Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Älteste Schildkröte der Welt in Deutschland entdeckt

25.06.2015

Ein neues Missing Link klärt den Ursprung der Schildkröten. Der Sensationsfund einer 240 Mio. Jahre alten Ur-Schildkröte in Baden-Württemberg (Vellberg) schließt eine weltweite Fundlücke.

Am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart haben Forscher eine international bedeutende Entdeckung gemacht. Bei Grabungen des Museums in Vellberg (Baden-Württemberg) wurden zahlreiche fossile Skelettreste geborgen. Deren wissenschaftliche Untersuchung zeigte, dass sich darunter ein weltweit einzigartiger Fund befand, der den Ursprung der Schildkröten klärt: Das Fossil einer 240. Mio. Jahre alten Ur-Schildkröte.


Pappochelys hatte bereits zahlreiche Merkmale von Schildkröten: Verbreiterte Rippen, verschmolzene Bauchrippen und ein schlankes Schulterblatt innerhalb des Rippenkorbes waren dabei die wichtigsten.

Copyright: SMNS, R. Schoch


Die meisten Funde von Pappochelys bestehen aus zerlegten Skeletten, die vermutlich von Raubtieren zerbissen oder sogar verschlungen und wieder ausgespien wurden.

Copyright: SMNS, R. Schoch

Die neue Art bildet ein perfektes Bindeglied zwischen den frühen Echsen und den Schildkröten, ein sogenanntes Missing Link. Die Paläontologen Dr. Rainer Schoch vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart und Prof. Dr. Hans-Dieter Sues vom Smithsonian Institution - National Museum of Natural History in Washington haben nun ihre Untersuchungsergebnisse hierzu in der renommierten Zeitschrift Nature veröffentlicht und die Ur-Schildkröte Pappochelys wissenschaftlich beschrieben.

Der Ursprung der Schildkröten war ein jahrhundertealtes Rätsel, das wegen fehlender Fossilfunde kontrovers diskutiert wurde. Zuletzt schienen sich genetische Daten und Fossilfunde unversöhnlich gegenüber zu stehen. Bisher galt die 220 Mio. Jahre alte Ur-Schildkröte Odontochelys aus China als ältester Nachweis der panzertragenden Reptilien.

Bei diesem Tier war der Bauchpanzer bereits vollständig verknöchert, während der Rückenpanzer nur aus verbreiterten Rippen bestand. Solche Rippen kannte man zwar auch von einem 260 Mio. Jahre alten Reptil (Eunotosaurus), doch blieb die Entstehung des Schildkröten-Bauplans im Dunkeln. Im Unterschied zu Odontochelys waren bei der Vellberger Ur-Schildkröte die Bauchrippen noch nicht zu einem Panzer verschmolzen. Die Kiefer trugen Zähne und der Schädel weist zwei große Öffnungen in der Schläfe auf.

Diese anatomische Konstruktion ermöglicht es, den Ursprung der Schildkröten in die nähere Verwandtschaft der Echsen, Krokodile und Vögel zu stellen – eine Alternative zu der Hypothese, dass Schildkröten von sehr urtümlichen Sauriern abstammen.

„Das geologische Alter der Ur-Schildkröte passt genau in die zeitliche Lücke, in der man solche Übergangsformen erwartet hatte. So ein herausragendes Fossil findet man, wenn überhaupt, nur einmal im Leben. Die neuen Funde schlagen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie klären, wie der Bauchpanzer entstand und wie der Schädel der Schildkröten ursprünglich ausgesehen hat und sind daher von großer wissenschaftlicher und evolutionsbiologischer Bedeutung“, betont Dr. Rainer Schoch.

Die Vellberger Ur-Schildkröte war ein 20 cm langes, echsenartiges Tier, das in und um einen kleinen Süßwassersee lebte. Ähnlich wie heutige Galapagosechsen scheint sich die kleine Ur-Schildkröte gern im Wasser aufgehalten zu haben. Die schwer gebauten Rippen und Bauchrippen ermöglichten es ihr, tiefer zu tauchen und vielleicht länger im Wasser zu bleiben als gewöhnliche Echsen.

Das deutet darauf hin, dass der Schildkrötenpanzer ursprünglich im Wasser entstanden sein könnte, wie die chinesischen Funde von Odontochelys bereits vermuten ließen. Die fossile Ur-Schildkröte Pappochelys befindet sich nun in der wissenschaftlichen Sammlung des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart.

Weitere Informationen:

http://www.naturkundemuseum-bw.de/service/presse/forschung

Meike Rech | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Berichte zu: Bindeglied Echsen Fossil Grabungen Naturkunde Reptilien Rippen Schildkröte Schädel Vögel genetische Daten

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Von der Bottnischen See bis ins Kattegat – Der Klimageschichte der Ostsee auf der Spur
28.03.2017 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Einfluss der Sonne auf den Klimawandel erstmals beziffert
27.03.2017 | Schweizerischer Nationalfonds SNF

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Warum der Brennstoffzelle die Luft wegbleibt

28.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chlamydien: Wie Bakterien das Ruder übernehmen

28.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Sterngeburt in den Winden supermassereicher Schwarzer Löcher

28.03.2017 | Physik Astronomie