Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ökosysteme in der Tiefsee und Vulkane unterm Eis

09.10.2001


Forschungseisbrecher Polarstern bringt neue Erkenntnisse über die Plattentektonik unter dem arktischen Meereis.



Am 7. Oktober ist die Polarstern, das Forschungsschiff des Alfred-Wegener-Institutes, nach einer mehr als viermonatigen Arktisexpedition wieder in Bremerhaven eingelaufen. Die Fahrtleiter Professor Jörn Thiede und Dr. Eberhardt Fahrbach sowie 85 Forscherinnen und Forscher bringen neben zahllosen Proben unterseeischen Materials und einer Fülle von Messdaten auch einige Überraschungen mit.


Die Messungen auf dem ersten Fahrtabschnitt ergaben, dass die Temperaturzunahme im Bodenwasser der Grönlandsee um etwa 0,01 Grad pro Jahr, die in den letzten Jahren beobachtet worden war, anhält. Mit dieser Messreihe, die das AWI jedes Jahr auf einem Schnitt bei 75 Grad Nord durchführt, suchen die Ozeanographen nach langfristigen Veränderungen bei der Erneuerung des Bodenwassers. Solche Veränderungen würden sich auf das weltweite System von Meeresströmungen auswirken. In dem sonst stark geschichteten Wasser haben die Wissenschaftler erstmals drei Schlote mit einer homogenen Verteilung von Temperatur und Salzgehalt bis auf 2300 Meter Tiefe angetroffen, die einen Einfluss auf die tiefe Konvektion im kommenden Winter haben können. Um diese Prozesse auch im Winter messen zu können, wurden drei Verankerungen ausgelegt, die den Salzgehalt und die Temperatur alle zwei Tage über die gesamte Wassertiefe messen. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundprojektes ARKTIEF2 untersuchten die Geologen und Biologen außerdem Lebensgemeinschaften in der Tiefsee und ihre Reaktion auf natürliche Störungen.

Gegenstand des zweiten Abschnitts waren Untersuchungen im Nordpolarmeer, auf dem Eis und insbesondere Messungen am Gakkel-Rücken. Es handelte sich um ein gemeinsames Unternehmen mit dem amerikanischen Eisbrecher "Healy", das den Namen AMORE (Arctic Mid-Ocean Ridge Expedition) trug.


Der Gakkel-Rücken ist der äußerste nördliche Ausläufer des durch das gesamte Weltmeer verlaufenden Systems mittelozeanischer Rücken. Entlang dieser Rücken spreizen sich die Ozeanböden und verursachen die Kontinentalverschiebung. Der Gakkel-Rücken ist damit geologisch das nördliche Ende Europas. Der westliche Teil wurde zum ersten Mal untersucht. Die Ergebnisse bringen selbst Fahrtleiter Thiede zum Staunen: "Unter der trügerisch-ruhig dahin driftenden arktischen Meereisdecke verbirgt sich ein brodelnder chemischer Hexenkessel, von dessen Existenz man bisher keine Ahnung hatte." Glaskrusten an Gesteinen auf dem Meeresboden deuten auf mögliche Vulkanausbrüche unerwarteter Heftigkeit hin, seismologische Sensoren wiesen Meeresbeben nach. Selbst Vulkankegel wurden gefunden. Da sich der Meeresboden im Gakkel-Rücken nur um einige Millimeter im Jahr spreizt, hatten die Forscher hier eher wenig Aktivität erwartet. Umfangreiche Proben aus diesem Gebiet werden Aufschluss geben über die Geologie des Rückens, seine Rolle in der Plattentektonik und die Lebewesen, die in der Nähe dieser Tiefsee-Vulkane existieren.

Die Meereisforscher fanden im zentralen Arktischen Ozean geringere Eisdicken vor als erwartet. Noch 1991 hatte die Eisdicke bei zweieinhalb Metern gelegen, jetzt waren es nur noch zwei Meter. "Eisfrei", wie die Medien es im letzten Jahr berichteten, war der Nordpol aber nicht. Er bot vielmehr das gewohnte Bild aus kilometergroßen Eisschollen, die teilweise zusammengeschoben waren und teilweise Rinnen bildeten. Zur Messung der Eisdicke dient ein Schlitten. Dieser Schlitten musste bisher zu Fuß über das Eis gezogen werden. Diese beschwerliche Aufgabe stellt sich bald nicht mehr: Mit dem EM-Bird ist ein technisches Gerät entwickelt worden, das an einem langen Kabel vom Hubschrauber über das Eis getragen wird. Die ersten Messungen damit zeigten hervorragende Qualität.

Internationale Zusammenarbeit war auch bei dieser Expedition wesentlicher Bestandteil des Unternehmens. Sie hatte ihren Höhepunkt beim Nordpolbesuch am 6. September und dem Treffen der drei Forschungseisbrecher Oden (Schweden), Healy (USA) und Polarstern am 23.August 2001. Fast 100 Naturwissenschaftler aus vielen unterschiedlichen Disziplinen, die in diesen Tagen die Geheimnisse des Nordpolarmeeres untersuchten, tauschten Daten, Proben und Ergebnisse aus. 17 Nationen (Australien, Brasilien, China, Deutschland, Estland, Finnland, Großbritannien, Italien, Kanada, Niederlande, Norwegen, Österreich, Rußland, Schweden, Schweiz, Spanien, und Vereinigte Staaten von Amerika) trafen sich in dieser Gruppe aus Wissenschaft und Besatzung auf den drei Schiffen und machten deutlich, dass Arktisforschung ein internationales "Geschäft" geworden ist.

Vom 8. Oktober bis zum 6. November liegt "Polarstern" bei der Lloydwerft in Bremerhaven und der letzte Teil einer umfassenden Generalreparatur wird durchgeführt. Am 7. November wird das Schiff zu seiner neunzehnten Antarktisexpediton auslaufen.

Dipl.-Ing. Margarete Pauls | idw

Weitere Berichte zu: Gakkel-Rücken Polarstern Tiefsee Vulkan

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Meeresforschung in Echtzeit verfolgen
22.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Weniger Sauerstoff in allen Meeren
16.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2017

23.02.2017 | Veranstaltungen

Wie werden wir gesund alt? - Alternsforscher tagen auf interdisziplinärem Symposium in Magdeburg

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Heinz Maier-Leibnitz-Preise 2017: DFG und BMBF zeichnen vier Forscherinnen und sechs Forscher aus

23.02.2017 | Förderungen Preise

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Planeten außerhalb unseres Sonnensystems: Bayreuther Forscher dringen tief ins Weltall vor

23.02.2017 | Physik Astronomie