Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ob Pflanzen wachsen oder wehrhaft sind: Wilhelm-Pfeffer-Preis für Nachwuchsforscher

08.09.2011
Marco Todesco erhält Auszeichnung der Deutschen Botanischen Gesellschaft

Für die Charakterisierung einer Genvariante, die entscheidet, ob eine Pflanze in Wachstum oder die Abwehr von Krankheitserregern investiert, erhält Dr. Marco Todesco den mit 2500 Euro dotierten Wilhelm-Pfeffer-Preis der Deutschen Botanischen Gesellschaft (DBG).

In seiner Doktorarbeit am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie, betreut von Professor Dr. Detlef Weigel, kombinierte Todesco genetische, physiologische und molekularbiologische Techniken, um zwei Typen der Ackerschmalwand (Arabidopsis thaliana) zu untersuchen. Anlässlich der Preisverleihung auf der Botanikertagung in Berlin wird der Forscher am 19. September 2011 seine Ergebnisse präsentieren: Er will dabei das Dilemma der Pflanzen aufzeigen, entweder zu wachsen oder sich gegen Feinde zu wehren, was je nach Umwelt Vor- oder Nachteile bringt.

Den Wilhelm-Pfeffer-Preis, der in diesem Jahr Marco Todesco vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen zuerkannt wird, vergibt die Deutsche Botanische Gesellschaft (DBG) e. V. seit 1990 für herausragende Dissertationen in den Pflanzenwissenschaften. Mit dem Preisgeld und der Auszeichnung soll die Karriere junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefördert werden. Die DGB, die zu den ältesten botanischen Gesellschaften zählt und etwa 850 Mitglieder hat, engagiert sich national und international für die wissenschaftliche Pflanzenforschung und veröffentlicht die Zeitschrift Plant Biology.

Der Tübinger Wissenschaftler Marco Todesco analysierte in seiner ausgezeichneten Dissertation zwei in der Natur vorkommende Varianten der Ackerschmalwand: Er fand Arabidopsis-Pflanzen mit größeren Blättern, die sich solange durchsetzten, bis Krankheitserreger oder Fressfeinde auftraten. Sobald jedoch Bakterien oder Blattläuse angriffen, überlebten dagegen kleinere Pflanzen. Der Forscher beschrieb als erster, dass sich beide Pflanzentypen in einer Genvariante am so genannten ACD6 Locus unterscheiden. Dieser Teil der Erbinformation enthält einen Bauplan für eine Chemikalie, die der pflanzlichen Immunantwort dient. Wie Todesco zeigte, trugen nur die kleineren Individuen diese Genvariante.

In der Natur sind die resistenten Arabidopsis-Pflanzen über viele Standorte von Europa bis Asien und vom Polarkreis bis Nordafrika verbreitet. Allerdings machten sie jeweils nur 20 Prozent einer Population aus. Wenn keine Angreifer vorhanden sind, werden die wehrhaften Pflanzen nämlich schnell von den großblättrigen Typen verdrängt. „Möglichst resistent zu sein, ist also nicht immer die beste Strategie“, erklärt der in Italien geborene Todesco. Zumal die Abwehrkraft mit hohen Kosten erkauft werde, nämlich weniger Nachkommen. Das Dilemma der Pflanzen besteht darin, dass sie die An- oder Abwesenheit von Angreifern nicht vorher sehen können.

Balance zwischen Resistenz und Biomasse
Diese Ergebnisse sind auch für die Züchtungsforschung interessant: Da Marco Todesco zeigte, dass die Widerstandsfähigkeit und die Biomasseproduktion gekoppelt sind, müssen Pflanzenzüchter die optimale Balance zwischen Ertrag und Resistenz finden.

Todesco untersuchte außerdem, welche Faktoren die Blattentwicklung genetisch steuern. Er beschrieb, wie dabei unterschiedliche microRNAs gebildet werden. Diese kleinen Moleküle regulieren wiederum die Aktivität anderer Gene. Gleichzeitig hat Todesco während der Doktorarbeit ein neues molekularbiologisches Werkzeug – die sogenannte Zielmimikry („artificial target mimics“) – entwickelt. Diese Technik bereichert die Pflanzenforschung um ein Instrument, mit dem in Zukunft die Funktionen dieser mircoRNAs in Pflanzen besser untersucht werden können, weil damit einzelne Gruppen besser zu unterscheiden sind.

Dr. Todesco habe „in beeindruckender Weise moderne biologische Methoden kombiniert, um ein hochgradig komplexes wissenschaftliches Problem experimentell zugänglich zu machen“, begründet Professor Dr. Ralph Bock vom MPI in Potsdam die Auswahl des Pflanzenforschers als Preisträger. „Wir wünschen ihm, dass Todesco einer der ganz Großen der Pflanzenwissenschaften werden wird“, hofft Bock, Vorstandsmitglied der Wilhelm-Pfeffer-Stiftung der DBG, welche die Auszeichnung seit 1990 an junge Pflanzenforscher verleiht. Bock wird den Preis im September in Berlin an Todesco überreichen.

Weiterführende Informationen:
Marco Todesco wurde im italienischen Bassano del Grappa geboren, promovierte 2009 am MPI in Tübingen, wo er seitdem als wissenschaftlicher Mitarbeiter weiterhin an den schnellwachsenden Typen mit geringer Resistenz und den langsam-wachsenden Individuen mit hoher Wehrhaftigkeit forscht.
Ansprechpartner:
Dr. Marco Todesco, Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie
Tel: 07071 601- 1406
E-Mail: marco.todesco[at]tuebingen.mpg.de
Für die Deutsche Botanische Gesellschaft:
Dr. Esther Schwarz-Weig
Redaktionsbüro Wissensworte, Büro für Wissenschaftskommunikation
www.wissensworte.de
Tel: 09206-993579
E-Mail: esw[at]wissensworte.de

Dagmar Sigurdardottir | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.tuebingen.mpg.de
http://tuebingen.mpg.de/startseite/detail/ob-pflanzen-wachsen-oder-wehrhaft-sind-wilhelm-pfeffer-preis-fuer-nachwuchsforscher.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht EU-Projekt: Bilder leistungsstark und energieeffizient verarbeiten
24.01.2017 | Ruhr-Universität Bochum

nachricht „Allen Unkenrufen zum Trotz“ Neues Projekt sorgt für Schutz der Gelbbauchunken in Bayern
24.01.2017 | Bundesamt für Naturschutz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Scientists spin artificial silk from whey protein

X-ray study throws light on key process for production

A Swedish-German team of researchers has cleared up a key process for the artificial production of silk. With the help of the intense X-rays from DESY's...

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neuer Algorithmus in der Künstlichen Intelligenz

24.01.2017 | Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Im Interview mit Harald Holzer, Geschäftsführer der vitaliberty GmbH

24.01.2017 | Unternehmensmeldung

MAIUS-1 – erste Experimente mit ultrakalten Atomen im All

24.01.2017 | Physik Astronomie

European XFEL: Forscher können erste Vorschläge für Experimente einreichen

24.01.2017 | Physik Astronomie