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Stärkung der fachdidaktischen Forschung: Land fördert vier Forschungsprojekte

27.07.2012
Wichtige Impulse für die Lehrerbildung: Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) fördert im Programm „Forschen, Lehren und Lernen in Fachdidaktik und Bildungswissenschaft“ gleich vier Forschungsprojekte der Stiftung Universität Hildesheim mit ca. 140.000 Euro:
„GELINGENSBEDINGUNGEN VON INKLUSION IM GRUNDSCHULUNTERRICHT: ERWARTUNGEN UND ÜBERZEUGUNGEN VON LEHRERINNEN UND LEHRERN“

Mit der UN-Behindertenrechtskonvention ist die Vorgabe politisch bindend, die soziale Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen so weit wie möglich „inklusiv“ zu gestalten. Die Konsequenzen für Bildungseinrichtungen sind weitreichend.

Welche Bedingungen auf Seiten der Lehrkräfte tragen zum Gelingen von Inklusion in Grundschulen bei? Welche Erwartungen und Überzeugungen bestimmen ihr Handeln bei der Einführung und Umsetzung? Dieser Forschungsfrage gehen Prof. Dr. Werner Greve (Institut für Psychologie) und Prof. Dr. Katrin Hauenschild (Institut für Grundschuldidaktik und Sachunterricht) an der Universität Hildesheim nach. In einer geplanten Längsschnittstudie sollen von 2013 bis 2018 Lehramtsstudierende und Lehrkräfte untersucht werden. Das MWK fördert ab Juni 2012 eine Pilotstudie mit Probeerhebungen, die die Hauptstudie vorbereitet.
„Die Diversität der Schülerinnen und Schüler wird sich in der Grundschule spürbar erhöhen“, so die Wissenschaftler. „In Zeiten des Umbruchs ist diese Studie besonders wichtig, letztmalig können wir unterschiedliche Kontexte – Schulklassen und Lehrkräfte mit und ohne Inklusionserfahrung – erforschen.“ Die Studie soll insbesondere die Handlungs- und Bewältigungskompetenzen von Lehrkräften im Primarbereich sowie Erwartungen, Überzeugungen und Bewertungen bei Eltern und Kindern untersuchen. Individuelle Bewertungen, politische und moralische Überzeugungen werden als Handlungsvoraussetzungen in der Ausbildung oft wenig beachtet, obwohl sie möglicherweise eine entscheidende Bedingung für gelingende Inklusion darstellen. Vergleichbare Studien existieren bisher nicht.

FORSCHENDES LERNEN IM STUDIUM: DAS MEHRSPRACHIGE LEXIKON BEI SCHÜLERN:
Auffälligkeiten im Wortschatz von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund werden häufig beschrieben (z.B. DESI 2008). „In der Schulpraxis führen Wortschatzauffälligkeiten u.a. dazu, dass Arbeitsanweisungen nicht vollständig verstanden werden und Texte nur unzureichend verfasst werden können“, erklärt Prof. Dr. Elke Montanari. „Es fehlen Erkenntnisse, welche Wortschatzbereiche besonders schwierig zu erwerben sind. Unbekannt ist, ob der Fach- oder der alltägliche Bildungswortschatz problematisch ist.“ Eine gezielte Förderung in der Schule ist somit nicht möglich.
Im Rahmenforschungsprojekt „Das mehrsprachige Lexikon: Substantive“ untersucht die Professorin für Deutsch als Zweitsprache der Universität Hildesheim von 2012 bis 2018, wie Schüler einen mehrsprachigen Wortschatz aufbauen. Daten werden u.a. institutionsbezogen in der Schule, fachbezogen im Sprach- und Mathematikunterricht sowie im Handlungsbereich Alltag und Familie erhoben (Deutsch, Italienisch, Türkisch und Englisch). Die mündliche wie schriftliche Kommunikation, u.a. in freien Erzählungen, wird erfasst.
Im vom MWK geförderten Projekt „Forschendes Lernen im Studium“ nehmen Hildesheimer Lehramtsstudierende eine wichtige Rolle ein. Im Wintersemester 2012/13 testen sie den Wortschatz von 200 Schülern in niedersächsischen Grundschulen in mehreren Sprachen (Familiensprache Russisch und Erstsprache Deutsch). „Wir wollen Ressourcen und Lernbedarfe der Kinder mit Migrationshintergrund empirisch ermitteln. Die Studierenden setzen sich mit grundlegenden Fragen der Spracherwerbsforschung auseinander und übernehmen einen wichtigen Teil des Forschungsprojektes als studentische Forschungsarbeit“, so Montanari.

MEHRSPRACHIGKEIT IN KITA UND SCHULE:
Wie kann früher Fremdspracherwerb gelingen? Was passiert eigentlich mit der Erstsprache, wenn ein Großteil des Unterrichts in einer Fremdsprache, z.B. Englisch, durchgeführt wird? „Mehrsprachigkeit zu fördern, ist ein Ziel der EU-Bildungspolitik. Am Ende der Schullaufbahn soll künftig jeder Bürger zwei Fremdsprachen beherrschen. Derzeit diskutiert Baden-Württemberg, ob Englisch ab Klasse 1 wieder abgeschafft werden soll, andere Konzepte sehen den frühen Fremdspracherwerb schon in der Kita vor“, sagt Prof. Dr. Kristin Kersten (Institut für englische Sprache und Literatur, Universität Hildesheim).

„Langjährige Untersuchungen deuten darauf hin, dass ein Kind keineswegs darunter leidet, wenn eine zweite Sprache im Kleinkindalter erlernt wird. Im Gegenteil: In besonders intensiven Programmen kann sich neben kognitiven Vorteilen sogar die Erstsprache verbessern.“ Andererseits liegen bisher kaum belastbare empirische Ergebnisse in Deutschland vor, ob beispielsweise mehrsprachig aufwachsende Kinder Vor- oder Nachteile beim Erlernen weiterer (schulischer) Fremdsprachen haben.

In einem dreijährigen Forschungsprojekt, u.a. gefördert vom MWK, untersucht Kristin Kersten, welche Variablen Einfluss auf den frühen Fremdspracherwerb bei Kindern mit und ohne Migrationshintergrund sowie bei Lernern mit einer Sprachentwicklungsstörung haben. Kooperationspartner sind die Hochschulen in Erlangen-Nürnberg, Köln, Ludwigsburg, Paderborn und Weingarten. „Erste Ergebnisse aus bilingualen Kindergärten weisen darauf hin, dass die Intensität, Dauer des Kontakts sowie das kontextualisierte, handlungsbegleitende Erlernen der Fremdsprache an Objekten, Bildern und der Umwelt entscheidend sind. Ob die Fremdsprache drei Stunden pro Tag oder eine Stunde pro Woche angeboten wird, ob die jeweilige Erzieherin in der Kita für fünf oder 25 Kinder zuständig ist – das macht viel aus“, sagt die Juniorprofessorin für Fremdsprachenunterricht und Zweitspracherwerb und weist auf Ergebnisse ihres jüngst abgeschlossenen EU-Projekts hin. „Keinen Einfluss hatten hingegen die Faktoren Geschlecht und Migrationshintergrund.“

Welchen Einfluss die Herkunft in der Schule genau einnimmt wollen die Forscher empirisch herausfinden. Welche Potentiale bringen gerade mehrsprachige Kinder für erfolgreichen frühen Fremdspracherwerb mit?

Ein besonderer Fokus der Studie liegt auf dem Übergang von der Kita in die Grundschule und die weiterführende Schule. „Fremdsprachenlernen im deutschsprachigen Raum stellt kaum ein tragfähiges Kontinuum dar. In Klasse 5 ist die Heterogenität sehr hoch und reicht von Schülern, die bisher zweimal in der Woche Englisch gesprochen haben bis zu Schülern, die bilingual oder immersiv unterrichtet wurden. Die Einrichtungen scheinen jedoch von stärker geregelten Übergänge zu profitieren“, erläutert Kersten.

EINEM FALL AUF DER SPUR... FORSCHUNGSORIENTIERTE LEHRERBILDUNG MIT DEM VIDEOARCHIV HILDE:

Seit 2009 baut die Universität Hildesheim ein umfangreiches Fallarchiv HILDE auf, mit Videos aus dem Schulunterricht. „Bisher stehen Forschern 50 Unterrichtsstunden der Fächer Deutsch, Mathematik, Sachunterricht und Sport der Primar- und Sekundarstufe mit vollständigen Transkriptionen und Begleitmaterialien zur Verfügung“, erklärt Prof. Dr. Irene Pieper vom Forum Fachdidaktische Forschung. „Studierende beteiligen sich an den Unterrichtsanalysen, bringen eigene Unterrichtserfahrungen mit ein und reflektieren ihre Schulerfahrungen.“ Durch die Arbeit an konkreten, alltäglichen „Unterrichtsfällen“ werden bereits im Lehramtsstudium Theorie, Praxis und Forschung eng verzahnt. Studierende nehmen die Beobachterperspektive ein, um auf Basis der Fallarbeit Erkenntnisse für den eigenen Unterricht zu gewinnen.

Im Forschungsprojekt „Zur Sache kommen“ sollen künftig noch stärker eigene videobasierte Fälle in das Fallarchiv aufgenommen und das Fächerspektrum der Unterrichtsaufzeichnungen erheblich erweitert werden. Im Wintersemester 2012/13 erweitern Lehramtsstudierende das Video-Fallarchiv und arbeiten, begleitet von Wissenschaftlern, in Fallstudien mit dem Videomaterial. Dann können zum Beispiel Fälle verglichen, Stundeneinstiege und ihre Funktion im Unterrichtsprozess oder die Einführung in ein neues Thema durch den Lehrer analysiert werden.

Ab dem Wintersemester 2013/14 wird das Masterstudium (Master of Education) von zwei auf vier Semester erweitert, eine halbjährige Praxisphase und ein forschungsorientiertes „Projektband" werden integriert. Videobasierte Fallarbeit zählt dann zum Curriculum, Studierende können auf das Fallarchiv in ihren Forschungsarbeiten zurückgreifen. Das vom MWK geförderte Projekt wird von den Hildesheim Professoren Dr. Katrin Hauenschild, Dr. Peter Frei, Dr. Irene Pieper und Dr. Barbara Schmidt-Thieme geleitet.

WEITERE INFORMATIONEN ZUR LEHRERBILDUNG:

Praxisschock? Kennen wir nicht! Das Hildesheimer Modell der Lehrerbildung

Lehramtsstudierende der Universität Hildesheim lernen in mehrmonatigen Praxisphasen ab dem ersten Semester früh die Unterrichtspraxis und den Schulalltag kennen. So sind sie im ersten und zweiten Semester in Kleingruppen jeden Freitagvormittag in der Schule, sie beobachten und analysieren Unterricht. Dabei werden sie von Wissenschaftlern der Universität und Lehrern der 250 Partnerschulen begleitet, die Praxis wird vor- und nachbereitet.

Das „Hildesheimer Modell“ besteht seit beinahe 40 Jahren, diese enge Verzahnung von Theorie und Praxis in der Lehrerbildung ist bundesweit einmalig. Studierenden ermöglicht es eine frühe Entscheidung für oder gegen den Beruf als Lehrkraft – ein wichtiges Moment der Qualitätssicherung für den Beruf. Ein Schwerpunkt in der Lehramtsausbildung liegt im Bereich Heterogenität und Unterricht, Interkulturelle Kompetenz, Deutsch als Zweitsprache und Individuelle Förderung.

2400 Lehramtsstudierende (Grund-, Haupt-, Realschule) profitieren von der Anbindung an mehrere bildungswissenschaftliche Forschungszentren. Studierende bearbeiten im Studium Forschungsfragen, greifen zum Beispiel auf das Video-Fallarchiv HILDE zurück, um Unterricht zu analysieren. Die Universität fördert insbesondere Nachwuchswissenschaftler, zum Beispiel mit Stipendien im Promotionskolleg „Unterrichtsforschung“. Aktuell arbeiten zwölf Stipendiaten an ihren Dissertationen, u.a. über Vorstellungen von Schülern zu Politik, den Zusammenhang von zufriedenen Lehrern und Lernern sowie über Mündlichkeit in Schülertexten.

Im Centrum für Bildungs- und Unterrichtsforschung, im Kompetenzzentrum Frühe Kindheit Niedersachsen, im Forum Fachdidaktische Forschung sowie im Bilddidaktischen Forschungsstudio arbeiten Wissenschaftler aller Fächer eng vernetzt an aktuellen bildungswissenschaftlichen Fragestellungen.

Isa Lange | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hildesheim.de/
http://www.mwk.niedersachsen.de/

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