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Menschliches Verstehen verstehen

03.11.2010
VolkswagenStiftung fördert Interdisziplinäre Erforschung von sozialer Interaktion mit 300.000 €

Das ist doch einfach: andere Menschen verstehen. Oder doch nicht? Was vielen ein Kinderspiel ist, stellt Menschen mit Autismus und Schizophrenie möglicherweise vor besondere Schwierigkeiten.

Die soziale Kognition – so wird dieses spezielle Erkenntnisvermögen genannt – stellt Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen vor ein Rätsel. Philosophen, Psychiater, Psychologen und Neurobiologen haben sich im Rahmen ihrer Fächer mit dem Problem beschäftigt.

Nun vereinigt ein interdisziplinäres Projekt das Fachwissen: Being Addressed as You: Conceptual and Empirical Investigations of a Second-Person Approach to Other Minds heißt das von der Volkswagenstiftung geförderte Projekt, in dem Wissenschaftler verschiedener Disziplinen die Frage verfolgen: Wie verstehen wir das Verhalten anderer Menschen und wie gelingt Kommunikation? Beteiligt an dem Projekt sind Wissenschaftler von vier Forschungseinrichtungen an zwei Universitäten, darunter Dr. Leonhard Schilbach und Dr. Bert Timmermans von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Köln.

Zusammen mit ihren Kollegen Professor Tobias Schlicht aus Bochum und Dr. Nikolaus Steinbeis aus Leipzig werden die Wissenschaftler die nächsten drei Jahre die soziale Kognition unter besonderer Berücksichtigung von direkter, interpersoneller Interaktion von allen Seiten beleuchten. Im Rahmen dieses Projektes, das mit über 300.000 € von der Volkswagenstiftung gefördert wird, werden sowohl theoretische als auch empirische Untersuchungen durchgeführt. Die Ergebnisse der Forschung sollen unter anderem in die Arbeit mit Menschen mit Autismus in der Autismus-Sprechstunde von Professor Kai Vogeley in der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie einfließen.

Im Zentrum des Projekts steht die Frage nach dem Wesen der sozialen Wahrnehmung: Ist sie ein passiver oder ein aktiver Vorgang? „Man hat sich soziale Kognition häufig als eine Art passiven Vorgang vorgestellt“, erklärt Leonhard Schilbach. Diese Konzeption von sozialer Kognition aus der „Beobachterperspektive“ sei aber für den Großteil der menschlichen Interaktion nicht zutreffend, so der Arzt: „So findet soziale Kognition zumeist garnicht statt. In unserem Alltagsleben betreiben wir soziale Kognition, wenn und indem wir in Interaktion mit Menschen treten.“ Dieses sei eher eine „Teilnehmerperspektive“. In diesem Zusammenhang besonders interessant sei, dass autistische Patienten diesen Unterschied zwischen der Beobachterperspektive und der Teilnehmerperspektive sehr stark wahrnähmen und die Beobachterperspektive aufgrund der Schwierigkeiten im Bereich der sozialen Interaktion als viel angenehmer empfänden. „Die Interaktion mit Menschen verändert die Situation offenbar grundlegend, das Verstehen ist dann für Menschen mit Autismus besonders erschwert “, so der Arzt. Ein Befund an dem die Wissenschaftler ihre Arbeit ansetzen: „Darin besteht unser Ziel: Worin bestehen die Unterschiede, was macht die soziale Kognition so anders und besonders, wenn sie in Interaktion ausgeübt wird?“

Um diese Frage zu beantworten werden die Forscher die theoretischen wie empirischen Seiten der Fragestellung beleuchten. Im Experiment sollen Augenbewegungsstudien durchgeführt werden, bei denen erforscht wird, wo Menschen in sozialer Interaktion hinschauen oder wie sie auf die Änderung des Blickverhaltens ihres Gegenübers in Echtzeit reagieren. Hinzu kommt die so genannte funktionelle Hirnbildgebung mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT). Mit ihrer Hilfe wird überprüft, welche Gehirnregionen besonders aktiv sind, wenn Menschen mit anderen Menschen direkt interagieren.

Der Kognitionsphilosoph Professor Tobias Schlicht wird die theoretische Arbeit übernehmen und versuchen das Phänomen der sozialen Kognition zu konzeptuell zu erfassen, so Schilbach. „Bewusstsein ist eine Aktivität, ist etwas, das man tut. Die Art und Weise, wie die Welt in unserem Bewusstsein auftaucht hängt somit auch ganz stark davon ab, welchen Zugriff wir haben und wie wir uns verhalten. Zu erkären wie dies auch im Bereich der sozialen Interaktion zutrifft und es uns erlaubt, mit anderen Menschen zu interagieren, stellt das Ziel unserer gemeinsamen Arbeit dar.“

Bei Rückfragen:
Dr. Leonhard Schilbach, 478- 87141, leonhard.schilbach@uk-koeln.de
Verantwortlich: Dr. Patrick Honecker

Gabriele Rutzen | idw
Weitere Informationen:
http://www.uk-koeln.de
http://www.volkswagenstiftung.de/funding/challenges/european-platform-for-life-sciences-mind-sciences-and-the-humanities/bewilligungen-

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