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Damit wir nicht den Boden unter den Füßen verlieren

22.06.2001


Zentralasien, Dünenbefestigung durch Pflanzung von Baumsetzlingen. Copyright: Helga Winckler, Kontakt ggf. durch GTZ, CCD-Projekt, Tulpenfeld 2, 53113 Bonn


Modell zum Umgang mit der Bildung von Wüsten

88. Workshop der Dahlem Konferenzen der Freien Universität Berlin

Durch Klimaänderungen und menschliche Eingriffe fallen weltweit immer mehr Flächen der Wüste zum Opfer und fruchtbare Böden werden zerstört - in diesem einen Punkt sind sich Wissenschaftler, Entwicklungshelfer und Politiker einig. In allen anderen Fragen aber, die die Desertifikation betreffen, gehen die Meinungen weit auseinander. Beruhend auf den komplexen Verflechtungen von meteorologischen, ökologischen und antropogenen Vorgängen ist Desertifikation in vielen Fällen noch unverstanden. Unproduktive Debatten, die die politischen Entscheidungsfindungen behindern, sind die Folge. Auf dem 88. Workshop der Dahlem Konferenzen der Freien Universität Berlin vom 10. bis 15. Juni haben führende Wissenschaftler aus aller Welt ein konzeptionelles Modell entwickelt, das mehr Transparenz bei der Analyse der Desertifikation schafft und eine klare Kommunikation ermöglicht. Es bietet Orientierung bei der Konzeption von Entwicklungshilfeprogrammen und hilft, Wissenslücken und weiteren Forschungsbedarf auszumachen.

Die vielfältige Vegetation auf dem Land - Wiesen, Wälder und Felder - und alles Leben darin verdanken wir der dünnen obersten Erdschicht. Wie eine fruchtbare Haut überzieht sie die Kontinente. Aber nicht überall ist sie gesund, in vielen Regionen der Welt entstehen, einem Ausschlag gleichend, Flecken verödeten Landes. Sie dehnen sich aus, wachsen zusammen und führen so zu einer Verwüstung großer Landstriche. Der Name dieser Krankheit lautet: Desertifikation. Sie findet auf allen Kontinenten statt. Trockengebiete, die rund 40% der gesamten Landoberfläche bedecken, sind extrem gefährdet. In ihnen ist der Boden besonders empfindlich, die Vegetation spärlich und das Klima unwirtlich. Rund ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt in diesen Regionen - über eine Milliarde Menschen. Mit der Zerstörung der Böden wird auch ihre Existenzgrundlage zerstört. Nach Schätzungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen kostet Wüstenbildung weltweit pro Jahr 42 Milliarden Dollar, allein auf Afrika entfallen 9 Milliarden Dollar. Und Desertifikation führt nicht nur zu Hunger und Armut, sie verursacht auch politische Instabilität und den Zusammenbruch sozialer Gefüge - Krisen, die zu gewalttätigen Konflikte empor lodern können. Um diesen Bedrohungen entgegen zu wirken, sind Entwicklungshilfeprogramme nötig, die nicht nur die Symptome behandeln, sondern an den tiefer liegenden Ursachen ansetzen. Beispiel Ostpatagonien an der südlichen Spitze Südamerikas: Hier verhindern Trockenheit und starke Winde weitgehend den Baumwuchs, magere Steppen bedecken das Land, die den Bewohnern fast ausschließlich zu extensiver Schafhaltung dienen. Durch Überweidung wird die Vegetation zerstört, der Boden erodiert, die Schafherden werden dezimiert. Verarmung der Bevölkerung und Abwanderung ist die Folge. Die verbleibenden Bauern reduzieren die Schafhaltung aber nicht auf ein erträgliches Maß, da ein Verfall der Wollpreise auf dem Weltmarkt sie zusätzlich unter Druck setzt.

Ein sinnvolles Entwicklungshilfeprogramm muss das ganze Wirkungsgefüge berücksichtigen: Die natürlichen Wind- und Niederschlagsverhältnisse, die eine Mindestvegetation zur Verankerung des Bodens erforderlich machen, die sozialen und politischen Verhältnisse und die wirtschaftlichen Einflüsse wie z.B. die Weltmarktpreise für Agrargüter. Diese Aufgabe macht das Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Fachdisziplinen und verschiedener Blickwinkel nötig. Wie lässt es sich dabei erreichen, dass alle Beteiligten gleichberechtigt ihre Ergebnisse beisteuern können, gleichzeitig aber das Resultat nicht genauso verwickelt und unüberschaubar wird, wie das Ausgangsproblem? Wie können anschließend die Dreh- und Angelpunkte herausgefunden werden, an denen ein Hilfsprogramm ansetzen muss?

40 international führende Wissenschaftler haben auf dem 88. Workshop der Dahlem Konferenzen "Integrative Bewertung der ökologischen, meteorologischen und menschlichen Faktoren der globalen Desertifikation" ein konzeptionelles Modell entwickelt, mit dem diese Transparenz erreicht werden kann. Das Modell unterscheidet drei Bereiche - eine rote, gelbe und grüne Box -, in die jede beliebige Region einsortiert wird.

Die grüne Box steht für Regionen, die ökologisch stabil sind. D.h.: drohen die natürlichen Schwankungen, bspw. des Klimas, der Bevölkerungsdichte oder der Preise auf dem Weltmarkt, das Ökosystem aus dem Gleichgewicht zu bringen, können die Bewohner durch geeignetes Verhalten und ohne fremde Hilfe die Entwicklung stoppen und wieder umkehren. Im Falle Patagoniens würde das z.B. bedeuten, dass die Vegetation robust genug wäre, um eine Zunahme des Schafsbestandes zu verkraften, oder dass finanzielle Puffer es den Bauern erlauben, trotz Einbrüchen in den Wollpreisen den Schafbestand auf dem angestammten Niveau zu halten. Erst wenn bestimmte Schwellwerte überschritten werden - wenn etwa das Einkommen der Bauern oder die Vegetationdichte unter eine gewisse Grenze fallen oder die Bevölkerungsdichte ein bestimmtes Maß überschreitet -, können äußere Einflüsse (Klimaschwankungen, Preisverfall, Bevölkerungszunahme) Prozesse auslösen, die in eine immer weiter zunehmenden Desertifikation führen. Diese Regionen werden der gelben Box zugeordnet. Bei ihnen kann die ansässige Bevölkerung nicht mehr aus eigener Kraft in den stabilen Bereich zurückgelangen. Im Gegensatz zu den Landstrichen im roten Bereich, die unwiederbringlich tot sind, ist hier aber mit äußerer Unterstützung in Form von gezielter Entwicklungshilfe eine Therapie möglich. Dieses absichtlich einfache Modellkonzept beugt der Versuchung vor, den vielschichtigen Vorgang der Desertifikation als einen ausschließlich naturräumlichen Prozess aufzufassen. Die einzelnen Dimensionen - biophysikalische wie soziale - bleiben erhalten und lassen sich nachvollziehen. Durch das Festlegen der Schwellenwerte (was nicht trivial ist, zumal es unter Umständen keine scharfen Werte sind), lässt sich ausmachen, wie gefährdet eine Region oder wie weit sie vom grünen Bereich schon entfernt ist, aber auch, wo eine Entwicklungshilfe ansetzen sollte und welche Auswirkungen auf die einzelnen Faktoren, die bei der Desertifikation eine Rolle spielen, zu erwarten sind.

von Gabriele André

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
- Dr. Matthias Lüdeke, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Tel.: 0331/288-2578, E-Mail: Matthias.Luedeke@pik-potsdam.de
- Prof. Dr. James Reynolds, Universität Bayreuth und Duke University, NC/USA, Tel.: 001 / 919 / 660-7404, E-Mail: JFReynol@acpub.duke.edu

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fu-berlin.de/dahlem

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