Anzeige
Wild und sein Team verbrachten in den letzten vier Jahren insgesamt mehrere Monate am und im nördlichen Roten Meer, um die bislang kaum untersuchten biogeochemischen Prozesse in den dortigen Korallenriffen zu erforschen. Vorherrschend sind hier Saumriffe, die sich in direkter Küstennähe und oft über viele Kilometer Länge entlang der Küste des Festlandes erstrecken. Saumriffe sind der weltweit häufigste Rifftyp und kommen nicht nur im Roten Meer vor, sondern auch im Indischen Ozean, in Südostasien und in der Karibik. "Unsere Ergebnisse lassen sich also auch auf viele andere Riffe übertragen", betont Wild. Besonders lohnend wurde der Einsatz durch sogenannte in-situ-Logger. Das sind wasserdichte Sensoren, die mit einem Chip ausgestattet sind und in kurzen Zeitabständen bestimmte Parameter im Meerwasser messen - und diese Information auch speichern. Die Logger werden nach ihrem Einsatz an Land ausgelesen und liefern dabei hochaufgelöste Daten direkt aus dem Feld.
So zeigten die Messungen mit diesen Geräten, dass die Bedeckung des Meeresbodens durch verschiedene marine Organismen - die benthische Gemeinschaft - die Verfügbarkeit von Sauerstoff in Korallenriffen unterschiedlich beeinflusst. Je mehr Algen in Korallenriffen vorkommen, desto geringer sind offenbar die mittleren Sauerstoffkonzentrationen im Wasser direkt über dem Riff. Das liegt wohl daran, dass die Riffalgen eine große Menge von Zucker und andere gelöste organische Substanzen abgeben. Diese organischen Nährstoffe werden sehr schnell von Mikroorganismen abgebaut, was zu einer Verringerung der Sauerstoffkonzentration führt. "Unsere Vermutung, dass dies negative Auswirkungen auf Korallen und andere Sauerstoff-empfindlichen Rifforganismen haben könnte, hat sich dann tatsächlich in einer Nachfolgestudie bestätigt", berichtet Wild. "Wir konnten zeigen, dass Korallen vor allem im direkten Kontakt mit Riffalgen geschädigt werden."
Doch auch die Korallen selbst produzieren organisches Material: So zeigte sich, dass alle dominanten Steinkorallen vor allem Schleime in ihr Umgebungswasser abgeben, die dann bis zu 80 Minuten mit der Oberfläche der Korallen verbunden bleiben. "Aus unseren Vergleichsstudien vom australischen Great Barriere Riff wissen wir, dass das sehr lange ist", sagt Wild. Die klebrigen Schleime sammeln - ähnlich einer Fliegenfalle - kleine Partikel wie Algenfragmente, Zooplankton und kleine Sandkörnchen aus der Wassersäule ein und werden dadurch sehr schwer. Lösen sich die angereicherten Schleimfäden schließlich, sinken sie in kürzester Entfernung - weniger als fünf Meter - ab und werden schnell von Mikroorgnismen in der Wassersäule und den Riffsanden abgebaut. "Auf diesem Weg werden regenerierte Nährstoffe wie Stickstoff, Phosphor und Eisen freigesetzt, die dann sehr schnell wieder von Photosynthese betreibenden Organismen, den sogenannten Primärproduzenten, aufgenommen werden. So werden diese Mangelelemente im extrem nährstoffarmen Ökosystem Korallenriff gehalten", sagt Wild. "Mit dieser Studie haben wir einen bisher unbekannten kurzgeschlossenen Stoffkreislauf beschrieben, der über die Abgabe von Schleimen durch Korallen im Roten Meer funktioniert."
Die Mangrovenqualle Cassiopea schließlich ist der Schlüssel zu einer weiteren neuen Verknüpfung zwischen den Nahrungsketten im Riff, die die Forscher nachweisen konnten. Diese auch in Korallenriffen oft beobachtete Quallenart liegt mit dem Schirm nach unten und nach oben gestreckten Tentakeln auf dem Meeresboden. Die von Cassiopea abgegebenen Zucker und Schleime werden dann von Mikroorganismen, aber auch von kleinen Schwebegarnelen aufgenommen, wie das Team um Wild mit Hilfe von Markierungsexperimenten mit stabilen Isotopen zeigen konnte. Diese Studie offenbarte einen bisher nicht beschriebenen Fluss von Energie vom Meeresboden in die Wassersäule in Korallenriffökosystemen und betont einmal mehr die Komplexität der Wechselbeziehungen in solchen Lebensräumen.
"Nun wollen wir im Roten Meer auch die chemische Zusammensetzung und Dynamik der Abgabe von organischem Material durch Riffalgen verstehen", sagt Wild. "Uns geht es vor allem um den Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit an anorganischen Nährstoffen wie Nitrat und Phosphat sowie der Abgabe von Zuckern durch die Algen und einer anschließenden Stimulation der mikrobiellen Aktivität. Denn wir beobachten im Moment, dass aus Massentourismus und Marikultur immer mehr Düngemittel in die küstennahen Korallenriffe eingetragen werden und dort nicht nur das Wachstum, sondern auch den Stoffwechsel der Riffalgen begünstigen, so dass es aus mehreren Gründen zu einem sogenannten Regimewechsel kommen kann. Das ist der Übergang von korallendominierten zu algendominierten Riffen, der inzwischen von vielen anderen Korallenriffen gemeldet wird." (suwe)
Publikationen:
"Benthic community composition affects O2 availability and variability in a Northern Red Sea fringing reef", Niggl W, Haas AF, Wild C,
Cover article in Hydrobiologia (in press)
"Coral mucus release and following particle trapping contribute to rapid nutrient recycling in a Northern Red Sea fringing reef", Mayer FW, Wild C,
Marine & Freshwater Research (in press)
"Organic matter release by the dominant hermatypic corals of the Northern Red Sea",
Naumann MS, Haas AF, Struck U, Mayr C, el-Zibdah M, Wild C,
Coral Reefs (in press)
Seasonal in-situ monitoring of coral-algae interaction stability in fringing reefs of the Northern Red Sea", Haas AF, el-Zibdah M, Wild C,
Coral Reefs, März 2010,
DOI: 10.1007/s00338-009-0556-y
"Abundance and habitat specificity of up-side down jellyfish Cassiopea sp. within fringing coral reef environments of the Northern Red Sea", Niggl W, Wild C,
Helgoland Marine Research (in press)
"Organic matter release by the benthic upside-down jellyfish Cassiopea sp. fuels pelagic food webs in coral reefs", Niggl W, Naumann MS, Struck U, Manasrah M, Wild C,
Journal of Experimental Marine Biology and Ecology, März 2010
DOI: 10.1016/j.jembe.2010.01.011
Ansprechpartner:
Dr. Christian Wild
Fakultät für Geowissenschaften der LMU
Tel.: 089 / 2180 - 6706
Fax: 089 / 2180 - 6601
E-Mail: c.wild@lrz.uni-muenchen.de
Luise Dirscherl | Quelle: Ludwig-Maximilians-Universität M
Weitere Informationen: www.palmuc.de/core
Weitere Berichte zu: Algen > Geowissenschaft > Korallenriff > Mangrovenqualle > Marine science > Meeresboden > Mikroorganismus > Phosphor > Quallen > Riff > Riffalgen > Rifforganismen > Saumriff > Stickstoff > Tentakeln
NASA's TRMM satellite sees heavy rainfall in Tropical Storm Bud
24.05.2012 | NASA/Goddard Space Flight Center
NASA sees Tropical Storm Sanvu continue to intensify
24.05.2012 | NASA/Goddard Space Flight Center
Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer und bestimmte Krebsformen gehen auf eine fehlerhafte Faltung und Aggregation von Eiweißen im Körper zurück.
Wissenschaftlern des Instituts für Photonische Technologien (IPHT) in Jena ist es erstmals gelungen, Proteinstrukturen auf sub-molekularer Ebene nachzuweisen und spektroskopisch zu analysieren. Ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Krankheitsursachen.
„Bis heute hat man nicht genau verstanden, was die fehlerhafte Faltung und Aggregation von Eiweißen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Alzheimer, ...
Die Quantenphysik beschreibt physikalische Vorgänge in Festkörpern und anderen Vielteilchensystemen auch mit Hilfe von Quasiteilchen.
Innsbrucker Physikern um Rudolf Grimm ist es nun erstmals gelungen, ein neues Quasiteilchen - ein repulsives Polaron - in einem Quantengas experimentell zu erzeugen. Die Forscher berichten darüber in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Nature.
Ultrakalte Quantengase sind ein ideales Experimentierfeld, um physikalische Phänomene in Festkörpern zu simulieren. Unter streng kontrollierten Bedingungen ...
Licht lässt die Partikel in der Atmosphäre wachsen. In einem Experiment hat ein internationales Forscherteam erstmals einen neuen Mechanismus nachweisen können, bei dem Partikel durch Licht größer werden und der damit Einfluss auf die Wolkenbildung und das Klima hat.
Photokatalytische Reaktionen können zu einer schnellen Bindung von nicht kondensierenden flüchtigen organischen Kohlenwasserstoffen (VOCs) auf der Oberfläche der Partikel führen. Unter solchen Bedingungen nehme die Größe und Masse der Partikel schnell zu, schreiben die Wissenschaftler im renommierten Fachblatt PNAS.
Die Ergebnisse des Laborexperimentes könnten Effekte erklären, die bisher schon bei Feldkampagnen ...
Ähnlich wie blutsaugende Insekten prüfen Pflanzenschädlinge ihren Wirt auf Abwehrsignale, bevor sie anfangen zu fressen
Pflanzen bilden wenige Minuten nach Angriff eines Fraßfeindes Jasmonsäure, ein Hormon, das die Verteidigung gegen Insekten in Gange setzt mit der Folge, dass giftige Stoffe wie Nikotin oder Verdauungshemmer in den Blättern akkumulieren.
Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie, Jena, haben jetzt herausgefunden, dass Zwergzikaden die Verteidigungsbereitschaft von Tabakpflanzen aufspüren können. ...
Wissenschaftlern vom Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Bonn ist es erstmals gelungen, den Transport eines wichtigen Informationsträgers in biologischen Zellen praktisch unmodifiziert in Echtzeit zu filmen.
Die Studie zeigt, wie die so genannte Boten-RNA die Zellkernhülle überwindet und vom Zellkern in das Zytoplasma gelangt. Diese Arbeit ist nun in dem renommierten Journal „Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA“ (PNAS) publiziert.
Der Bauplan aller Lebewesen ist in ihrem Erbgut gespeichert. Dieses lagert bei höheren ...
Anzeige
Anzeige

Energieversorger vor dem Umbruch
24.05.2012 | Studien Analysen
Stem-cell-growing surface enables bone repair
24.05.2012 | Biowissenschaften Chemie
Im wahrsten Sinne „Spitzenforschung“: IPHT-Forscher untersuchen Eiweißfasern mit größter Genauigkeit
24.05.2012 | Biowissenschaften Chemie
NieKE Themenforum: Ökonomie - Tierschutz - Lebensmittelsicherheit
24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten
Nachhaltigkeit in der Schifffahrt: Werte vs. Wertschöpfung
24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten
Wissenschaft und Öffentlichkeit
24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten