Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Meteorologen wollen "ungesundes" Wetter vorhersagen

17.07.2006
Vor drei Jahren schwitzte Europa wie nie zuvor: Der heißeste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen kostete nach Schätzungen europaweit mehreren zehntausend Menschen das Leben. Wissenschaftler der Universität Bonn haben nun mit Unterstützung der Stadt und dem Landschaftsverband Rheinland ein Langzeitprojekt initiiert, um "ungesunde" Wetterlagen künftig besser vorhersagen zu können. Die Forschungsgruppe GEOMED der Uni Köln analysiert zudem bis Ende 2008 die Rettungsdiensteinsätze in Bonn. Die Projektpartner wollen so herausfinden, welcher Zusammenhang zwischen bestimmten Krankheitsbildern und Parametern wie Feuchtigkeit, Temperatur, Feinstaub- oder Ozonbelastung im Stadtgebiet besteht. Spektakulärer Startschuss des Projekts ist voraussichtlich am Dienstag, 18.7., der Start eines Zeppelins auf der Hofgartenwiese der Universität Bonn.

Eine Woche lang wird der kleinwagengroße rote Zeppelin über der Hofgartenwiese schweben. "Mit einer elektrischen Winde können wir ihn bis auf 200 Meter Höhe steigen lassen", erklärt Professor Dr. Clemens Simmer vom Meteorologischen Institut der Uni Bonn. "An der Schnur sind untereinander Sensoren für Druck, Wind, Temperatur und Feuchte installiert. So wollen wir messen, wie es um die Qualität der bodennahen Luftschichten in der Innenstadt bestellt ist."

Der Start des meteorologischen "Versuchsballons" ist Teil eines einwöchigen Praktikums: Die Bonner Studenten sollen so das Methodenrepertoire ihres Fachs im Feldversuch kennen lernen. Die Praktikumsberichte verstauben jedoch später nicht in irgendwelchen Schubladen: Die Daten fließen in ein ambitioniertes Langzeitprojekt ein. Wissenschaftler aus Bonn und Köln haben sich nämlich zum Ziel gesetzt, gesundheitsgefährdende Wetterlagen künftig genauer vorherzusagen. Der Handlungsbedarf liegt auf der Hand: Klimaforscher prognostizieren, dass extreme Hitzeperioden wie im August 2003 künftig noch häufiger auftreten werden.

Strampeln für die Wissenschaft

Auch körperlich sind die angehenden Wetterkundler während ihres Praktikums gefordert: Die Studenten strampeln mit Fahrrädern durch Bonn, an denen in 50 Zentimetern und zwei Metern Höhe Messfühler angebracht sind. "Wir wollen so herausfinden, wie sich Temperatur und Feuchte vom Stadtrand zum Zentrum hin verändern", erläutert der Bonner Meteorologe Dirk Schüttemeyer, der inzwischen beim Nationalen Komitee für Global Change Forschung in München beschäftigt ist. "Ziel ist es unter anderem, so genannte Hot Spots zu identifizieren - das sind Stadtregionen mit einem besonders warmen oder schwülen Mikroklima." Andere Stationen, so auch auf dem Dach des Rheinischen Landesmusemums, erfassen beispielsweise die wärmebedingten Luftströmungen oder den Kohlendioxid-Gehalt der Luft in Bodennähe. Die Stadt misst zudem die Ozon- und Feinstaubbelastung im Stadtgebiet.

"Kreislaufwetter"

Doch wie ungesund ist das viel beschworene schwülwarme "Kreislaufwetter" wirklich? Bei dieser Frage kommt die Forschungsgruppe GEOMED der Universität Köln ins Spiel. Die Forscher aus der Domstadt haben schon im Jahrhundertsommer 2003 versucht, den Einfluss des Wetters auf die Gesundheit nachzuvollziehen. "Wir kooperieren seit Jahren mit der Rettungsleitstelle der Feuerwehr und dem Universitätsklinikum in Bonn", sagt GEOMED-Forscher Carsten Butsch. "Wir werden über jeden Rettungs- und Krankentransport im Stadtgebiet informiert und erfahren, warum die Patienten eingeliefert wurden." Die anonymisierten Daten enthalten auch das Alter der Betroffenen. So lässt sich abschätzen, welche Wetterlagen beispielsweise für Senioren besonders gefährlich sind.

Gehapert hat es 2003 an den Klimadaten. "Wir konnten fast ausschließlich auf Daten vom Messdorfer Feld zurückgreifen", bedauert Butsch. Dieses weitgehend unbebaute Gebiet am westlichen Stadtrand Bonns dient der Bundesstadt jedoch als Frischluftschneise. Je nach Windverhältnissen kann es hier schon mal 10 Grad kälter sein als im Zentrum. Die Bonner Meteorologen sollen nun kleinräumigere Daten liefern: Denn wenn am Bertha-von-Suttner-Platz eine kühlende Brise geht, kann sich nur wenige Meter weiter in der Wenzelgasse die Hitze noch unerträglich stauen.

Das Kooperationsprojekt ist ambitioniert: "Wir möchten nicht nur unsere lokalen Vorhersagemodelle verbessern und herausfinden, welche Wetterkonstellationen besonders gesundheitsgefährdend sind", sagt Schüttemeyer. "Letztendlich möchten wir Rettungsdienste und Ärzte warnen können, wenn in einer Woche oder zehn Tagen aufgrund des Wetters deutlich mehr Notfälle als normal zu erwarten sind." Die Mediziner könnten sich dann besser auf derartige Notlagen einstellen, so dass sie auf eine Wiederholung des Hitzedrama von 2003 besser vorbereitet wären.

Kontakt:
Prof. Dr. Clemens Simmer
Meteorologisches Institut der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-5181
Mail: csimmer@uni-bonn.de
Dr. Thomas Krafft
Forschungsgruppe GEOMED
Universität zu Köln
Telefon: 0221/470-2546
Mail: geomed@uni-koeln.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de
http://www.uni-koeln.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Meeresforschung in Echtzeit verfolgen
22.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Weniger Sauerstoff in allen Meeren
16.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Poseidon goes Politics – Wer oder was regiert die Ozeane?

27.02.2017 | Veranstaltungen

Fachtagung Rapid Prototyping 2017 – Innovationen in Entwicklung und Produktion

27.02.2017 | Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Herz-Untersuchung: Kontrastmittel sparen mit dem Mini-Teilchenbeschleuniger

27.02.2017 | Medizintechnik

Neue Maßstäbe für eine bessere Wasserqualität in Europa

27.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wenn der Schmerz keine Worte findet - Künstliche Intelligenz zur automatisierten Schmerzerkennung

27.02.2017 | Medizintechnik