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„Starting Grants“ für zwei Wissenschaftler der Universität Tübingen

04.09.2012
Europäischer Forschungsrat fördert vielversprechende Projekte: Hendrikje Nienborg erhält 1,9 Millionen Euro und Johannes Krause erhält 1,5 Millionen Euro Förderung vom Europäischen Forschungsrat.
Zwei Wissenschaftler der Universität Tübingen haben sich erfolgreich um die hochdotierten “Starting Grants” des Europäischen Forschungsrats beworben: Prof. Dr. Johannes Krause vom Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie und Dr. Hendrikje Nienborg vom Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) werden in ihrer Forschung für fünf Jahre mit 1,9 (Nienborg) und 1,5 (Krause) Millionen Euro unterstützt.

Der „Starting Grant“ ist eine Förderlinie des Europäischen Forschungsrats für exzellente Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchs-wissenschaftler und wird seit 2008 vergeben. Das hoch kompetitive Programm ist themenoffen und hat seinen Schwerpunkt in der Grundlagen- und Pionierforschung. Einmal jährlich werden nach einer europaweiten Ausschreibung die besten Projektideen zur Förderung ausgewählt. Hier erfolgreich zu sein, bedeutet eine Auszeichnung für Wissenschaftler und ihre Forschung.

Prof. Johannes Krause erhält den „Starting Grant“ für das Projekt „Ancient Pathogen Genomics of Re-emerging Infectious Disease”. Im Zentrum des Projektes steht die Erforschung der Evolution von Infektionskrankheiten aus dem Kontext historischer Pandemien, z.B. der Beulen-Pest im Mittelalter. Es ist bisher wenig darüber bekannt, wann im Laufe der Geschichte zahlreiche Pathogene von Tieren auf den Menschen übergesprungen sind und wie sie sich an ihren neuen Wirt angepasst haben. Das Team um Johannes Krause möchte mit Hilfe der Entschlüsselung der kompletten Erbinformation von Krankheitserregern aus historischen und prähistorischen menschlichen Skeletten die Evolution der menschlichen Pathogene untersuchen. Zudem stehen die häufig unbekannten Krankheitserreger großer Epidemien wie der Pest von Athen im 4. Jhdt. v.Chr. oder der Antoninischen Pest im 2. Jhdt. Im Fokus des Projektes.

Bereits im letzten Jahr war es Prof. Krause und seiner Arbeitsgruppe gelungen das Genom der mittelalterlichen Pest zu entschlüsseln. Dabei stellten die Forscher fest, dass sich alle heutigen Peststämme aus der mittelalterlichen Form entwickelt haben. Außerdem fanden sie kaum genetische Unterschiede zu den heute noch auftretenden Pestbakterien. Damit war die Hypothese wiederlegt, dass es sich bei den mittelalterlichen Pestbakterien um einen besonders aggressiven, aber heute ausgestorbenen Bakterienstamm handelte.

Krause wird für sein neues Projekt ein internationales Team zusammenstellen um hunderte Skelettproben aus ganz Europa aus den letzten 10.000 Jahren genetisch auf deren Krankheitserreger zu untersuchen. Mit diesem Ansatz wird es möglich sein, den Pathogenen, die im Normallfall keine Fossilien hinterlassen, molekulare Fossilien zuzuordnen und deren Evolution nachzuvollziehen. Die gewonnen Erkenntnisse können außerdem genutzt werden, um die zukünftige Entwicklung der Krankheitserreger, vor allem in Hinblick auf die zunehmende Antibiotikaresistenz zahlreicher Keime, besser einschätzen zu können.

Johannes Krause gehört zu den weltweit führenden Spezialisten auf dem Gebiet der Paläogenetik. Seine Forschung konzentriert sich auf die Evolution des Menschen und seinen Krankheitserregern. Bevor er an die Universität Tübingen berufen wurde, arbeitete er am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, wo er maßgeblich an der Entschlüsselung des Neandertalergenoms beteiligt war und als erster eine neue Urmenschenform, den Denisova- Menschen, mit Hilfe genetischer Analysen beschrieb. Krause leitet seit 2010 die Arbeitsgruppe Paläogenetik am Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie an der Universität Tübingen.

Dr. Hendrikje Nienborg erhält den „Starting Grant“ für ihre Forschung zu neuronalen Grundlagen visueller Wahrnehmung. Unsere visuelle Wahrnehmung wird durch den Kontext wie beispielsweise vorangehende Erfahrungen, Erinnerungen, vorangehende oder begleitende visuelle Reize beeinflusst. Wie diese Wahrnehmungsphänomene zustande kommen, ist seit langem umstritten. Eine Hypothese ist, dass sogenannte „top-down“ Signale, die über „feed back“ Verbindungen zwischen Hirnarealen vermittelt werden, dafür verantwortlich sind. Solche Verbindungen überwiegen im Gehirn, aber ihre Rolle ist bislang weitgehend unverstanden.

Die Arbeitsgruppe von Hendrikje Nienborg wird in dem Projekt „Optogenetic examination of the role of feedback on visual processing and perception“ die Rolle von top-down Einflüssen auf die Signalverarbeitung visueller Information bei Entscheidungsprozessen an wachen Säugetieren untersuchen. Es wird erwartet, dass grundlegende Erkenntnisse gewonnen werden, die auf Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozesse des Menschen übertragbar sind.

Nienborg hat an der Universität Oxford einen Master in Neurowissenschaften erworben, für ihre Promotion am National Eye Institute, National Institutes of Health (NIH), Bethesda, USA geforscht und ihre Forschung dann zunächst weiterhin am NIH, später am Salk Institute for Biological Studies in San Diego fortgesetzt. Seit Juli 2012 leitet sie ihre eigene Arbeitsgruppe „Neurophysiology of visual and decision processes“ am Exzellenzcluster Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) der Universität Tübingen.

Kontakt:
Prof. Dr. Johannes Krause
Universität Tübingen
Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie
Rümelinstrasse 23
72070 Tübingen
Tel.: +49 7071 29-74089
johannes.krause@uni-tuebingen.de

Dr. Hendrikje Nienborg
Universität Tübingen
Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften
Otfried Müller Str. 25
Tel. +49 7071 29-88846
hendrikje.nienborg@cin.uni-tuebingen.de

Michael Seifert | idw
Weitere Informationen:
http://ww.uni-tuebingen.de

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