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Paul-Bunge-Preisträger Henning Schmidgen: Auf der Spur der verlorenen Zeit

05.05.2010
Der Paul-Bunge-Preis der Hans-R.-Jenemann-Stiftung wird seit 1993 jährlich für Arbeiten zur Geschichte wissenschaftlicher Instrumente verliehen, und zwar gemeinsam von der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und der Deutschen Bunsen-Gesellschaft für Physikalische Chemie (DBG).

In diesem Jahr wird Dr. Henning Schmidgen vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin mit dem Bunge-Preis ausgezeichnet. Die Stiftung würdigt damit seine Buchpublikation “Die Helmholtz-Kurven. Auf der Spur der verlorenen Zeit” sowie seinen maßgeblichen Beitrag zur Einrichtung des Internetprojekts “Virtual Laboratory”. Die Preisverleihung findet am 13. Mai in Bielefeld im Rahmen der DBG-Hauptversammlung statt.

Schmidgen, 1965 in Münster geboren, studierte Psychologie und Philosophie/Linguistik an der Freien Universität Berlin sowie Psychoanalyse an der Université de Paris-7. Promoviert wurde er 1996 im Fach Psychologie. Zuvor war er bereits als klinischer Psychologe tätig gewesen. Seine Tätigkeit am MPI für Wissenschaftsgeschichte (seit 2000) wurde durch Lehr- und Forschungsaufenthalte an der Harvard University, der Stanford University und in Paris unterbrochen. Seine berufliche Karriere wurde durch mehrere Stipendien gefördert.

Den Schwerpunkt seiner Forschungsarbeit legte Schmidgen auf die Geschichte der experimentellen Lebenswissenschaften des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sein besonderes Augenmerk gilt der Entstehung, Entwicklung und Verbreitung von Techniken zur Kurzzeitmessung im physiologischen und psychologischen Labor.

In den nächsten Wochen will Schmidgen seine Habilitationsschrift an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar einreichen. Im Vorgriff darauf hat er Ende 2009 sein Buch “Die Helmholtz-Kurven. Auf der Spur der verlorenen Zeit” im Berliner Merve-Verlag veröffentlicht. Hierin rekonstruiert er die Geschichte eines singulären Archivfunds, der ihm im Zusammenhang mit seinen Recherchen zur psychophysiologischen Zeitmessung zugefallen ist. Es sind dies die einzigen Originalkurven, die von den bahnbrechenden Zeitexperimenten von Hermann von Helmholtz in den Jahren 1850/51 an der Universität Königsberg erhalten geblieben sind. Helmholtz hat damals die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Nervenreizung untersucht und damit das Intervall zwischen Reiz und Reaktion, Wahrnehmung und Handlung, also eine in diesem Sinn “verlorene Zeit” gemessen. Instrumentengeschichtlich geht es um Registrierschreiber zur Aufzeichnung von Muskelaktionen, Kurzzeitmesser und die dazugehörigen elektromagnetischen Geräte.

Der ehemalige GDCh-Präsident Professor Dr. Henning Hopf, Universität Braunschweig, Mitglied des Beirats der Hans-R.-Jenemann-Stiftung, hat sich die Arbeit von Henning Schmidgen angesehen: “Der Text ist nicht nur wissenschaftlich hochinteressant, sondern auch in einem ausgesprochen guten literarischen Stil geschrieben, so dass seine Lektüre schon aus diesem sprachlichen Grunde viel Freude macht.” Wie Recht Hopf in seiner Beurteilung hat, zeigt die im April 2010 in der Zeitschrift “Nature” erschienene ausführliche Rezension und Würdigung der Buchveröffentlichung von Schmidgen.

Die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) gehört mit über 29.000 Mitgliedern zu den größten chemiewissenschaftlichen Gesellschaften weltweit. Sie hat sich als treuhänderischer Träger einer Reihe von Stiftungen etabliert. Die Hans-R.-Jenemann-Stiftung hat sich zur Aufgabe gemacht, Arbeiten zur Geschichte wissenschaftlicher Instrumente zu fördern und diesem Arbeitsgebiet größere Sichtbarkeit zu verleihen. Von Hans R. Jenemann, dem 1996 verstorbenen Chemiker, Instrumentenhistoriker und Sammler chemischer Analysenwaagen, ins Leben gerufen, zeichnet die Stiftung seit 1993 herausragende Arbeiten zur Geschichte wissenschaftlicher Instrumente mit dem international ausgeschriebenen Paul-Bunge-Preis aus, der angesehensten und mit 7.500 Euro höchstdotierten Auszeichnung auf diesem Gebiet. Der Name des Preises erinnert an den bedeutendsten Konstrukteur chemischer Analysenwaagen im 19. Jahrhundert.

Dr. Renate Hoer | idw
Weitere Informationen:
http://www.gdch.de

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