Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lebensbedrohliche Lungenentzündung – Millionenförderung für Ursachenforschung

11.04.2014

Ein beträchtlicher Teil der eigentlich gut behandelbaren Lungenentzündung nimmt einen schweren, lebensbedrohlichen Verlauf. Noch immer sterben viele Patienten daran und die Ursachen sind nur zum Teil bekannt.

Ein von Wissenschaftlern der Universität Leipzig geleiteter Forschungsverbund erhält jetzt 3,8 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung für die Untersuchung der unterschiedlich schweren Verlaufsformen. Knapp 1,2 Millionen Euro davon gehen nach Leipzig an das Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie (IMISE).

Weltweit ist die Lungenentzündung (Pneumonie) die häufigste Infektionskrankheit und damit eine unterschätze Volkskrankheit. In Deutschland werden jedes Jahr etwa 240.000 Patienten mit einer ambulant, das heißt außerhalb einer Klinik erworbenen Lungenentzündung in ein Krankenhaus eingewiesen (engl. community acquired pneumonia, kurz CAP). Und noch immer stirbt etwa jeder Zehnte dieser Patienten. In solchen Fällen hat sich die unkomplizierte und gut zu behandelnde Erkrankung zu einer schweren Entzündung des Lungengewebes entwickelt. Wenn sich dann die lokale Entzündung in den Lungenbläschen auf den gesamten Körper ausbreitet, kommt es zu lebensbedrohlichen Ereignissen wie Blutvergiftungen oder Organversagen.
Normalerweise weiß sich der Körper gegen eine Infektion der Lunge zu wehren. In den betroffenen Lungenbläschen laufen fein aufeinander abgestimmte Prozesse ab, die die Entzündung bekämpfen. Dabei verhindert eine schützende biochemische Barriere, dass die lokale Entzündung auf andere Organe übergreift. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass diese Barriere plötzlich durchbrochen wird. Die Entzündung breitet sich im Körper aus und wird dann ausgerechnet durch die Prozesse verschlimmert, die die Infektion zuvor im lokalen Stadium bekämpft haben.

Ursachen unbekannt

Der nationale Forschungsverbund CAPSyS (Systems Medicine of Community Acquired Pneumonia) will in den nächsten drei Jahren die Frage klären, wie es zu dem Verlust der Barrierefunktion in den befallenen Lungenbläschen kommt und welche Faktoren Einfluss auf die Entwicklung einer systemischen Entzündung haben. „Betroffen sind immer wieder auch Erwachsene mittleren Alters ohne ersichtliche Risikofaktoren. Die Gründe dafür kennen wir nicht“, sagt Prof. Markus Löffler, Direktor des IMISE und Sprecher des Forschungsverbundes. „Wir wollen verstehen, warum manche Entzündungen der Lunge plötzlich in eine wesentlich aggressivere Verlaufsform umschlagen, damit Ärzte künftig schneller und wirkungsvoller eingreifen können“, Dafür werden die Leipziger Wissenschaftler klinische Parameter, Laborwerte sowie umfangreiche molekulare Daten von mehr als 1000 betroffenen Patienten auswerten. Untersucht werden unter anderem mehrere hundert Proteine, tausende Nukleinsäuren und hunderttausende Varianten des Erbmaterials der Patienten.

„Anhand der Daten werden wir mathematische Modelle entwickeln, die es ermöglichen sollen, den gesamten Entzündungsprozess zu simulieren und damit den Verlauf einer schweren Pneumonie erstmals nachzuvollziehen“, erläutert Prof. Markus Scholz, der am IMISE ein CAPSyS-Teilprojekt leitet. „Wir erhoffen uns davon ein besseres Verständnis der Erkrankung. Durch die Einbeziehung der molekularen Daten sollen die Modelle besonders präzise werden und Unterschiede in den Verläufen besser abbilden.“ In einem nächsten Schritt wird untersucht, wie eine mögliche Prävention der schweren Lungenentzündung aussehen könnte. „Es müssen dringend Strategien entwickelt werden, die nicht auf Antibiotika setzen. Denn die helfen uns zum Beispiel nicht bei viralen Erregern oder wenn Bakterien Resistenzen entwickelt haben“, so Scholz. Auch hier wollen die Leipziger anhand von mathematischen Modellen verschiedene Szenarien entwickeln und simulieren, wie mögliche frühe Interventionen die Krankheit potenziell beeinflussen und schwere Verläufe verhindern können. Die Ergebnisse könnten wichtige Ansatzpunkte für weiterführende klinische Studien liefern.

Forschung im Verbund

CAPSyS ist ein interdisziplinär angelegter Forschungsverbund, der an deutschlandweit sieben Standorten arbeitet. Das IMISE der Universität Leipzig verantwortet unter der Leitung von Markus Löffler neben der Koordination des Gesamtprojektes auch die Verarbeitung der umfangreichen Datenmengen. Markus Scholz leitet zudem das Teilprojekt „Modellierung klinischer und molekularer Daten“. Neben der Universität Leipzig sind Einrichtungen in Berlin, Erlangen, Gießen, Greifswald, Jena und Marburg beteiligt. Dort werden weitere Patientendaten erhoben und zusätzliche molekulare Messungen durchgeführt. CAPSyS stützt sich auf Daten und Biomaterialien, die in den letzten Jahren von drei großen, vom Bundesforschungsministerium geförderten Forschungsgruppen zur Pneumonie und Sepsis (PROGRESS, CAPNETZ, SepNet) zusammengetragen wurden.
(Anne-Katrin Hartinger)

Kontakt:
Dr. Peter Ahnert
Wissenschaftliche Projektkoordination in CAPSyS
Universität Leipzig, Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie
Telefon: +49 341 97-16190
E-Mail: peter.ahnert@imise.uni-leipzig.de

Diana Smikalla | Universität Leipzig
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht BRIESE-Preis 2016: Intelligente automatisierte Bildanalyse erschließt Geheimnisse am Meeresgrund
20.01.2017 | Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

nachricht Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert
20.01.2017 | University of Twente

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise