOLAR)
Universität Bremen,Institut für Geographie, FB 8

Celsiusstr. FVG-M
28359 Bremen
Tel.: 0421-218-2158/9040
Fax: 0421-218-9658
E-Mail: zoli@uni-bremen.de
E-Mail: ohlen@uni-bremen.de

Angelika Rockel | idw
Weitere Informationen:
http://www.salsa.uni-bremen.de

Weitere Berichte zu: Geowissenschaftler Klimaschwankung Kratersee Sedimentkern

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde
23.01.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Neues Forschungsspecial zu Meeren, Ozeanen und Gewässern
18.01.2017 | Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Scientists spin artificial silk from whey protein

X-ray study throws light on key process for production

A Swedish-German team of researchers has cleared up a key process for the artificial production of silk. With the help of the intense X-rays from DESY's...

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neuer Algorithmus in der Künstlichen Intelligenz

24.01.2017 | Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Im Interview mit Harald Holzer, Geschäftsführer der vitaliberty GmbH

24.01.2017 | Unternehmensmeldung

MAIUS-1 – erste Experimente mit ultrakalten Atomen im All

24.01.2017 | Physik Astronomie

European XFEL: Forscher können erste Vorschläge für Experimente einreichen

24.01.2017 | Physik Astronomie