Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Alpenländer untersuchen Permafrost und seine Veränderungen gemeinsam

06.07.2010
Die Verbreitung von Gebirgspermafrost und den Einfluss des Klimawandels auf ihre Heimatregion untersuchen Wissenschaftler aus fünf Alpenländern gemeinsam. Sie haben heute, Dienstag, in Innsbruck ein alpenweites Permafrost-Inventar und eine Vorschau auf die erste einheitliche Hinweiskarte der potentiellen Permafrostverbreitung im Alpenraum präsentiert.

In Italien, der Schweiz, Frankreich, Deutschland und Österreich wurde ein Permafrost-Netzwerk aufgebaut, in dem auch neue Beobachtungsstellen installiert werden. Das Netzwerk liefert eine solide Datenbasis für die weitere wissenschaftliche Erforschung des Permafrosts und die Beratung von Behörden.

Die mit dem Klimawandel einhergehende Erwärmung geht auch an den Alpen nicht spurlos vorüber. Während dem Rückzug der alpinen Gletscher in den Medien große Aufmerksamkeit geschenkt wird, fand der an der Oberfläche nicht sichtbare Gebirgspermafrost bislang weniger Beachtung. Obwohl das Phänomen seit den 1970er Jahren erforscht wird, ist das Wissen über seine alpenweite Verbreitung noch fragmentarisch. In den Alpen kann der Untergrund je nach Beschaffenheit des Geländes und lokalen Klimas oberhalb der Waldgrenze ständig gefroren bleiben, in den Sommermonaten taut er nur oberflächlich auf.

Im Hochgebirge etwa erreichen die Permafrostzonen stellenweise eine Dicke von mehreren hundert Metern. Für den Bau und sicheren Unterhalt von Infrastruktur im Hochgebirge wie Wege, Steige und Kletterrouten, aber auch Schutzhütten, Seilbahnstationen und Gletscherskigebiete ist die Kenntnis von Permafrostvorkommen wichtig und spezielle Anpassungen sind oft nötig. Eine Zunahme von Felsstürzen, wie sie in den letzten Jahren in den Hochalpen immer wieder stattfanden, ist eine mögliche Folge des Auftauens von Permafrost.

Permafrost-Inventar und Netzwerk von Beobachtungsstellen
Bislang gab es für den Alpenraum nur länderspezifische und damit inhomogene Datensammlungen zum Permafrost. Aussagen über Zustand und Entwicklung des Permafrostes im gesamten Alpenraum wurden bisher nicht systematisch zusammengeführt. Die gemeinsame Arbeit der teilnehmenden Länder ermöglichte nun ein Inventar von Permafrostbeobachtungen und -messstandorten. „Durch die Einrichtung eines internationalen Beobachtungsnetzwerks mit 40 zum Teil neuen Messstellen untersuchen alle Alpenländer den Permafrost erstmals gemeinsam“, sagt Projektkoordinator Dr. Volkmar Mair vom Südtiroler Amt für Geologie und Baustoffprüfung. Neue Messungen gibt es zum Beispiel am Sonnblick (Österreich), im Schnalstal (Italien), an der Aiguille du Midi (Frankreich) und der Zugspitze (Deutschland). So wurden beispielsweise in Deutschlands höchsten Berg knapp unterhalb des Gipfels zwei, 44 und 58 Meter lange, Löcher gebohrt. Mit Sensoren werden dort seit fast drei Jahren stündlich die Temperaturen im Fels automatisch erfasst. Zum selben Zweck wurden letztes Jahr am Alpenhauptkamm im Schnalstal auf 3200m Höhe zwei Bohrlöcher von 125 und 162 m Länge und an der Aiguille du Midi im Mont Blanc Gebiet auf 3800 m Höhe dreimal auf einer Länge von 11 Metern in den beinahe senkrechten Granit gebohrt.
Erste gesamtalpine Permafrost-Hinweiskarte
Die Daten des Permafrost-Inventars liefern nicht nur Hinweise auf die lokalen Verhältnisse, sie bilden auch die Grundlage für Computersimulationen, mit denen auf die mögliche Verbreitung von Permafrost im gesamten Alpenraum geschlossen werden kann. Bis Projektende wird eine Hinweiskarte der potentiellen Permafrostverbreitung im gesamten Alpenraum publiziert werden. „Es gibt heute viele verschiedene Permafrostmodelle für unterschiedliche Regionen und Anwendungen“, erklärt Dr. Jeannette Nötzli vom Geographischen Institut der Universität Zürich, an dem das neue Modell erarbeitet wird. „Diese sind aber nicht einfach vergleich- oder kombinierbar und auf eine so grosse Region anwendbar. Mit dem neuen Modell simulieren wir erstmals die mögliche Verbreitung des Permafrosts für den gesamten Alpenraum mit einem einheitlichen Ansatz.“ Von den beobachteten lokalen Permafrostvorkommen des Inventars wird auf das Vorhandensein von Permafrost in der gesamten Alpenregion geschlossen. Grundlage dazu ist Statistik basierend auf Topographie, Lufttemperatur und Oberflächenbeschaffenheit der bekannten Vorkommen. Auf Basis einer solchen Karte können Abschätzungen über die Wahrscheinlichkeit von Permafrost in einem Gebiet gemacht und Entscheide über die Notwendigkeit von detaillierteren Untersuchungen gefällt werden. Frühzeitige Abklärungen helfen zum Beispiel die Kosten allfälliger Anpassungsmassnahmen der Hochgebirgsinfrastruktur zu reduzieren.
Strategien im Umgang mit Naturgefahren
Die Permafrostregionen in den Alpen reagieren besonders sensibel auf den Klimawandel. Deshalb wollen die Wissenschaftler auch herausfinden, welche Folgen die Erwärmung der Atmosphäre für den Permafrost und seine Heimatregion haben kann. „Der Vergleich von Klimadaten mit den von uns beobachteten Veränderungen am Permafrost ermöglicht Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung und Beurteilung von damit möglicherweise verbundenen Gefahren“, sagt Prof. Johann Stötter vom Institut für Geografie der Universität Innsbruck. Die Forscher wollen aber nicht nur Risikoabwägungen vornehmen, sondern auch Strategien für den Umgang mit dem Wandel in den Alpen entwickeln. „Permafrostphänomene und die damit verbundenen Naturgefahren sollten in Zukunft unbedingt in Naturgefahren- und Risikomanagementplänen erfasst werden“, betont Prof. Stötter, der in Innsbruck auch das „alpS – Centre for Climate Change Adaptation Technologies“ leitet.

Die Wissenschaftler kooperieren im Rahmen des Forschungsprojekts „PermaNET – Permafrost Long-Term Monitoring Network“, an dem 14 Partner aus fünf Ländern beteiligt sind und das Teil des europäischen Alpenforschungsprojekts „Alpine Space“ ist. PermaNET läuft von 2008–2011 und wird im Rahmen des EU-Programms Interreg IV gefördert.

The PermaNet project is part of the European Territorial Cooperation and co-funded by the European Regional Development Fund (ERDF) in the scope of the Alpine Space Programme.

Rückfragehinweis:

Dr. Volkmar Mair
Amt für Geologie und Baustoffprüfung
Autonome Provinz Bozen - Südtirol
Tel.: +39 0471 361565
E-Mail: volkmar.mair@provinz.bz.it
Dr. Jeannette Nötzli
Geographisches Institut
Universität Zürich
Tel.: +41 44 6355224
E-Mail: jeannette.noetzli@geo.uzh.ch
Univ.-Prof. Dr. Johann Stötter
Institut für Geographie
Universität Innsbruck
Tel.: +43 512 507-5403
E-Mail: hans.stoetter@uibk.ac.at

Dr. Christian Flatz | idw
Weitere Informationen:
http://www.permanet-alpinespace.eu
http://www.alpine-space.eu

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen
18.08.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

nachricht Klimawandel: Bäume binden im Alter große Mengen Kohlenstoff
17.08.2017 | Universität Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie