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Maier-Leibnitz-Preis für Nachwuchswissenschaftler für Frankfurter Historiker

06.05.2011
Der Neuzeit-Historiker Markus Friedrich von der Goethe-Universität wird am Montag (9. Mai) in Berlin mit dem Heinz Maier-Leibnitz-Preis, dem wichtigsten deutschen Wissenschaftspreis für Nachwuchswissenschaftler, ausgezeichnet.

Der 36-Jährige, der 2010 seine Habilitation abgeschlossen und seit 2005 am Historischen Seminar der Universität Frankfurt forscht und lehrt, vertritt zurzeit eine Professur für Neuere Geschichte und Frühe Neuzeit an der Rostocker Universität. Er hat sich in seiner Forschung unter anderem intensiv mit dem Jesuitenorden und seinem Aufstieg zur Macht durch eine ausgeklügelte Bürokratie beschäftigt.

Mit Friedrich bekommen fünf weitere junge Wissenschaftler den jeweils mit 16.000 Euro dotierten Preis, für den insgesamt 145 Kandidaten aus allen Fachgebieten vorgeschlagen worden waren. Für die Auswahlkommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft waren Friedrichs Arbeiten absolut überzeugend. In der Laudatio heißt es: „Der Neuzeithistoriker Markus Friedrich zeichnet sich durch ein hohes Maß an interdisziplinärer Offenheit, ein ausgeprägtes methodisches Bewusstsein und ein sicheres Gespür für zukunftsträchtige Themen aus.“ Das Präsidium der Goethe-Universität gratulierte dem Preisträger zu dieser Auszeichnung für seine außerordentlichen Forschungsleistungen.

Sie sei darüber hinaus auch ein Qualitätsausweis für das Team von Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte, die die Professur für Neuere allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Frühen Neuzeit inne hat. Dass am Historischen Seminar die interdisziplinäre Forschung einen hohen Stellenwert besitze, werde durch die Verleihung des Preises an Friedrich eindrucksvoll bestätigt.

Der Jesuitenorden in der Frühen Neuzeit spielt in Friedrichs Forschung eine zentrale Rolle, weil dieser katholische Orden es wie keine andere Institution schaffte, mit einem ausgeklügelten bürokratischen Apparat Informationen zu sammeln und sich mit diesem Wissen Machtpositionen zu sichern. Dazu der Historiker: „Die Umstellung von Herrschaft auf schriftliches Informationsmanagement nahm seit dem späteren Mittelalter rasant zu: die Idee, dass politische Machtausübung auf der systematischen Akquise von Informationen über das eigene Gemeinwesen aufbauen sollte, wurde nun wenn nicht geboren, so doch in neuartiger Weise in konkrete Projekte umgesetzt. Volkszählungen, Landesbeschreibungen und -vermessungen, Güterinventarisierungen und viele andere, ähnliche Unternehmungen zur Wissensgenerierung wurde nun begonnen.“

Was die Jesuiten zunächst für Europa entwickelten und bald zur bürokratischen Herrschaftstechnik in globalem Maßstab verfeinerten, könnte man leicht als spröde langweilige Verwaltungsdatenbank abtun; klassische Wissenschaftsgeschichte widmet sich lieber den großen Entdeckungen und Theorien sowie den großen Dichtern und Denkern. Aber in diesen akribisch ermittelten Daten steckt ein Schlüssel zur Macht, das haben die Jesuiten genial erkannt und umgesetzt. Als Beispiel führt Friedrich besonders gern die ausgeklügelten medialen Techniken zur Personalführung an, die der Orden seit den 1540er Jahren entwickelte. Per Fragebogen wurden wichtige religiöse, charakterliche, soziale und körperliche Eigenschaften des eigenen Personals abgefragt, um auf dieser Datengrundlage rationale Personalplanung zu betreiben. „Natürlich“, so betont Friedrich, „lässt sich die Umsetzung dieser Absicht nicht mit den effizient erarbeiteten Ergebnissen späterer Verhältnisse vergleichen, denn traditionelle Vetternwirtschaft und andere regionale und soziale Loyalitäten prägten auch den Jesuitenorden.“ Aber hervorzuheben sei eben doch, dass die Ordensleute vielleicht erstmals in der Geschichte abendländischer Bürokratie einen Plan zur systematischen Erhebung solcher Daten fassten und ihn auch über zweieinhalb Jahrhunderte hindurch implementierten. „Je länger sie sich mit diesen Angelegenheiten befassten, umso spektakulärer wurden die angewandten Mittel – so dauerte es beispielsweise nicht lange, ehe man auf den Gedanken verfiel, vorgedruckte Lückentextformulare zu verwenden“, ergänzt der Historiker.

Und womit will sich Friedrich in den nächsten Jahren beschäftigen? Das neue, groß angelegte Projekt, dessen Anfangsphase er aus dem Preisgeld mitfinanzieren wird, beschäftigt sich mit der Geschichte der Archive in der Frühen Neuzeit. Das schließt nahtlos an seine bisherigen Forschungsarbeiten an. Er geht dabei vor allem der Frage nach, welche prägende Kraft von den Archiven auf die Gesellschaft ausgegangen ist und wie die Entstehung der Archive umgekehrt auch als Reaktion auf gesellschaftliche und politische Veränderungen verstanden werden muss. Wenngleich die Frühe Neuzeit nicht als „Erfindungsperiode“ des europäischen Archivwesens gelten kann, so war sie doch in regionaler und sozialer Hinsicht die entscheidende Durchbruchsperiode: Kommunen, Zünfte, Klöster, Ministerien, Firmen, Gerichtshöfe, Bischöfe, Adelsfamilien, Pfarreien und Handelsgesellschaften gründeten entweder erstmals Archive oder gestalteten bestehende Einrichtungen grundlegend um. „Archive wurden in jeder Hinsicht zur reflektierten und unverzichtbaren kulturellen Infrastruktur Europas“, sagt Friedrich und nennt als symbolträchtige Beispiele für die neue Dringlichkeit die Gründung des spanischen Zentralarchivs in Simancas 1569 und die schrittweise Etablierung und institutionelle Verselbständigung des päpstlichen Geheimarchivs zu Beginn des 17. Jahrhunderts. „Doch diese spektakulären Gründungen“, so betont Friedrich, „sind nur die Spitzen eines Eisbergs, der breit in die sozialen Niederungen und die geografischen Randzonen Europas hinabreicht.“

Wo Friedrich diese Forschungen fortsetzen, weiß er noch nicht; seine Chancen für einen Ruf auf eine „Neuzeit“-Professur dürften sich durch den Preis verbessert haben. Bis dahin wird der gebürtige Ansbacher seinen Lebensmittelpunkt in Frankfurt behalten. „Die Arbeit als Frühneuzeit-Historiker in Frankfurt hat sich in den letzten Jahren nicht nur fachlich ungemein bewährt, die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen hat auch ungemein Spaß gemacht,“ resümiert Friedrich.

Der Heinz Maier-Leibnitz-Preis wird seit 1977 jährlich vergeben. Die Auszeichnung ist aus Sicht der DFG Anerkennung und zugleich Ansporn, die wissenschaftliche Laufbahn geradlinig weiterzuverfolgen, und genießt hohes Ansehen: In einer Umfrage des Magazins „bild der wissenschaft“ wurde der Heinz Maier-Leibnitz-Preis von den bedeutendsten Forschungseinrichtungen zum drittwichtigsten Wissenschaftspreis in Deutschland gewählt – nach dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der DFG und dem Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten. In diesem Jahr hätte der Preispatron, der Physiker und ehemalige DFG-Präsident, Prof. Heinz Maier-Leibnitz, seinen 100. Geburtstag gefeiert.

Nähere Informationen: PD Dr. habil. Markus Friedrich, zurzeit Universität Rostock, mobil 0163/8697948, Friedrich@em.uni-frankfurt.de

Ulrike Jaspers | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-frankfurt.de

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