Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Landesforschungspreis 2010 für Prof. Dr. Jörn Leonhard von der Universität Freiburg

23.04.2010
Thema seiner Arbeiten: Die Nationen im Spiegel ihrer Kriegserfahrungen

Der Historiker Prof. Dr. Jörn Leonhard von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg erhält für seine Grundlagenforschung den Landesforschungspreis 2010. Seit 2006 ist Jörn Leonhard Professor am Historischen Seminar der Universität Freiburg und leitet den Lehrstuhl für Geschichte des Romanischen Westeuropa. Seit 2007 ist er Direktor der School of History am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS).

Die mit 100.000 Euro dotierte Auszeichnung wird Leonhard für seine umfassenden Monografien "Bellizismus und Nation: Kriegsdeutung und Nationsbestimmung in Europa und den Vereinigten Staaten 1750 - 1914" und "Liberalismus - Zur historischen Semantik eines europäischen Deutungsmusters" verliehen. Vor allem in seinem Werk über "Bellizismus und Nation" zeigt der Freiburger Historiker, wie unterschiedlich und manchmal auch wie strukturell ähnlich Krieg und Gewalt in verschiedenen Ländern in der Vergangenheit erfahren wurden und wie sich die Konflikte der vergangenen Jahrhunderte auf nationale Selbst- und Fremdbilder auswirkten. Es ist kein Zufall, dass Einsätze deutscher Truppen wie zum Beispiel in Afghanistan sehr vorsichtig umschrieben werden. Das Wort "Krieg" versuchen Politiker und Medien wenn möglich zu vermeiden. Im angloamerikanischen Raum ist diese Zurückhaltung dagegen nicht in dieser Form zu erkennen.

"Den meisten ist bewusst, dass Kriege eine prägende Wirkung auf eine Gesellschaft haben. Vor allem die Deutschen wissen, welches Trauma ein Weltkrieg auslösen kann", sagt Leonhard. "Doch nationale Selbstbilder entstehen über Jahrhunderte hinweg und sind im Vergleich immer auch die Summe dessen, was an Auseinandersetzungen mit anderen Nationen stattgefunden hat." Der Historiker belegt in seinen Forschungsarbeiten, wie und weshalb die USA, England, Frankreich und Deutschland seit dem 18. Jahrhundert eigene kollektive Selbstbilder und ein besonderes Verhältnis zu ihren Kriegserfahrungen entwickelten. So hielt Frankreich besonders lange am Selbstbild einer militärischen Nation fest, das sich mit der Vorstellung demokratischer Teilhabe des wehrhaften Bürgers und dem Mythos der progressiven Werte der Französischen Revolution verband. "Noch im 20. Jahrhundert, im Kontext der blutigen Dekolonisierungskonflikte", erklärt Leonhard, "blieb diese Idee erkennbar und erschwerte die Auseinandersetzung mit der Gewalterfahrung, etwa in Algerien."

Eine positiv bewertete Kopplung zwischen Krieg und nationaler Revolution gab es in Deutschland dagegen nicht. Hier spielte die Erfahrung von Fremdherrschaft, unter Napoleon bis 1815, eine entscheidende Rolle. Anders als in Frankreich nach 1871 gelang auch keine positive Umdeutung der Niederlage von 1918: "Deutschland fand nach dem Ersten Weltkrieg keine kollektive Antwort auf die Niederlage. Es blieb bei der ideologisch polarisierten Suche nach den Schuldigen", so Leonhard.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich dagegen im englischsprachigen Raum. Noch im 18. Jahrhundert waren in England die Vorbehalte gegen ein stehendes Heer als Zeichen des verhaßten Absolutismus groß. Doch die Kriege gegen Napoleon ließen das Militär bald zu einem nationalbritischen Symbol werden: "So wurde die Armee im 19. Jahrhundert zu einem bevorzugten Instrument der Zivilisierungsmission, welche die Engländer auch in den Kolonien anstrebten", erklärt der Historiker. "Die militärische Präsenz demonstrierte die Überlegenheit über die Kolonialvölker. Der Krieg als Vernichtungskrieg, der sich als Modell vor allem in Deutschland vor 1914 durchzusetzen begann, blieb den Engländern aber eher fremd."

Auch für die Vereinigten Staaten lohnt ein Blick auf die historischen Erfahrungen, wenn es um das Wechselspiel zwischen Krieg und nationalem Selbstverständnis geht. Ganz anders als in Europa wurden seit dem Bürgerkrieg der 1860er Jahre alle Kriege mit amerikanischer Beteiligung außerhalb des eigenen Landes ausgetragen. Die Bevölkerung war nur indirekt involviert und erfuhr Fremdherrschaft und kriegerische Gewalt nicht unmittelbar an einer Heimatfront. Überdies stand und steht in den USA immer auch der Gedanke der universellen Mission zur Demokratisierung hinter positiven Bekenntnissen zum Krieg als Mittel progressiver Politik.

Mit seiner Arbeit arbeitet der Wissenschaftler die dynamische Entwicklung der Nationen im Zuge ihrer je besonderen Kriegserfahrungen heraus. Seine Bücher zeigen, dass in Europa - trotz aller Bekenntnisse zu Integration und immer mehr Ähnlichkeit - im Umgang mit kriegerischen Erlebnissen und der daraus erwachsenden nationalen Selbstdeutung erhebliche historische Unterschiede auszumachen sind. Eine gesamteuropäische Idee von Nation und Krieg gibt es dabei nicht: Den Begriffen "Krieg", "war" und "guerre" liegen jeweils andere Erfahrungen zugrunde, die unterschiedliche Bestimmungen von Nationen hervorgebracht haben.

Mit dem Preisgeld des Landesforschungspreises will sich Jörn Leonhard Freiräume schaffen, um vor allem ein neues großes Buchprojekt zum Ersten Weltkrieg zu realisieren. Darin soll es um eine vergleichende Darstellung dieser europäischen und globalen Urkrise des 20. Jahrhunderts gehen.

Kontakt:
Prof. Dr. Jörn Leonhard
Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS)
Tel. 0761 / 203-3424 oder -3421
Fax 0761 / 203-3464
E-Mail joern.leonhard@frias.uni-freiburg.de

Rudolf-Werner Dreier | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-freiburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Spitzenforschung vom Nanodraht bis zur Supernova: Fünf ERC Consolidator Grants für die TU München
14.12.2017 | Technische Universität München

nachricht Leibniz-Preise 2018: DFG zeichnet vier Wissenschaftlerinnen und sieben Wissenschaftler aus
14.12.2017 | Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

Materialinnovationen 2018 – Werkstoff- und Materialforschungskonferenz des BMBF

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovativer Wasserbau im 21. Jahrhundert

13.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Was für IT-Manager jetzt wichtig ist

14.12.2017 | Unternehmensmeldung

30 Baufritz-Läufer beim 25. Erkheimer Nikolaus-Straßenlauf

14.12.2017 | Unternehmensmeldung

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungsnachrichten