Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Säugetierzahn von der Größe eines Stecknadelkopfs gefunden

21.06.2001


Zweiteiliger Docodonten-Zahn. Größe: 1,5 mm. Rechte Spitze wurde erst einige Wochen später gefunden. Foto: Dr. Thomas Martin.


Zeichnung eines Docodonten (Haldanodon exsxpectatus). Zeichnung: Elke Gröning. Foto: Martin/Krebs (Hgg.), Guimarota - A Jurassic Ecosystem, München 2000, S. 94, Abb. 14.3.


Paläontologe der Freien Universität Berlin entdeckt Docodonten-Überreste in Kirgisien.

Die ersten Säugetiere entwickelten sich aus "säugerähnlichen Reptilien" kurz vor der Wende von der Trias- zur Jura-Zeit des Erdmittelalters. Zu den ungewöhnlichsten Säugetieren der Jura-Zeit (vor 180-140 Mio. Jahren) gehören die sogenannten Docodonten - ein ausgestorbener Zweig des Säugerstammbaums mit maulwurfsähnlicher Lebensweise. Bisher wurde die Entwicklungslinie der Docodonten vorwiegend im europäischen und nordamerikanischen Raum angenommen. Einem internationalen Paläontologen-Team um Dr. Thomas Martin von der Freien Universität Berlin (FU) ist nun der Nachweis gelungen, dass Docodonten auch in Zentralasien lebten: Der Fund eines stecknadelkopfgroßen Zahns nahe der kirgisischen Stadt Tasch-Kömür ist den maulwurfsähnlichen Ursäugern zuzuordnen.

Bei Docodonten handelt es sich um eine ausgestorbene Gruppe von Säugetieren, die ausschließlich in der Jura-Zeit lebte. Wie der Lebensraum der Vorfahren von Spitzmaus und Maulwurf aussah, hatte Dr. Thomas Martin bereits in der portugiesischen Kohlengrube Guimarota am Stadtrand des etwa 120 km nordöstlich von Lissabon gelegenen Leiria erforscht (vgl. entsprechenden Pressedienst Wissenschaft unter http://www.fu-berlin.de/presse/fup, Pressedienst Wissenschaft 2000, Nr. 031). Bei diesem Projekt - eine der weltweit größten Unternehmungen in der Geschichte der Paläontologie - hatte Martin zusammen mit den Berliner Kollegen Bernard Krebs und Georg Krusat unter anderem herausgefunden, dass die maulwurfartigen Docodonten unterirdisch lebten. Wie der heute lebende Maulwurf zeigt nämlich auch das nur wenige Zentimeter lange Fossil, das die FU-Wissenschaftler in Guimarota fanden, starke Oberarmknochen. Die Paläontologen nehmen an, dass der Docodont damit in der Erde nach Larven und Würmern wühlte. Abgeschliffene Zähne, die auf durch Sandkörner verunreinigte Nahrung hindeuten, bezeugen diese Vermutung.

Die Zähne der Docodonten, die der Ansicht eines Gebirgskammes ähneln, bestehen aus mehreren Spitzen oder Höckern. Einen solchen Zahn haben die Paläontologen der Freien Universität Berlin in Zusammenarbeit mit ihren Kollegen vom Zoologischen Institut der russischen Akademie der Wissenschaft in St. Petersburg kürzlich im zentralasiatischen Kirgisien entdeckt.

Eine Gruppe russischer Forscher unter der Leitung von Alexander Averianov hatte bereits Anfang der 90er Jahre in der Nähe der kirgisischen Stadt Tasch-Kömür Probegrabungen vorgenommen und war dabei auf zahlreiche faszinierende Fossilien gestoßen: auf Krokodilknochen und Saurierzähne der Jura-Zeit. Diese Funde veranlassten schließlich die beiden Paläontologen Martin und Averianov, gemeinsame Ausgrabungen in dieser fossilienreichen Gegend durchzuführen. Aus der ersten Idee wurde ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes internationales Projekt. Vor Ort wurde gezielt gegraben, zwei Tonnen Sediment wurden geschlämmt und der Waschrückstand mit den Fossilien (etwa fünfzehn Kilogramm) wurde für weitere Untersuchungen an die Freie Universität Berlin gebracht. Hier wurde das gesamte Material gesichtet; zahlreiche Studierende des Faches waren an der Geduld erfordernden Arbeit beteiligt.

Unter dem geschlämmten Sediment befand sich ein etwa ein Millimeter großer - oder kleiner - Zahn, der zunächst der Stammlinie der modernern Säugetiere zugeordnet wurde. Kurz nach Auswertung dieses Zahnfundes entdeckte eine Studentin des FU-Paläontologen Dr. Martin einen weiteren Zahn. Bei genauerer mikroskopischer Untersuchung stellte der Berliner Wissenschaftler fest, dass es sich hierbei nicht um einen vollständigen zweiten, sondern vielmehr um einen abgebrochenen Teil eines Zahnes handelt - um ein Stückchen, dass sich übergangslos an das bereits gefundene und ausgewertete größere Zahnteil anschließt.

Der sich nun ergebende dreispitzige Zahn ermöglicht jetzt eine wesentlich genauere Zuordnung innerhalb der Säugetier-Spezies. Die Form entspricht jener der bereits oben beschriebenen mehrspitzigen Docodonten-Zähne und liefert damit den Beweis, dass Docodonten - entgegen der ursprünglichen Vermutung der Paläontologen - nicht nur vorwiegend in Europa und Nordamerika sondern auch in Zentral-Asien lebten und damit zwei unterschiedliche Entwicklungslinien dieser ausgestorbenen Tiere zu verfolgen sind.

von Ilka Seer


Literatur zum Forschungsprojekt "Guimarota":


Thomas Martin, Bernard Krebs (Hgg.), Guimarota - a Jurassic Ecosystem, 156 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen, Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2000, ISBN 3-931516-80-6

Weitere Informationen erteilt Ihnen gerne:
Priv.-Doz. Dr. Thomas Martin, Institut für Geologische Wissenschaften (Paläontologie), FB Geowissenschaften der Freien Universität Berlin, Malteserstr. 74-100, Haus D, 12249 Berlin, Tel.: 030 / 838-70276, E-Mail: tmartin@zedat.fu-berlin.de

Ilka Seer | idw

Weitere Berichte zu: Docodont Fossil Jura-Zeit Paläontologe Säugetier

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Weniger Sauerstoff in allen Meeren
16.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Wie viel Biomasse wächst in der Savanne?
16.02.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Im Focus: Breakthrough with a chain of gold atoms

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

Im Focus: Hoch wirksamer Malaria-Impfstoff erfolgreich getestet

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Im Focus: Sensoren mit Adlerblick

Stuttgarter Forscher stellen extrem leistungsfähiges Linsensystem her

Adleraugen sind extrem scharf und sehen sowohl nach vorne, als auch zur Seite gut – Eigenschaften, die man auch beim autonomen Fahren gerne hätte. Physiker der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Welt der keramischen Werkstoffe - 4. März 2017

20.02.2017 | Veranstaltungen

Schwerstverletzungen verstehen und heilen

20.02.2017 | Veranstaltungen

ANIM in Wien mit 1.330 Teilnehmern gestartet

17.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Innovative Antikörper für die Tumortherapie

20.02.2017 | Medizin Gesundheit

Multikristalline Siliciumsolarzelle mit 21,9 % Wirkungsgrad – Weltrekord zurück am Fraunhofer ISE

20.02.2017 | Energie und Elektrotechnik

Wie Viren ihren Lebenszyklus mit begrenzten Mitteln effektiv sicherstellen

20.02.2017 | Biowissenschaften Chemie