Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Koralline Rotalgen zeichnen das Klima des vergangenen Jahrhunderts auf

01.08.2007
Präzises Klimaarchiv im Nordpazifik: Forscher untersuchen 117 Jahre altes Exemplar

Koralline Rotalgen sind ein wichtiges marines Klimaarchiv für die Forschung: Die chemische Zusammensetzung und die Isotopensignatur ihrer Kalkskelette können Auskunft geben über Klimaveränderungen der Vergangenheit. Ein mehr als 100 Jahre altes Exemplar, das vor der Inselgruppe der Aleuten im Pazifischen Ozean geborgen wurde, haben Geochemiker der Universität Göttingen zusammen mit Kollegen aus Deutschland, den USA und Kanada untersucht.

Die Rotalge der Gattung Clathromorphum nereostratum liefert erstmals eine präzise jährlich aufgelöste Klimarekonstruktion des subarktischen Nordpazifik. Dabei hat die Datenauswertung gezeigt, dass sich das El Niño-Phänomen auch in diesen Regionen des Pazifik auf das ozeanographisch-meteorologische System auswirkt und damit eine bislang nicht bekannte Fernwirkung entfaltet. Die Untersuchungen an der Georgia Augusta wurden unter der Leitung von Dr. Andreas Kronz am Geowissenschaftlichen Zentrum durchgeführt.

Im Zuge der aktuellen Klimadiskussion suchen Wissenschaftler intensiv nach geologischen Archiven, die klimarelevante Parameter vergangener Epochen liefern können. Dazu gehören zum Beispiel kalkbildende Organismen, Eisschichten und die Jahresringe von Bäumen. Diese periodisch veränderbaren Systeme weisen sich aus durch chemische Variation, unterschiedliche Isotopenzusammensetzung oder eine Änderung des Längenwachstums. Die daraus gewonnenen Daten geben häufig jedoch nur begrenzt Auskunft über das Klima der Vergangenheit, weil keine Bezugsgrößen zur Überprüfung der Ergebnisse vorliegen und sich die unterschiedlichen Geo-Systeme damit nur unzureichend "kalibrieren" lassen. Mit den besonders langlebigen korallinen Rotalgen, die feste Kalkskelette bilden und an einem Ort fest haften, hat die Wissenschaft nun jedoch ein "leistungsfähiges" Klimaarchiv für die kalttemperierten Regionen des Pazifischen Ozeans entdeckt.

Ein jetzt untersuchtes Exemplar der Rotalge Clathromorphum, das in Küstennähe der Insel Attu wächst, hat die vergangenen 117 Jahre der Klimageschichte aufgezeichnet. Die chemische Zusammensetzung des Algenskeletts wurde am Göttinger Geowissenschaftlichen Zentrum mit Hilfe einer Elektronen-Mikrosonde erfasst. Dabei geben die Magnesiumgehalte im Calcium-Karbonat die jährlichen Temperaturschwankungen wieder. Zudem ist die Sauerstoffisotopensignatur direkt mit der Wassertemperatur in der Hauptwachstumsphase der Algen gekoppelt. Um die Isotopenzusammensetzung bestimmen zu können, reichen Proben von 0,05 Milligramm Substanz. Sie werden mit einer speziell konstruierten Mikrofräse aus den Wachstumsbändern der Rotalge entnommen. Die Kalibrierung des "Thermometers" erfolgt an den jüngsten Wachstumsabschnitten verschiedener Rotalgenarten aus dem Golf von Kalifornien und Gewässern vor Neufundland, für die exakte Temperaturdaten vorliegen.

Die Rotalgendaten der Aleuten bieten Einblicke in die Ursachen dramatischer Veränderungen in den Ökosystemen des Nordpazifik, die seit längerem zu beobachten sind: Sie zeigen eine Erwärmung und zunehmende Versüßung des Oberflächenwassers seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Die aufgefundene Zeitreihe stimmt dabei mit der sogenannten "Pazifisch Dekadischen Oszillation" überein. Es handelt sich hier um einen Wechsel der Meeresoberflächentemperatur, der etwa alle 25 Jahre erfolgt. Zur Überraschung der Forscher zeigen die Sauerstoffdaten zudem eine weitere, rund vierjährige Klimaschwankung. Sie lässt sich in Verbindung bringen mit dem El Niño-Phänomen, dem Auftreten ungewöhnlicher, veränderter Strömungen im ozeanographisch-meteorologischen System des Südpazifik. Dr. Kronz: "Zwar ist bekannt, dass die El Niño-Aktivität auch das Klima der Nordhalbkugel beeinflusst. Ein direkter mariner Einfluss im Bereich der Aleuten war aber bisher unbekannt."

Originalveröffentlichung:
Halfar J, Steneck R, Schöne B, Moore G W K, Joachimski M, Kronz A, Fietzke J and Estes J (2007) Coralline alga reveals first marine record of subarctic North Pacific climate change. Geophys. Res. Let. 34. L07702, doi:10.1029/2006GL028811, 2007
Kontaktadresse:
Dr. Andreas Kronz
Georg-August-Universität Göttingen
Geowissenschaftliches Zentrum
Goldschmidtstraße 1, 37077 Göttingen
Telefon (0551) 39-9336, e-mail: akronz@gwdg.de

Marietta Fuhrmann-Koch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-geochem.gwdg.de

Weitere Berichte zu: Aleuten Exemplar Klimaarchiv Koralline Nordpazifik Pazifisch Rotalge Rotalgen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Einfluss der Sonne auf den Klimawandel erstmals beziffert
27.03.2017 | Schweizerischer Nationalfonds SNF

nachricht Der steile Aufstieg der Berner Alpen
24.03.2017 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fließender Übergang zwischen Design und Simulation

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Industrial Data Space macht neue Geschäftsmodelle möglich

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Neue Sicherheitstechnik ermöglicht Teamarbeit

27.03.2017 | HANNOVER MESSE