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Dr. Leopold Lucas-Preis 2011 an Avishai Margalit verliehen

23.05.2011
Universität Tübingen zeichnet politischen Sozialphilosophen aus Israel aus

Der mit 50.000 Euro dotierte Dr. Leopold-Lucas-Preis geht in diesem Jahr an den israelischen Philosophen Avishai Margalit. Er erhält den Preis, wie es in der Verleihungsurkunde heißt, als „international renommierter Wissenschaftler, der vor allem mit seinem Entwurf zu einer ‚anständigen Gesellschaft‘ (decent society), mit seiner Rekon-struktion des ‚Okzidentalismus‘, mit seiner Analyse des Kompromisses und mit seiner Theorie der Erinnerung wichtige Konstitutions-bedingungen der menschlichen Lebenswelt in profunder Weise phänomenologisch erhellt, epistemologisch erschlossen sowie ethisch durchmessen und damit maßgeblich zur Steigerung unserer politischen Urteilskraft beigetragen hat.“

Avishai Margalit hatte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 die renommierte Shulman-Professur für Philosophie an der Hebräischen Universität von Jerusalem inne und ist seitdem George F. Kennan-Professor am Institute for Advanced Study in Princeton (School of Historical Studies).

Der Festakt aus Anlass der Preisverleihung findet am Dienstag, 24. Mai, um 17.15 Uhr im Festsaal der Neuen Aula, Geschwister-Scholl-Platz statt. Die Laudatio auf den Preisträger hält der Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Volker Drehsen. Avishai Margalit hält anschließend den Festvortrag zum Thema: „Apostasy“.

Der Dr. Leopold-Lucas-Preis würdigt alljährlich hervorragende Leist-ungen auf dem Gebiet der Theologie, der Geistesgeschichte, der Geschichtsforschung und der Philosophie. Er ehrt dabei insbesondere Persönlichkeiten, die zur Förderung der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern wesentlich beigetragen und sich durch Veröffent-lichungen um die Verbreitung des Toleranzgedankens verdient gemacht haben. Die Auszeichnung wurde 1972 von dem am 9. Juli 1998 verstorbenen Generalkonsul Franz D. Lucas, ehemals Ehrensenator der Universität Tübingen, zum 100. Geburtstag seines in Theresienstadt umgekommen Vaters, des jüdischen Gelehrten und Rabbiners Dr. Leopold Lucas gestiftet.

Die Evangelisch-Theologische Fakultät vergibt den Preis alljährlich im Namen der Universität Tübingen. Zu den bisherigen Preisträgern gehörten prominente Gelehrte wie Schalom Ben-Chorin (1974), Karl Raimund Popper (1981), Karl Rahner (1982), Fritz Stern und Hans Jonas (1984), Paul Ricoeur (1989), Michael Walzer (1998), André Chouraqui (1993), Moshe Zimmermann (2002), Yosef Hayim Yerushalmi (2005) und Dieter Henrich (2008) sowie Repräsentanten des religiösen und kirchlichen Lebens wie der 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso (1988), der polnische Erzbischof Henryk Muszynski (1997) und der evangelische Bischof Eduard Lohse (2007) oder Vertreter aus Kultur und Politik wie der frühere senegalesische Staats-präsident und Dichter Léopold Sédor Senghor (1983) und der Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (2000). Der Preisträger des vorigen Jahres war der amerikanische Religions-soziologe Peter L. Berger.

Avishai Margalit wurde 1939 im palästinensischen Afula geboren und wuchs in Jerusalem auf. Nach dem Studium der Philosophie und Wirtschaftswissenschaften in Jerusalem leistete er seinen Wehrdienst in der Nahal-Fallschirmjäger-Einheit ab, die im Sechs-Tage-Krieg am 7. Juni 1967 an der Eroberung von Ost-Jerusalem beteiligt war. Nach einem Gaststudium am Queen´s College der Universität Oxford schloss er sein Studium mit einer Doktorarbeit über den kognitiven Status von Metaphern ab, die 1970 beim renommierten Philosophen, Mathematiker und Linguisten Yehoshua Bar-Hillel entstanden ist. Gleichzeitig engagierte sich Margalit vielfältig in dem Teil der israelischen Friedensbewegung, die sich im israelisch-palästinensischen Konflikt energisch für die Zwei-Staaten-Lösung einsetzt.

Margalits akademische Lehrtätigkeit begann 1970 zunächst als Lecturer, später als Senior Lecturer (seit 1973) und Associate Professor an der Hebräischen Universität in Jerusalem (1980), bis er schließlich 1998 die Shulman-Professur für Philosophie übernahm. Zahlreiche Gastprofessuren und ausländische Forschungsaufenthalte u.a. in Harvard, Oxford, Berlin (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung), Princeton und New York begründeten seinen Weltruf ebenso wie die regelmäßigen publizistischen Kommentare zur Weltpolitik in der New York Review of Books, von denen 1998 eine Auswahl unter dem Titel „Views and Reviews“ als Sammelband erschienen ist. Ein Jahr später wurde er zur Horkheimer-Vorlesung nach Frankfurt am Main, 2005 zu den Tanner Lectures on Human Values nach Stanford, schließlich auf die erste Bertelsmann Professur nach Oxford eingeladen (2001/02). Seine wissenschaftliche Arbeit wurde durch zahlreiche Ehrungen international gewürdigt. So erhielt er im Jahr 2001 den Spinoza-Lens-Preis für hervorragende Beiträge zur Wertedebatte der Gesellschaft, 2007 den EMET-Preis für Wissenschaft, Kunst und Kultur sowie 2010 den Israel Preis für Philosophie. Margalit war mit der 2010 verstorbenen Jerusalemer Philosophieprofessorin Edna Ullman-Margalit verheiratet, mit der er vier Kinder hat.

Im Zentrum seiner Überlegungen zur praktischen Philosophie steht die Konzeption einer „anständigen“ Gesellschaft (The Decent Society, 1996, deutsch: Politik der Würde. Über Achtung und Verachtung, 1999), die er in kritischer Auseinandersetzung mit John Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit (1971) entwickelt hat. Charakteristisch für eine anständige Gesellschaft ist es nach Margalits Urteil, dass ihre schwächeren Mitglieder durch die sozialen Institutionen nicht systematisch erniedrigt, gedemütigt oder entwürdigt werden. In dieser „negativen“ Perspektive bedeutet das Ideal einer anständigen Gesellschaft mehr als das einer zivilisierten, gewaltfreien Gesellschaft und weniger als das einer gerechten Gesellschaft. Der Verzicht auf „institutionelle Demütigung“ erlaubt vielmehr eine realistische „Politik der Würde“, durch die Menschen ungeachtet ihrer Person als Menschen und nicht als „Maschinen“, „Nummern“, „Tiere“ oder Untermenschen behandelt werden. In dieser praktisch-philosophischen Leitperspektive untersucht Margalit in vielfältigen Bezügen ebenso skeptisch wie konstruktiv die vorrangigen politischen Konsequenzen und Handlungsalternativen einer humanen Politikpraxis, die auf Entwürdigungsstrategien verzichten kann und stets darauf bedacht ist, eher das Übel in der Gesellschaft zu vermeiden als sich mit der angestrebten Verwirklichung des Guten zu überanstrengen. Mit dem Leitbild einer anständigen Gesellschaft gelingt es Margalit, jedem politischen Pragmatismus eine unverzichtbare ethisch-moralische Dimension einzuzeichnen.

Margalits Ansatz, praktische Philosophie als moralisches Regulativ politischer Grundorientierung zu veranschlagen, hat er auch in seinen weiteren Publikationen mit unterschiedlicher Akzent-setzung an aktuellen Konfliktbeispielen durchdekliniert. Dazu gehören unter anderem die Studien zu einer Ethik der Erinnerung (2002) und zu einer Theorie des politischen Kompromisses (On Compromise and Rotten Compromises, 2009, soeben in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Über Kompromisse – und faule Kompromisse“ im Suhrkamp Verlag erschienen) sowie seine ideologiekritische Rekonstruktion der Weltsicht, die ein fundamentalistischer Islam vom Westen hat (mit Ian Buruma: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde, 2005). In all seinen Schriften erweist sich Margalit immer wieder als ein intellektuell luzider Kommentator und Kompass in der Perspektivierung einer pragmatischen Politik, die sich grundlegend und nach-haltig am Leitbild menschlicher Würde orientiert. So wird mit der Verleihung des diesjährigen Dr. Leopold-Lucas-Preises an den politischen Sozialphilosophen Avishai Margalit ein inspirierender Verfechter der „anständigen Gesellschaft“ und der vernünftigen Verständigung zwischen Menschen und Völkern ausgezeichnet.

Dr. Leopold Lucas wurde am 18. September 1872 in Marburg geboren. Er entstammte einer seit Anfang des 17. Jahrhunderts in Marburg ansässigen jüdischen Familie. Lucas studierte in Berlin Geschichte und jüdische Wissenschaft sowie Philosophie und orientalische Sprachen. 1895 wurde er in Tübingen mit einer Dissertation über die "Geschichte der Stadt Tyrus zur Zeit der Kreuzzüge" zum Doktor der Philosophie promoviert. Im Jahre 1899 wurde er als Rabbiner nach Glogau berufen. Er diente dieser traditionsreichen jüdischen Gemeinde vier Jahrzehnte lang als Lehrer, Prediger und Seelsorger. Unermüdlich war Leopold Lucas während seines ganzen Lebens wissenschaftlich tätig. Sein besonderes Arbeitsgebiet war die Geschichte der Juden in den ersten christlichen Jahrhunderten. Lucas war 1902 Initiator der "Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums", deren Leitung er sich mit Martin Philippson teilte. Im Jahr 1940 folgte Lucas einem Ruf an die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin – zu einer Zeit also, in der die Vernichtung der Juden in Deutschland beschlossene Sache war und begonnen hatte. Am 17. Dezember 1942 wurde Leopold Lucas zusammen mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert. Auch hier wirkte er noch als Seelsorger seiner Leidensgenossen. Er erlag am 13. September 1943 den Strapazen des Konzentrationslagers. Frau Dorothea Lucas wurde im Oktober 1944 nach Auschwitz verschleppt und umgebracht.

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