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Landesforschungspreis für Wolfram Pyta - Hindenburgs Rolle in neuem Licht

11.05.2009
Für seine Forschungen über das politische Wirken des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg wird Prof. Wolfram Pyta vom Lehrstuhl Neuere Geschichte der Universität Stuttgart mit dem diesjährigen Landesforschungspreis ausgezeichnet.

Der Stuttgarter Historiker teilt sich den Preis im Bereich Grundlagenforschung mit dem Freiburger Biochemiker Prof. Nikolaus Pfanner. Die Jury hatte den Preis aufgrund der hervorragenden Einreichungen an beide Wissenschaftler vergeben.

Der Preis für Angewandte Forschung geht an den Karlsruher Wissenschaftler Prof. Jürg Leuthold. Dies gab das Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg heute bekannt. Der Landesforschungspreis ist mit insgesamt 200.000 Euro der höchstdotierte Forschungspreis eines Bundeslandes. Die feierliche Verleihung findet am 15. Juni in der Stuttgarter Staatsgalerie statt.

"Die Vergabe des Preises an einen Historiker steht für die hohe Qualität der Geisteswissenschaften an der Universität Stuttgart", kommentiert der Stuttgarter Uni-Rektor Prof. Wolfram Ressel die Auszeichnung.

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Neuer Erklärungsansatz
Wolfram Pyta liefert in seinen Arbeiten einen neuen Erklärungsansatz für die Rolle Paul von Hindenburgs. Dieser hat sich auf eigene Art in das Buch der Geschichte eingetragen: Er war es, der als Reichspräsident am 30. Januar 1933 Hitler die Regierungsgewalt übertrug und damit eine Entscheidung mit verhängnisvollen Konsequenzen traf. Bis heute debattiert die Geschichtswissenschaft über die Gründe, die Hindenburg zu diesem Schritt veranlasst haben. Wolfram Pyta wählt in seinem 2007 erschienenen Werk "Hindenburg - Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler" einen neuartigen Erklärungsansatz: Er leitet dieses Handeln Hindenburgs aus dessen besonderem Verständnis von politischer Herrschaft ab und betrachtet dabei sowohl langfristige strukturelle Faktoren als auch die historische Konstellation im Januar 1933.

Anders als viele seiner Kollegen sieht Wolfram Pyta in Hindenburg keineswegs "eine altersschwache Schachfigur" - im Gegenteil. "Hindenburg war bis zuletzt ein Machtmensch, dessen Mythos und Charisma ihm die notwendige Autorität verliehen, politische Entscheidungen zu treffen und damit Hitler die Reichskanzlerschaft zu ermöglichen", erläutert Pyta seine Kernthese. "Diese Umwandlung von symbolischem und kulturellem Kapital in Herrschaft, wie sie bei Hindenburg stattfand, war bisher systematisch nicht erforscht worden." In seiner achtjährigen Recherchearbeit trug Pyta eine Materialsammlung über Hindenburg zusammen, wie es sie vorher noch nicht gegeben hatte.

Hindenburgs Charisma - vom Soldaten zum "Retter der Nation"
Seine politische Karriere beginnt Hindenburg im militärischen Bereich. Im Ersten Weltkrieg wird er zum Oberbefehlshaber der im Osten eingesetzten achten Armee ernannt. In dieser Position gelingt ihm 1914 sein einziger wirklicher militärischer Erfolg: Der Sieg gegen die russischen Invasoren. Zu dieser Zeit bereits 66 Jahre alt, positioniert sich Hindenburg als Retter der Nation - und gewinnt die Aura des charismatischen Kriegshelden, dem die Einheit der Nation am Herzen liegt. Dieses Charisma Hindenburgs bildet die Basis von Pytas Forschungen: Der Historiker beschreibt das Charisma-Konzept in Anlehnung an soziologische Studien als eine interaktive Beziehung zwischen einer Person und ihrer Gefolgschaft. Besonders in Krisenzeiten äußert sich das Bedürfnis eines Volkes nach einer symbolisch aufladbaren Figur, die als Projektionsfläche kollektiver Vorstellungen dient. "Hindenburg betrieb gezielte Imagepflege, er inszenierte sich medial, bis sein Portrait zu einem allgegenwärtigen Symbol für die nationale Einheit geworden war", zieht Pyta Bilanz.
Nationale Einheit - von Hindenburg zu Hitler
Zur Verständigung mit Hitler kommt es erst, nachdem sich Hitler den Vorgaben des Reichspräsidenten unterordnet. Als Kanzler ist der NS-Parteiführer für Hindenburg solange inakzeptabel, wie er im Alleingang und damit an Hindenburg vorbei versucht, an die Macht zu gelangen. Erst als sich Hitler den Regieanweisungen des Reichspräsidenten beugt, seine Ansprüche mäßigt und sich zum Eintritt in eine "Regierung der nationalen Konzentration" bereit erklärt, wird er für Hindenburg kanzlerfähig. Hindenburg erhofft sich vom politischen Anführer der weitaus stärksten politischen Kraft in Deutschland - und dies ist die NSDAP in dieser Zeit - eine Ausschaltung des Parlamentarismus. Von Hitler erwartet Hindenburg die Herstellung einer homogenen politischen "Volksgemeinschaft" bei gleichzeitiger Schonung und politischer Entlastung der Stellung des Reichspräsidenten. Insofern kann es nicht verwundern, dass Hindenburg in seinem politischen Testament Hitler zu seinem gewünschten Nachfolger designiert - ein Dokument, das bislang der Aufmerksamkeit der Historiker weitgehend entgangen ist.
Praktische Bezüge historischer Grundlagenforschung
Wolfram Pyta hat bei der Enträtselung einer der schwerwiegendsten Entscheidungen der jüngsten Geschichte neue Wege eingeschlagen. Pytas Erkenntnisse werden voraussichtlich dazu führen, dass manche Schul- und Lehrbücher teilweise neu geschrieben werden müssen. Mit dem Preisgeld in Höhe von 50.000 Euro möchte der Historiker ein weiteres monografisches Projekt angehen. "Geschichte ist eine Wissenschaft, die auch der historischen Einordnung der Gegenwart dient", ist sich Pyta des praktischen Bezugs geisteswissenschaftlicher Forschung sicher. "Historiker können zwar keine Patentrezepte für aktuelles Handeln liefern, aber sensibilisieren dafür, dass die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Historie als Anschauungsunterricht für Erfolg, Scheitern und Versagen betrachten können."
Zum Werdegang
Wolfram Pyta wurde 1960 in Dortmund geboren. Nach seinem Studium in Bonn und Köln war er von 1988 bis 1994 Assistent an der Universität zu Köln, wo er sich 1994 habilitierte. Er lehrte an den Universitäten Tübingen und Bonn und war ein Jahr lang als Forschungsstipendiat am Historischen Kolleg in München. Seit 1999 ist Wolfram Pyta Leiter der Abteilung Neuere Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart und seit 2001 Direktor der "Forschungsstelle Ludwigsburg" der Universität Stuttgart zur NS-Verbrechensgeschichte.
Weitere Informationen
Prof. Dr. Wolfram Pyta
Historisches Institut der Universität Stuttgart
Tel. 0711/685-83450/51
e-mail : Wolfram.Pyta@hi.uni-stuttgart.de

Ursula Zitzler | idw
Weitere Informationen:
http://www.mwk.baden-wuerttemberg.de

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