Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ernst Schering Preis für Forschungsduo aus London

25.03.2010
Am 28. September 2010 verleiht die Schering Stiftung in Berlin den diesjährigen Ernst Schering Preis für international herausragende Leistungen im Bereich der medizinischen, biologischen und chemischen Grundlagenforschung. Der Preis geht erstmals an zwei Wissenschaftler. Preisträger sind Professor em. Sir Ravinder N. Maini und Professor Marc Feldmann vom Kennedy-Institut für Rheumatologie am Imperial College London, die für ihren Kampf gegen rheumatoide Arthritis und andere Autoimmunerkrankungen geehrt werden.

Prägend für das Werk der beiden Preisträger ist ihre langjährige enge und fruchtbare Zusammenarbeit sowie die gegenseitige Ergänzung ihrer Fähigkeiten und Interessen. Diesem Umstand verdanken sie wahrscheinlich ihre führende Rolle in dem schwierigen Prozess, die Forschungserkenntnisse aus dem Labor für den medizinischen Fortschritt zum Wohle der Patienten zu nutzen.

DIE FORSCHUNGSARBEITEN VON MARC FELDMANN UND RAVINDER MAINI
Seit Beginn der 1980er Jahre widmen sich Ravinder Maini und Marc Feldmann der Erforschung der molekularen Grundlagen der rheumatoiden Arthritis (Gelenkrheumatismus), einer weit verbreiteten Autoimmunerkrankung. Dabei entwickelten sie im Rahmen ihrer Zusammenarbeit einen neuen Therapieansatz, der seitdem Millionen Patienten auf der ganzen Welt zugute kommt.

Die Forschungstätigkeit von Feldmann, Maini und ihrer Gruppe führte zur Entwicklung einer neuen Medikamentengruppe zur Neutralisierung des Abwehrmoleküls Tumor-Nekrose-Faktor (TNF), welches die Entzündung und Gewebezerstörung nicht nur bei rheumatoider Arthritis, sondern auch bei Psoriasis-Arthritis, Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew), Morbus Crohn und Colitis ulcerosa steuert.

TNF-Blocker - es handelt sich dabei entweder um monoklonale Antikörper oder um TNF-Rezeptorfusionsproteine - sprechen bei der Mehrheit der Patienten an, selbst dann, wenn frühere Therapien versagt haben, und kommen heutzutage bei Patienten mit schwereren Formen dieser Krankheiten zum Einsatz. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass die Zerstörung der Gelenke gestoppt und die Lebensqualität erheblich verbessert wird, weshalb diese Medikamente von Patienten sehr geschätzt werden.

Der Durchbruch kam bei der Erforschung der Schlüsselmoleküle, die den Krankheitsverlauf der rheumatoiden Arthritis regulieren. Während viele Forscherteams ihr Augenmerk auf die Zellen des Immun- und Entzündungssystems richteten, konzentrierten sich Maini und Feldmann auf eine Gruppe von Proteinmolekülen, die bei der interzellulären Kommunikation eine wichtige Rolle spielen - die Zytokine, die an vielen wichtigen biologischen Prozessen, einschließlich Immunitäts- und Entzündungsprozessen, beteiligt sind. Feldmann und Maini entwickelten neuartige Techniken, um Krankheitsgewebe menschlicher Herkunft zu analysieren und herauszufinden, welche Zytokine lokal produziert wurden. Sie konnten eine abnorm hohe Produktion von Zytokinen feststellen, was nahelegte, dass der Krankheitsverlauf durch einen Anstieg pro-inflammatorischer Zytokine gesteuert wurde. Aber von welchem Zytokin genau? Mittels einer Untersuchung von menschlichen Gewebekulturen konnte Fionula M. Brennan zusammen mit dem Team von Feldmann und Maini im Jahr 1989 nachweisen, dass ein Zytokin namens TNF-alpha die Fähigkeit hatte, die Menge an anderen pro-inflammatorischen Zytokinen zu erhöhen.

Die Blockade von TNF-alpha in Tiermodellen von Arthritis war effektiv und untermauerte die wissenschaftliche Hypothese, dass es zur Abmilderung der Krankheit ausreichen könnte, eines der zahlreichen pro-inflammatorischen Zytokine zu blockieren. Im Jahr 1992 leiteten Maini und Feldmann die ersten klinischen Tests von TNF-Blockern bei Gelenkrheumapatienten, bei denen alle anderen Therapien fehlgeschlagen waren. Diese Tests wurden am Charing Cross Hospital durchgeführt, das später Teil des Imperial College Healthcare NHS Trust wurde. Die Resultate waren bemerkenswert, bei allen Patienten zeigte sich eine deutliche Verbesserung.

Maini und Feldmann leiteten auch die Studien, die zur Zulassung des ersten TNF-Blockers führten, d.h. sie entwickelten nicht nur eine Hypothese, sondern überprüften sie auch im Labor, verifizierten sie in der Praxis und - was für Wissenschaftler ungewöhnlich ist - begleiteten den ganzen Prozess bis zur Zulassung der Medikamente durch die zuständigen Behörden in Europa und den USA.

Die Forschungsarbeiten der beiden Londoner Professoren legten den Grundstein für die fünf momentan zugelassenen TNF-Blocker - etanercept (1998), infliximab (1999), adalimumab (2002) sowie certolizumab und golimumab (2009). Ihre Arbeit führte darüber hinaus zu einem besseren Verständnis für die Bedeutung eines neuen medizinischen Behandlungszweigs - der Anti-Zytokin-Therapie, die auch die Blockade von anderen Zytokin-Botenstoffen, z.B. IL-6 und IL-17 zum Inhalt hat. Der medizinische und später auch kommerzielle Erfolg von TNF-Blockern veranlasste die Pharmafirmen zu einem Strategiewechsel; nach anfänglicher Nichtbeachtung sind monoklonale Antikörper und verwandte Proteine jetzt als eine Hauptquelle von Therapeutika anerkannt.

BIOGRAPHISCHE ANGABEN ZU MARC FELDMANN
Professor Marc Feldmann wurde als Kind einer jüdischen Familie im polnischen Lemberg nahe der russischen Grenze geboren. Seine Familie zog unmittelbar nach Kriegsende nach Frankreich und dann nach Australien, wo er an der Universität Melbourne Medizin studierte und an dem renommierten Walter and Eliza Hall Institute of Medical Research unter Anleitung von Sir Gus J.V. Nossal in Immunologie promovierte. Als Postdoc ging er nach London, um mit Avrion Mitchison an der ICRF Tumour Immunology Unit zu arbeiten, und wurde nach seinem Wechsel ans Kennedy-Institut für Rheumatologie (KIR) 1986 Professor für Immunologie an der Universität London. In der Forschung konzentrierte er sich anfänglich auf Zellinteraktionen und ihre Mediatoren, Zytokine, in Autoimmunerkrankungen. 2002 trat Professor Feldman die Nachfolge von Professor Maini als Direktor des KIR an und hat seitdem gemeinsam mit Kollegen auch die Rolle von Zytokinen in anderen lebensbedrohlichen Herz- und Gehirnkrankheiten erforscht. Die Entwicklung der Anti-TNF-Therapie erhielt wissenschaftliche Anerkennung durch die Royal Society (UK) und die Australische Akademie der Wissenschaften und wurde 2007 mit der European Inventor of the Year-Auszeichnung gewürdigt. Prof. Maini und Prof. Feldmann erhielten zusammen eine Reihe von internationalen Auszeichnungen, darunter den Crafoord-Preis der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften (2000), den Lasker Clinical Medical Research Award (2003) und den Dr. Paul Janssen Award (2008).
BIOGRAPHISCHE ANGABEN ZU RAVINDER MAINI
Prof. em. Sir Ravinder N. Maini wurde 1937 in Ludhiana im indischen Punjab geboren, lebte aber überwiegend in Großbritannien. Nach einem Bachelor of Science am Sidney Sussex College, Cambridge, und seiner medizinischen Ausbildung in London arbeitete er vierzig Jahre lang als Arzt und klinischer Forscher am Kennedy-Institut und in verschiedenen Londoner Krankenhäusern (1962-2002). Ende der 1960er Jahre forschte er im Labor von Dudley Dumonde als einer der Ersten über Botenstoffmoleküle, die von menschlichen Lymphozyten ausgeschüttet werden und als Mediatoren immunologischer Reaktionen fungieren. Von da an kombinierte er die immunologische Laborforschung mit der klinischen Praxis. 1979 wurde er zum Professor für Immunologie/Rheumatologie an der Charing Cross and Westminster Medical School und gleichzeitig zum Leiter der Laborabteilung für Klinische Immunologie am Kennedy-Institut für Rheumatologie (KIR) ernannt. 1990 wurde er Wissenschaftlicher Direktor am KIR; von August 2000 bis September 2002 leitete er das Institut im Zuge seiner Fusion mit dem Imperial College London. Von November 2002 bis zu seinem Ausscheiden aus der klinischen Praxis im Jahr 2007 war Maini Emeritus Honorary Consultant Physician am Charing Cross Hospital and Hammersmith Hospitals Trust, London. Seit November 2002 ist er Emeritus für Rheumatologie am Imperial College London. Für seine Beiträge zur Wissenschaft erhielt Maini zahlreiche renommierte Preise, oft gemeinsam mit Feldmann, darüber hinaus wurde er in die Royal Society (UK) aufgenommen und 2003 von Ihrer Majestät Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen.
DIE SCHERING STIFTUNG
Die unabhängige und gemeinnützige Schering Stiftung wurde 2002 durch die Schering AG, Berlin, gegründet und dient der Förderung von Wissenschaft und Kultur mit einem besonderen Fokus auf den Naturwissenschaften sowie der zeitgenössischen Kunst. Darüber hinaus fördert die Stiftung die wissenschaftliche und kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen sowie den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Einen wichtigen Schwerpunkt bildet die Förderung von Projekten in Grenzbereichen, insbesondere an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Das Stiftungsvermögen beträgt 35 Millionen Euro.

Der mit 50.000 Euro dotierte Ernst Schering Preis ist einer der renommiertesten deutschen Wissenschaftspreise. Er wurde 1991 von der Schering Forschungsgesellschaft ins Leben gerufen und wird jährlich vergeben. Seit 2003 wird der Preis von der Schering Stiftung verliehen. Ausgezeichnet werden herausragende Leistungen auf internationaler Ebene im Bereich der medizinischen, biologischen und chemischen Grundlagenforschung.

WICHTIGE TERMINE IM ÜBERBLICK

Preisverleihung "Ernst Schering Preis 2010"
28. September 2010, 18.00 Uhr, Berlin, Teilnahme nur auf Einladung
Pressekonferenz mit den Preisträgern
28. September 2010, 11.00 Uhr
Schering Stiftung | Unter den Linden 32-34 | 10117 Berlin
Die Einladungen zur Pressekonferenz werden Anfang September versandt.
Vorträge der Preisträger
29. September 2010, 10.00 Uhr: Vortrag vor Schülern in Berlin-Tegel, nicht öffentlich
29. September 2010, 16.00 Uhr: Öffentlicher Vortrag an der Charité Berlin
Der genaue Veranstaltungsort wird auf der Website der Schering Stiftung bekannt gegeben.
Der Vortrag in englischer Sprache richtet sich hauptsächlich an Wissenschaftler und Studenten.

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Andrea Lehmann
Projektmanagerin
Schering Stiftung | Unter den Linden 32-34 | 10117 Berlin
Tel.: +49-(0)30-20 62 29 60 | lehmann@scheringstiftung.de

Andrea Lehmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.scheringstiftung.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Sechs innovative Projekte sind im Rennen um den begehrten European Health Award 2017
17.08.2017 | European Health Forum Gastein

nachricht ERC-Grants: Fünf neue Projekte an der LMU
11.08.2017 | Ludwig-Maximilians-Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie