Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bahnbrechende Studie zu frühem Hominiden - LMU-Forscher analysiert Umwelt von Ardipithecus ramidus

02.10.2009
Dieser Fund schreibt Geschichte: Ardipithecus ramidus ist mit 4,4 Millionen Jahren der früheste bekannte Hominide, von dem die wichtigsten Skelettteile erhalten sind - und ergänzt die Geschichte der Hominidenentwicklung um ein wichtiges Kapitel.

Die Ergebnisse der über 17 Jahre laufenden Fossilanalyse durch ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Professor Tim White, Berkeley, USA, werden der Weltöffentlichkeit morgen als Sonderausgabe des Fachmagazins Science mit elf Publikationen präsentiert werden.

Die Medien wurden heute vorab informiert in zwei Pressekonferenzen in den USA und in Afrika, wo Ardipithecus ramidus vor 17 Jahren in der äthiopischen Afar-Senke gefunden wurde. Ebenfalls an der Studie beteiligt war der LMU-Paläontologe Ioannis Giaourtsakis, ein Spezialist für prähistorische Großsäuger. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern untersuchte er die zahlreichen Fossilfunde von Tieren, die wichtige Rückschlüsse auf die Umgebung des frühen Hominiden erlauben.

Die Forscher konnten vor allem anhand der fossilen Zähne zeigen, dass sich Ardipithecus nicht im offenen Grasland aufhielt, sondern Lebensräume im bedeckten Wald bevorzugte. "Ardipithecus war in erster Linie ein geschickter Kletterer", berichtet Giaourtsakis. "Auf dem Boden konnte sich der Hominide aber auch auf zwei Beinen bewegen." Die Bewegung auf zwei Beinen prägte bereits die Anatomie der Hominiden, bevor diese das Grasland als Habitat eroberten, wie etwa bei der jüngeren Hominidenart Australopithecus. (Sonderausgabe Science, 02. Oktober 2009).

Die Überreste der mindestens 36 Individuen von Ardipithecus ramidus sind 4,4 Millionen Jahre alt und repräsentieren den frühesten bekannten Hominiden, von dem ein Teilskelett erhalten ist. Diese Position belegte bislang Australopithecus, dessen bekanntestes Fossil die 3,2 Millionen Jahre alte "Lucy" ist. Ardipithecus ist älter als die Australopithecinen und liegt damit näher am "gemeinsamen Vorfahren" von Mensch und Schimpanse. Diese Linien haben sich vor mindestens fünf Millionen Jahren aufgetrennt.

Die wichtigsten Fossilfunde der Ausgrabung in der äthiopischen Afar-Senke gehören zum Skelett eines Weibchen, das die Forscher "Ardi" nannten. Alle für eine anatomische Bestimmung wichtigen Knochen, etwa Schädel, Bezahnung, Hände, Hüfte, Beine und Füße sind erhalten. Weil die Stücke zum Teil schwer beschädigt waren, mussten innovative technische und analytische Methoden zur Untersuchung eingesetzt werden. Mit Hilfe von Computertomografie, Elektronenmikroskopie und anderen Verfahren konnten die Forscher unter anderem zeigen, dass Ardipithecus in der Anatomie deutlich primitiver als Australopithecus war. Unklar ist noch, ob sich Australopithecus direkt aus Ardipithecus oder parallel dazu entwickelte.

Neben den Hominidenfunden entdeckten die Forscher auch mehrere Tausend fossile Pflanzen- und Tierreste, wie zum Beispiel von Eulen, Papageien, diverse Kleinsäugern, Stachelschweinen, Hyänen, Bären, Elefanten, Urpferde, Giraffen, zwei Affenarten, Antilopen und Nashörnern. Auf die Evolutionsgeschichte von Nashörnern und anderen Einpaarhufern ist der LMU-Paläontologe Ioannis Giaourtsakis spezialisiert, der derzeit darüber an seiner Dissertation arbeitet. Einer seiner Schwerpunkte war die morphologische Bestimmung der fossilen Tierzähne, die dann bestimmten Arten zugeordnet und auch chemisch analysiert werden konnten - um Rückschlüsse auf die Diät zu ziehen.

Die fossilen Zähne der Großsäuger erwiesen sich hier als besonders wertvoll: Bei heute noch lebenden Arten ist die Art der Ernährung bekannt. Liefert die Zahnanalyse dieser Tiere und von Ardipithecus ähnliche Ergebnisse, kann auf eine ähnliche Diät geschlossen werden. Tatsächlich fand sich weitgehende Übereinstimmung zwischen dem Hominiden und den Tierarten, die sich vor allem von pflanzlicher Nahrung im Wald ernähren. "Wir konnten damit zeigen, dass das Habitat von Ardipithecus überwiegend mit Wald bedeckt gewesen sein muss", sagt Giaourtsakis. "Das benachbarte offene Grasland gehörte wohl nicht zum Habitat des Hominiden."

Das bedeutet auch, dass sich die Fortbewegung auf zwei Beinen nicht erst als Antwort auf ein Leben in der offenen Savanne entwickelte. Denn Ardipithecus ramidus konnte zumindest kurze Strecken auch schon auf zwei Beinen zurücklegen, lebte überwiegend aber in geschlossenen bewaldeten Habitaten. Er konnte entsprechend gut und effizient klettern: Beim Greifen und Festhalten half der opponierbare große Zeh, was wegen des relativ großen Körpergewichts auch nötig war - "Ardi" wird auf 50 Kilogramm geschätzt. Australopithecus lebte dagegen bereits ausschließlich auf dem Boden, bewegte sich auf zwei Beinen und konnte nicht besser klettern als der moderne Mensch.

Der Fund von Ardipithecus ramidus öffnet ein wichtiges Kapitel in der Evolution der Hominiden. Er wirft neues Licht auf die Entwicklung der Fortbewegung auf zwei Beinen und liefert weitere interessante Erkenntnisse zur Entwicklung der höheren Primaten. "Das Gebiss von Ardipithecus zeigte nämlich eine weitere Auffälligkeit", berichtet Giaourtsakis. "Die männlichen Primaten mit Ausnahme des Menschen tragen stark vergrößerte Eckzähne, mit denen sie drohen und angreifen. Die Eckzähne von Ardipithecus waren dagegen stark reduziert, was möglicherweise auf eine soziale Struktur ohne große Konflikte zwischen Männchen schließen lässt."

"Ardi" bedeutet in der Sprache der äthiopischen Afar "Boden", während "ramidus" für Wurzel steht. Damit steht der Name "Ardipithecus ramidus" für einen am Boden lebenden Hominiden an der Wurzel unserer Entwicklungslinie. Noch ist unklar, ob Ardipithecus ramidus ein direkter Vorfahr des modernen Menschen ist oder ein Nebenzweig der Hominidenlinie darstellt. Dennoch scheint es passend, dass die Millionen Jahre alten Funde in 17 langen Jahren von einer breit gefächerten Forschergruppe untersucht wurde: Hunderte von Menschen waren an der Ausgrabung in Äthiopien beteiligt, während 47 Forscher aus zehn Ländern die Millionen Jahre alten Funde wissenschaftlich aufbereiteten - um der Menschheit jetzt einen Blick in ihre eigene Geschichte zu präsentieren. (suwe)

Publikation:
Sonderausgabe Science, Vol 326; 02. Oktober 2009
Doi: 10.1126/Science.1175822
Ansprechpartner:
Dipl.-Geol. Ioannis Giaourtsakis
Department für Geo-und Umweltwissenschaften
Sektion für Paläontologie
Tel.: 089 / 2180 - 2706

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Expedition ans Ende der Welt
29.11.2016 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Lakkolithe können auch während eines Vulkanausbruchs entstehen
24.11.2016 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie