Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Innovation und Erlösung

20.07.2010
Zum zweiten Mal wurde der Carl-Gareis-Preis verliehen – „Höchste Förderpriorität“ für Bayreuther Graduiertenkolleg
Von Dr. Martin Otto

Was unterscheidet einen Abwassermeister von einem Juristen? Der Regensburger Zivilrechtler Professor Dr. Dieter Schwab hat das geltende Recht nach dem Begriff „Innovation“ durchforstet und dabei festgestellt, dass von Abwassermeisterinnen und Abwassermeistern „Fähigkeit zur Innovation“ verlangt wird. In den Ausbildungsordnungen der Juristen ist diese Eigenschaft bislang nicht enthalten.

Dass Juristen gleichwohl zur Innovation fähig sind, verdeutlichte Schwab in seinem brillanten Festvortrag „Juristische Innovation“ anlässlich der Feierstunde zur Verlängerung des Bayreuther Graduiertenkollegs „Geistiges Eigentum und Gemeinfreiheit“ und der Verleihung des Carl-Gareis-Preises.

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Graduiertenkolleg besteht seit 2006. Jetzt wurde es bis 2015 verlängert. Auch bei dem „Geistigen Eigentum“ – zu diesem Rechtsgebiet gehört auch der rechtliche Schutz technischer Innovationen, etwa durch Patente – hatte es sich um eine juristische Innovation gehandelt; einem römischen Juristen wäre der Gedanke eines Eigentums an geistigen, also nichtkörperlichen Schöpfungen kaum zu vermitteln gewesen.

In einem rechtshistorischen Überblick zeichnete Schwab die Geschichte juristischer Innovationen nach. Mit dem Verfall des Römischen Rechts sei ein Bedürfnis für neue juristische Begriffe entstanden. Oft verlief das nicht ohne Konflikte; die „Anfechtung“, die rückwirkende Vernichtung eines Rechtsgeschäfts, war dem germanischen Rechtsdenken fremd. Oft bestand ein Gegensatz zwischen Innovation und Althergebrachtem, zwischen „Lex Nova“, dem Gesetz der Christen, und den „Gewohnheiten der Heiden“. Als „eine der großartigsten juristischen Innovationen überhaupt“ bezeichnete Schwab die juristische Person. Dass Gerichte dieser Innovation zunehmend Persönlichkeitsrechte, eine andere Innovation, zusprechen, sah Schab aber skeptisch. Schon sei von einer „Ehre des Frankfurter Flughafens“ die Rede – wann werde juristischen Personen wohl eine Intimsphäre zugestanden?

Vieles, was aktuell als Innovation bezeichnet werde, sei nur „Wortgeklingel“, zu dem auch der zunehmende Gebrauch der englischen Sprache verführe. Als eine Distanzierung von der Wissenschaftssprache Englisch wollte Schwab dies aber ausdrücklich nicht verstanden wissen. Und auch das fortbestehende Bedürfnis nach juristischen Innovationen nicht bestreiten.

Für viele juristische Innovationen zeichneten, so Schwab, gerade Juristen mit einem historischen Zugang zum Recht verantwortlich, darunter viele Rechtshistoriker. Zu ihnen gehörte auch der Zivilrechtler Carl Gareis (1844-1923), der in Würzburg, Bern, Könisgberg, Gießen und München lehrte und als „Erfinder“ der Persönlichkeitsrechte gilt. Viele Jahre war er vergessen, erst allmählich wird er von der rechtshistorischen Forschung „wiederentdeckt“. Als junger Referendar hatte Gareis ab 1869 auch in Bayreuth gelebt, seit 2009 vergibt die Bayreuther Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät einen „Carl- Gareis-Preis“ für herausragende Bayreuther Dissertationen auf dem Gebiet der Rechtsgeschichte oder des Geistigen Eigentums.

Dieses Jahr wurde Franz Hofmann ausgezeichnet. Der 1981 geborene Rechtsreferendar darf sich selber zu den juristischen Innovateuren rechnen: In seiner 2009 erschienen und von Ansgar Ohly betreuten Dissertation entwickelte er eine Lehre der „immaterialgüterrechtlichen Anwartschaftsrechte“.

Dass die Auszeichnung von Hofmann mit der Feierstunde zur Verlängerung des Graduiertenkollegs zusammenfiel, war kein Zufall, denn auch die preisgekrönte Arbeit war im Bayreuther Graduiertenkolleg entstanden. Über 30 Dissertationen wurden seit Errichtung in dem Kolleg geschrieben, die meisten mit der Bestnote bewertet, daneben erschienen zahlreiche Sammelbände und eine bereits in zweiter Auflage vorliegende und in der Praxis bewährte Vorschriftensammlung zum Geistigen Eigentum. Derzeit arbeiten in dem Graduiertenkolleg rund 20 Kollegiaten.

Graduiertenkollegssprecher Diethelm Klippel und sein Stellvertreter Ansgar Ohly erinnerten in zwei kurzen Ansprachen an die Gründung des Kollegs, als die spätere Erfolgsgeschichte noch nicht absehbar war. Dekan Jochen Sigloch bezeichnete die Errichtung des Kollegs 2006 durch die DFG als eine „Erlösung“ für die Fakultät. Bei dem obligatorischen Berichtskolloquium der DFG-Anfang 2010 erhielt das Kolleg nun Bestnoten und höchste Förderpriorität. Jetzt kann es viereinhalb Jahre weitergehen. Weitere Innovationen zum Recht des Geistigen Eigentums sind aus Bayreuth zu erwarten. Und weiterhin gilt für viele Immaterialgüterrechtler, was Carl Gareis 1919 schrieb: „Es war recht angenehm und heiter zu leben in Bayreuth“.

Frank Schmälzle | Universität Bayreuth
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Space Exploration Masters 2017: Topaktueller Innovationswettbewerb
22.06.2017 | AZO Anwendungszentrum GmbH Oberpfaffenhofen

nachricht Otto-Hahn-Medaille für Jaime Agudo-Canalejo
21.06.2017 | Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Im Focus: Forscher entschlüsseln erstmals intaktes Virus atomgenau mit Röntgenlaser

Bahnbrechende Untersuchungsmethode beschleunigt Proteinanalyse um ein Vielfaches

Ein internationales Forscherteam hat erstmals mit einem Röntgenlaser die atomgenaue Struktur eines intakten Viruspartikels entschlüsselt. Die verwendete...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

Forschung zu Stressbewältigung wird diskutiert

21.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Individualisierte Faserkomponenten für den Weltmarkt

22.06.2017 | Physik Astronomie

Evolutionsbiologie: Wie die Zellen zu ihren Kraftwerken kamen

22.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Spinflüssigkeiten – zurück zu den Anfängen

22.06.2017 | Physik Astronomie