Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Alter Vogel, Neue Welt: Haben die südamerikanischen Hoatzine ihren Ursprung in Europa?

22.01.2014
Woher kamen die Hoatzine? Die heute nur noch mit einer Art in Südamerika vorkommenden Vögel stammen aus der Alten Welt.

Untersuchungen an den bisher ältesten bekannten Fossilien von Hoatzin-Vorfahren zeigen nun, dass es diese Vögel vor etwa 34 Mio. Jahren in Europa gegeben hat. Paläoornithologen der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Flinders-Universität in Adelaide veröffentlichen ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Naturwissenschaften“.


Hoatzin (Opisthocomus hoazin)
©Senckenberg

Stinkevogel oder Schopfhuhn nennt die deutsche Sprache den Hoatzin (Opisthocomus hoazin), den es heute nur noch in Teilen Südamerikas gibt. Seine Verwandtschaftsverhältnisse unter den Vögeln sind ebenso ungeklärt, wie seine Evolutionsgeschichte. Bis vor kurzem galt Südamerika als Ursprungsort dieser Vögel. Dann wurden jedoch Fossilien aus Afrika beschrieben, und neue Funde aus Afrika und Europa belegen nun endgültig, dass Hoatzine aus der Alten Welt nach Südamerika gelangten. Eine ebenfalls im Januar 2014 erscheinende Studie in der ornithologischen Fachzeitschrift „The Auk“ erbringt erstmals den Nachweis weitgehend „moderner Hoatzine im Miozän (vor 15 Millionen Jahren) Afrikas.

Die bisher ältesten dem Hoatzin zugeordneten Fossilien wurden schon vor über 100 Jahren gefunden. Sie stammen aus der Nähe von Paris. Erst jetzt wiesen Paläoornithologen nach, dass es sich dabei eindeutig um Vorfahren des Hoatzins handelt. Die Fossilien gehören zu einer bisher unbekannten Art, die als Protoazin parisiensis („Pariser Ur-Hoatzin“) beschrieben wurde, und belegt, dass im späten Eozän, also vor etwa 34 Mio. Jahren, Hoatzine auch in Europa gelebt haben.
„Das stützt die Theorie, dass Hoatzine in der Alten Welt entstanden sind“, sagt Dr. Gerald Mayr vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt. Nach Ansicht von Dr. Vanesa De Pietri von der Flinders-Universität in Australien handelt es sich „um ein weiteres eindrucksvolles Beispiel dafür, dass die südamerikanische Vogelfauna zahlreiche Reliktformen enthält, die einst weiter verbreitet waren“.

Bemerkenswerterweise scheinen Hoatzine in Europa deutlich früher ausgestorben zu sein als in Afrika, wo die jüngsten Fossilien aus dem Miozän (vor 15 Mio. Jahren) stammen und nur etwa halb so alt sind. Möglicherweise hängt das Verschwinden dieser Vögel mit einer markanten Faunenverschiebung zusammen.

Kurz nach der Periode, aus welcher die europäischen Hoatzin-Fossilien stammen, wanderten bei dieser sogenannten „Grande Coupure“ zahlreiche neue Tierarten aus Asien nach Europa ein. Darunter waren baumlebende Raubsäuger, welche den Nestlingen der in offenen Nestern brütenden Hoatzine zum Verhängnis geworden sein könnten. Da Hoatzine nur kurze Strecken fliegen können, sind auch die ausgewachsenen Vögel für manchen Beutegreifer leicht zu fassen. In Afrika sind ähnliche baumbewohnende Raubsäuger dagegen erst später, zu Beginn des Miozäns, nachgewiesen worden.

Verdauungsspezialist und Kletterkünstler

Der heute lebende Hoatzin weist eine besondere Art der Verdauung auf. Mit einem ungewöhnlich großen Kropf verdauen die Pflanzenfresser ihre Nahrung vor, bevor sie in Magen und Darm weiter aufgeschlossen wird. Das funktioniert, ähnlich wie im Pansen einer Kuh, mit Hilfe einer eigenen Bakterienfauna, welche die pflanzliche Zellulose verdaut. Ein Verdauungstrick, den sonst kein Vogel entwickelt hat. Skelettmerkmale zeigen, dass schon die fossilen Hoatzine in der Alten Welt besonders viel Platz für ihren großen Kropf brauchten.

Eine weitere Besonderheit des Hoatzins sind Krallen an den Flügeln der Küken, mit deren Hilfe der Nachwuchs im Geäst klettern kann.

Kontakt:

Dr. Gerald Mayr
Senckenberg Forschungsinstitut
und Naturmuseum Frankfurt
Sektion Ornithologie
Tel.: 069- 7542 1348
Gerald.Mayr@senckenberg.de
Vanesa L. De Pietri
School of Biological Sciences, Flinders University, Adelaide
Australia
vanesa.depietri@gmail.com
Pressestelle:
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Regina Bartel
Senckenberganlage 25
60325 Frankfurt am Main
Tel.: 069- 7542 1434
regina.bartel@senckenberg.de
Publikation:
De Pietri, Vanesa L., Mayr, Gerald (2014) Earliest and first Northern Hemispheric hoatzin fossils substantiate Old World origin of “Neotropic endemic”, Naturwissenschaften, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014 doi:10.1007/s00114-014-1144-8
Mayr, Gerald (2014) A hoatzin fossil from the middle Miocene of Kenya documents the past occurrence of modern-type Opisthocomiformes in Africa. Auk 131: 55-60.

doi: 10.1642/AUK-13-134.1

Weitere Informationen:

http://www.senckenberg.de/root/index.php?page_id=5206&kid=2&id=2959
http://www.senckenberg.de/root/index.php?page_id=5206&year=2011&kid=2&id=1827
(Pressemitteilung vom 4.10.2011)

Dr. Sören Dürr | Senckenberg
Weitere Informationen:
http://www.senckenberg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät
21.09.2017 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Der Salzwasser-Wächter auf der Darßer Schwelle
19.09.2017 | Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie