Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Älteste Elfenbeinwerkstatt der Welt in Sachsen-Anhalt entdeckt

25.09.2012
Ausgrabungen an der als Mammutjagdstation bekannten Fundstelle Breitenbach bei Zeitz decken 35.000 Jahre alte Elfenbeinwerkstätte auf

Seit 2009 graben im Rahmen eines internationalen Kooperationsprojektes mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt Archäologen des Forschungszentrums und Museums für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS, einer Einrichtung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums (RGZM), auf dem mindestens 35.000 Jahre alten Fundplatz Breitenbach in der Nähe von Zeitz in Sachsen-Anhalt.


Detail der Elfenbeinwerkstatt. Im hinteren Bildteil ist die größte Anhäufung von Elfenbeinlamellen zu erkennen, in der Bildmitte zwei deutlich begrenzte Anhäufungen von Elfenbeinsplittern, die zwischen 0,1 und ca. 12 mm Länge variieren.

Foto: MONREPOS / Olaf Jöris

Weitere Kooperationspartner sind die Faculty of Archaeology der University of Leiden (NL), das Ludwig Boltzmann Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie (ArchPro) in Wien, das Institut für Geoinformatik i3mainz der Fachhochschule Mainz sowie die geowissenschaftlichen Institute der Universitäten Mainz, Tübingen und Köln. In der diesjährigen Grabungskampagne gelang dem Team um die Grabungsleiter Dr. Olaf Jöris und Tim Matthies der bislang älteste Nachweis räumlich klar voneinander abgegrenzter Arbeitsbereiche, die auf eine regelrechte Werkstatt zur Verarbeitung von Mammutelfenbein schließen lassen.

So konnte einerseits ein Bereich identifiziert werden, in dem Elfenbeinstücke in Lamellen aufgespalten wurden, sowie ein zweiter Bereich, in dem die Schnitzarbeiten ausgeführt und der Abfall abgelegt wurde. Auch einige der Endprodukte in Form filigraner Elfenbeinperlen und die Rohformen nicht fertig gestellter Stücke blieben hier zurück. Zudem fanden sich hier einige weitere Elfenbeinobjekte, darunter ein verziertes Stäbchen und zwei Fragmente eines plastisch gestalteten Objektes, wohl eines Kunstgegenstandes. Die Hersteller waren frühe anatomisch moderne Menschen, also Jetztmenschen, die auf Mammutelfenbein zurückgreifen konnten, das vermutlich schon lange an diesem Ort lag, sei es, weil hier Mammute auf natürliche Weise verendet waren oder weil sie geschulten Jägern zum Opfer fielen. In letzterem Fall käme neben dem frühen anatomisch modernen Menschen auch der Neandertaler als Täter in Betracht, der wenige Jahrtausende vor der Nutzung der Fundstelle durch den Jetztmenschen bereits ausgestorben war.

Die eindeutige räumliche Aufteilung des Fundmaterials nach verschiedenen Arbeitsbereichen lässt Rückschlüsse auf Raumnutzungskonzepte schon in dieser Zeit vor 35.000 Jahren zu, wie sie der Neandertaler wohl noch nicht kannte.

Die Siedlung bei Breitenbach ist mit einer Ausdehnung von mindestens 6.000 m² bis vielleicht sogar 20.000 m² die mit Abstand größte bislang bekannte Fundstelle der Jüngeren Altsteinzeit (Jungpaläolithikum). Nach ersten Grabungen bereits in den 1920er Jahren wurden von Archäologen in den letztjährigen Kampagnen bislang 70 m² freigelegt. Sie wurden dabei unterstützt von zahlreichen Studenten aus 25 Ländern. Allein in der diesjährigen Grabungskampagne kamen bisher etwa 3.000 Fundstücke zu Tage.

Funde vergleichbaren Alters sind meist in Höhlen überliefert, in denen der Mensch den ihn umgebenden Raum aber nur gemäß der natürlich vorgegebenen Felsformationen nutzen konnte. Dies brachte Einschränkungen und Kompromisse mit sich. Auch sind die Spuren der Besiedlung von Höhlen oftmals durch wiederholte Aufenthalte an der immer selben Stelle überprägt oder gar verwischt. Im Freiland wie in Breitenbach hingegen hat der Mensch die Möglichkeit, seinen Raum weitestgehend frei von Vorgaben oder Zwängen zu organisieren und Strukturen anzulegen, die es heute noch erlauben, das Alltagsgeschehen dieser Zeit in höchster Auflösung zu rekonstruieren.

Die Geländearbeiten in Breitenbach geben somit neue Einblicke in das räumliche Verhalten steinzeitlicher Menschen am Anfang der Jüngeren Altsteinzeit (Jungpaläolithikum) und speziell in die räumliche Organisation des Siedlungsplatzes und damit des Alltagsgeschehens im sog. Aurignacien vor rund 40.000 - 34.000 Jahren. Dieses Anliegen ist nicht zuletzt für das Verständnis der Wurzeln unseres modern-menschlichen Verhaltens von großer Bedeutung, sind die Indizien für ein „Sich-Einrichten“ in einer wohl-definierten, festgelegten Weise, wie wir es auch heute gewohnt sind, mit den neuen Befunden weltweit erstmals an der Fundstelle Breitenbach belegt.

Angesichts der beispiellos großen räumlichen Ausdehnung des Siedlungsareals bietet der Fundplatz Breitenbach die einmalige Chance einer detaillierten Untersuchung einer Freilandfundstelle aus der Zeit des Aurignacien: So sollen am Beispiel der Fundstelle neue Einblicke in die Komplexität und räumliche Organisation eines früh-jungpaläolithischen Siedlungsplatzes gewonnen werden, an dem auch mit Nachweisen von Schmuck, Kunst, Musik oder gar Bestattungen, die aus dieser Zeit bislang kaum bekannt sind, gerechnet
werden darf.

Kontakte:
Dr. Alfred Reichenberger
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie
Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte
Richard-Wagner-Str. 9 | 06114 Halle (Saale)
Tel. 0345 • 52 47 -312 | Fax 0345 • 52 47 -351
areichenberger@lda.mk.sachsen-anhalt.de
www.lda-lsa.de

Dr. Olaf Jöris und Tim Matthies M. A.
MONREPOS Archaeological Research Centre and
Museum for Human Behavioural Evolution
MONREPOS Archäologisches Forschungszentrum
und Museum für menschliche Verhaltensevolution
MONREPOS ist eine Abteilung des Römisch-
Germanischen Zentralmuseums,
Forschungsinstitut für Archäologie
Schloss Monrepos
D - 56567 Neuwied
joeris@rgzm.de und matthies@rgzm.de
0175 • 57 77 73 84

Christina Nitzsche | idw
Weitere Informationen:
http://www.lda-lsa.de
http://www.rgzm.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen
18.08.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

nachricht Klimawandel: Bäume binden im Alter große Mengen Kohlenstoff
17.08.2017 | Universität Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Körperenergie als Stromquelle

22.08.2017 | Energie und Elektrotechnik

Ein Quantenlineal für Biomoleküle

22.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Prostatakrebs: Bluttest sagt Tumorresistenz vorher

22.08.2017 | Biowissenschaften Chemie