Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Weltweit bedeutendster Preis für Rheumatologie geht an Prof. Dr. Andreas Radbruch

20.06.2011
Für die Erforschung des immunologischen Gedächtnisses für entzündlich-rheumatische Erkrankungen erhielt Prof. Dr. rer. nat. Andreas Radbruch, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin(DRFZ), den diesjährigen Carol-Nachman-Preis.

Er teilt sich den Preis mit Prof. Dr. Desirée van der Heijde von der Universität Leiden. Gewürdigt wurden die Forschungsarbeiten von Andreas Radbruch, die zu einem grundsätzlich neuen Verständnis des immunologischen Gedächtnisses geführt und den Weg für neue Therapieansätze geebnet haben.

Andreas Radbruch studierte an den Universitäten Bonn und Köln Biologie. Er spezialisierte sich dann am Institut für Genetik der Universität zu Köln auf die Erforschung des Immunsystems, promovierte 1980 bei Klaus Rajewsky, wurde Leiter einer Forschungsgruppe und später Professor für Genetik und Immunologie in Köln. 1996 wurde er als Wissenschaftlicher Direktor des DRFZ nach Berlin berufen, 1998 wurde er auch Professor für Rheumatologie an der Charité. Sein wissenschaftliches Interesse gilt der Erforschung des Immunsystems, doch hat er mit seiner Arbeitsgruppe auch bahnbrechende neue Methoden entwickelt, so die magnetische Zellsortierung (MACS).

Es gibt über 200 verschiedene rheumatische Krankheiten. In Europa leiden ungefähr 5% der Bevölkerung an Rheuma. Bei den entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, wie z. B. der Rheumatoiden Arthritis, dem Systemischen Lupus Erythematosus oder der Systemischen Sklerodermie greift das Immunsystem den eigenen Körper an und verursacht so eine Entzündung. Merkwürdigerweise kann man jedoch diese Krankheiten nicht heilen, indem man die Immunreaktion des Patienten unterdrückt. Ausgangspunkt der Arbeiten von Andreas Radbruch war die Beobachtung, dass man bei ausgewählten Patienten mit einer rheumatischen Entzündung die Krankheit zum Verschwinden bringen kann, indem man das Immunsystem des Patienten zerstört und aus Stammzellen wieder neu aufbaut. Andreas Radbruch zog daraus den Schluss, dass es ein Immunologisches Gedächtnis gibt, das die chronische Entzündung antreibt, denn das immunologische Gedächtnis macht den Unterschied zwischen zerstörtem und neu aufgebautem Immunsystem aus. Dieses Gedächtnis spricht offenbar auf herkömmliche Behandlungsmethoden nicht an.

Für die meisten Patienten mit Rheuma ist die Zerstörung ihres Immunsystems zu gefährlich, denn sie wären dann schutzlos Infektionen ausgeliefert. Die Frage ist, wie man nur das krankmachende immunologische Gedächtnis zerstören kann, dabei das schützende immunologische Gedächtnis erhalten kann. Andreas Radbruch begann also, das immunologische Gedächtnis grundsätzlich zu erforschen. Zunächst konnte er zeigen, dass die Plasmazellen, die Antikörper machen, sich zu Gedächtniszellen entwickeln können, wenn sie ins Knochenmark einwandern und dort an bestimmte Stromazellen andocken, die sie dann am Leben erhalten. Wenn diese Plasmazellen Antikörper machen, die Rheuma verursachen, hat der Patient ein Problem, denn die Gedächtnis-Plasmazellen sprechen auf herkömmliche Therapien nicht an. Inzwischen haben andere Forschungsgruppen erste Wege gefunden, die Gedächtnisplasmazellen zu eliminieren und so rheumatische Entzündungen zu behandeln.

Gedächtnis-Plasmazellen entstehen unter der Kontrolle von T-Helfer Lymphozyten. Eigentlich sind also die T Helfer-Lymphozyten für das immunologische Gedächtnis verantwortlich. Andreas Radbruch konnte zeigen, dass sich auch T Helfer Lymphozyten selbst zu Gedächtniszellen entwickeln können, wenn sie nach der Immunreaktion gegen einen Krankheitserreger ins Knochenmark einwandern. Dort legen sie sich neben besondere Stromazellen, überleben und warten, ob der Krankheitserreger das Immunsystem noch einmal provoziert. Bei einer chronischen rheumatischen Entzündung wandern die T Helfer Lymphozyten nicht ins Knochenmark, sondern ins entzündete Gewebe. Sie passen sich an die Entzündung an. Andreas Radbruch´s Arbeitsgruppe hat diese Anpassung auf molekularer Ebene untersucht und Proteine und kleine Ribonukleinsäuren (MikroRNAs) gefunden, die die Vermehrung, das Überleben und die Funktion dieser T Helfer Lymphozyten kontrollieren. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, diese krankmachenden Zellen gezielt zu beeinflussen, ohne dabei die schützenden Gedächtnis-Lymphozyten zu schädigen.

Zusammengenommen eröffnen diese Entdeckungen einen vollkommen neuen Ansatz für die Therapie chronisch-entzündlichen Rheumas, nämlich die selektive Löschung des pathogenen immunologischen Gedächtnisses für die rheumatische Entzündung. So könnte auch eine Heilung dieser bisher meist unheilbaren Krankheiten möglich werden.

Die Preisverleihung fand am 17. Juni im Rahmen des Carol-Nachman-Symposiums 2011 in Wiesbaden statt. Diese hohe medizinische Auszeichnung wird für hervorragende innovative Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Rheumatologie verliehen und alljährlich von der Stadt Wiesbaden vergeben. Der international ausgeschriebene Preis ist mit 37.500 € dotiert und geht auf den ehemaligen Konzessionär der Wiesbadener Spielbank, Carol Nachman, zurück.

Kontakt: Jacqueline Hirscher
Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin
Charitéplatz 1
10117 Berlin

Jacqueline Hirscher | idw
Weitere Informationen:
http://www.drfz.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht »Die Oberfläche 2018« – Fünf Nominierungen gehen in die Endrunde
18.05.2018 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

nachricht DFG fördert Entwicklung innovativer Forschungssoftware an der Universität Bremen
17.05.2018 | Universität Bremen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

Passt eine ultrakalte Wolke aus zehntausenden Rubidium-Atomen in ein einzelnes Riesenatom? Forscherinnen und Forschern am 5. Physikalischen Institut der Universität Stuttgart ist dies erstmals gelungen. Sie zeigten einen ganz neuen Ansatz, die Wechselwirkung von geladenen Kernen mit neutralen Atomen bei weitaus niedrigeren Temperaturen zu untersuchen, als es bisher möglich war. Dies könnte einen wichtigen Schritt darstellen, um in Zukunft quantenmechanische Effekte in der Atom-Ion Wechselwirkung zu studieren. Das renommierte Fachjournal Physical Review Letters und das populärwissenschaftliche Begleitjournal Physics berichteten darüber.*)

In dem Experiment regten die Forscherinnen und Forscher ein Elektron eines einzelnen Atoms in einem Bose-Einstein-Kondensat mit Laserstrahlen in einen riesigen...

Im Focus: Algorithmen für die Leberchirurgie – weltweit sicherer operieren

Die Leber durchlaufen vier komplex verwobene Gefäßsysteme. Die chirurgische Entfernung von Tumoren ist daher oft eine schwierige Aufgabe. Das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS hat Algorithmen entwickelt, die die Bilddaten von Patienten analysieren und chirurgische Risiken berechnen. Leberkrebsoperationen werden damit besser planbar und sicherer.

Jährlich erkranken weltweit 750.000 Menschen neu an Leberkrebs, viele weitere entwickeln Lebermetastasen aufgrund anderer Krebserkrankungen. Ein chirurgischer...

Im Focus: Positronen leuchten besser

Leuchtstoffe werden schon lange benutzt, im Alltag zum Beispiel im Bildschirm von Fernsehgeräten oder in PC-Monitoren, in der Wissenschaft zum Untersuchen von Plasmen, Teilchen- oder Antiteilchenstrahlen. Gleich ob Teilchen oder Antiteilchen – treffen sie auf einen Leuchtstoff auf, regen sie ihn zum Lumineszieren an. Unbekannt war jedoch bisher, dass die Lichtausbeute mit Elektronen wesentlich niedriger ist als mit Positronen, ihren Antiteilchen. Dies hat Dr. Eve Stenson im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching und Greifswald jetzt beim Vorbereiten von Experimenten mit Materie-Antimaterie-Plasmen entdeckt.

„Wäre Antimaterie nicht so schwierig herzustellen, könnte man auf eine Ära hochleuchtender Niederspannungs-Displays hoffen, in der die Leuchtschirme nicht von...

Im Focus: Erklärung für rätselhafte Quantenoszillationen gefunden

Sogenannte Quanten-Vielteilchen-„Scars“ lassen Quantensysteme länger außerhalb des Gleichgewichtszustandes verweilen. Studie wurde in Nature Physics veröffentlicht

Forschern der Harvard Universität und des MIT war es vor kurzem gelungen, eine Rekordzahl von 53 Atomen einzufangen und ihren Quantenzustand einzeln zu...

Im Focus: Explanation for puzzling quantum oscillations has been found

So-called quantum many-body scars allow quantum systems to stay out of equilibrium much longer, explaining experiment | Study published in Nature Physics

Recently, researchers from Harvard and MIT succeeded in trapping a record 53 atoms and individually controlling their quantum state, realizing what is called a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

Visual-Computing an Bord der MS Wissenschaft

17.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

18.05.2018 | Physik Astronomie

Countdown für Kilogramm, Kelvin und Co.

18.05.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics