Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Crash-Simulationen an Molekülstrukturen

06.08.2009
Zienkiewicz-Preis 2008 an Dr.-Ing. Jens Wackerfuß

Dr. Jens Wackerfuß vom Fachgebiet Festkörpermechanik der TU Darmstadt wird am 23. Oktober 2009 in London mit dem "Zienkiewicz Medal and Prize 2008" ausgezeichnet.

Er erhält den Preis für seine Veröffentlichung "Molecular mechanics in the context of the finite element method". Dr. Wackerfuß ist der erste deutsche Wissenschaftler, der diese Auszeichnung erhält.

In seiner Veröffentlichung stellt Jens Wackerfuß ein effizientes numerisches Verfahren vor, das zur Simulation des mechanischen Verhaltens von atomaren Strukturen dient. Ähnliche Verfahren werden bereits in unterschiedlichen Bereichen der Ingenieurwissenschaften verwendet, zum Beispiel bei Crash-Simulationen in der Automobilindustrie.

Motiviert wurde die Arbeit von Dr. Wackerfuß durch die jüngst erzielten Fortschritte bei der systematischen Herstellung von Molekülstrukturen. Derartige Strukturen besitzen ein großes Anwendungspotential im Bereich der Nanotechnologie. Da experimentelle Untersuchungen an diesen winzigen Bauteilen sehr aufwendig sind, spielen computerunterstützte Simulationsverfahren eine immer wichtigere Rolle.

Dr. Wackerfuß setzte das von ihm entwickelte numerische Verfahren zur Untersuchung von "carbon nanotubes" (CNTs) ein. CNTs zeichnen sich durch hervorragende mechanische, elektrische und optische Eigenschaften aus und spielen daher eine wichtige Rolle bei neuen Anwendungen im Bereich der Nanotechnologie. Ein CNT besteht aus Kohlenstoffatomen, die in einem hexagonalen Gitter angeordnet und zu einer zylinderförmigen Struktur aufgerollt sind. Der in der Abbildung 1 schematisch (in drei senkrecht zueinander stehenden Ansichten) dargestellte CNT besteht aus insgesamt 799 Atomen.

Ein Defekt in Form eines fehlenden Atoms wurde in der Mitte der ca. vier Nanometer langen Struktur eingeführt. Zur Bestimmung der Torsionsfestigkeit des CNT werden die beiden Enden schrittweise axial gegenseitig verdreht. Der gesamte Deformationsprozess konnte an einem normalen Arbeitsplatzrechner innerhalb weniger Sekunden berechnet werden, was die Effizienz des neu entwickelten Verfahrens zeigt. Das Ergebnis der Finite-Element-Simulation ist in Abbildung 2 und 3 in Form des deformierten CNT dargestellt. Man erkennt deutlich das Ausbilden eines Scherbandes, das sich - ausgehend von der Defektstelle - diagonal über die Struktur erstreckt.

Im Detail
Jens Wackerfuß ist es gelungen, die mathematischen Gleichungen der Molekularmechanik in den Formalismus der Finite-Element-Methode (FEM) systematisch einzubetten. Dabei wird in erster Linie das mathematische Gerüst der modular aufgebauten FEM ausgenutzt; eine Approximation im eigentlichen Sinne eines Diskretisierungsverfahrens findet dagegen nicht statt.

Die von Dr. Wackerfuß entwickelte Methode ist in der Lage die Potentialfunktionen, die die interatomaren Wechselwirkungen beschreiben, mathematisch exakt abzubilden. Ausgehend von einer Charakterisierung und Parametrisierung der interatomaren Wechselwirkung gelingt es ihm erstmals, einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem spezifischen Wechselwirkungsverhalten und dem zugehörigen Finite-Elementtyp herzustellen. Das Verfahren kann somit auf beliebige atomare Strukturen angewendet werden.

Einfach integrierbar
Die Methode lässt sich einfach in bereits existierende Finite-Element-Codes implementieren. Dazu werden die neu entwickelten Elementtypen mit Hilfe der üblichen Schnittstellen in den Code eingebettet. Zur mechanischen Analyse von atomaren Strukturen kann somit automatisch auf alle im jeweiligen Code bereits implementierten Tools zurückgegriffen werden. Dies betrifft, neben effizienten Gleichungslösern oder dem "Postprocessing", auch spezielle numerische Verfahren, die zum Lösen besonderer Ingenieurprobleme (z.B. mechanische Instabilitäten) entwickelt wurden. Wie Dr. Wackerfuß in seiner Arbeit gezeigt hat, ist auch die Kombination der von ihm entwickelten Finite-Elemente mit Standard-Finite-Elementen möglich. Eine Eigenschaft, die beispielsweise bei der Entwicklung von Mehrskalenmodellen ausgenutzt werden kann.
Leicht übertragbar
Eine weitere Anwendung findet die von Dr. Wackerfuß entwickelte Methode im Bereich der Biochemie. Wissenschaftler einer Forschungseinrichtung in Heidelberg, die sich mit der Modellierung von Molekülen und Zellen beschäftigen, sind auf die Veröffentlichung von Dr. Wackerfuß aufmerksam geworden. Mittlerweile besteht eine Kooperation mit dem Ziel, die entwickelte Methode für die Beschreibung von Dockingprozessen bei Proteinen einzusetzen.
Zum wissenschaftlichen Werdegang von Dr. Wackerfuß:
Jens Wackerfuß studierte Bauingenieurwesen an der Technischen Universität Darmstadt. Nach seinem Diplomabschluss im Jahre 1997 arbeitete er drei Jahre als Projektleiter in einem Darmstädter Ingenieurbüro. Mit dem Ziel der Promotion kehrte er im Jahre 2000 wieder an seine Alma Mater zurück. Zum Thema "Theoretische und numerische Beiträge zur Beschreibung von Lokalisierungsphänomenen in der Strukturmechanik" promovierte er im Jahre 2005.

In der daran anschließenden Postdoc-Phase forschte er ein Jahr an der renommierten University of California, Berkeley (USA). Während dieser Zeit entstand die nun prämierte Forschungsarbeit. Zurzeit ist Dr. Wackerfuß Habilitand bei Prof. Dr.-Ing. habil. F. Gruttmann am Fachgebiet Festkörpermechanik der TU Darmstadt.

Zum Preis:
Der Preis wird zu Ehren von Prof. Zienkiewicz verliehen, einem britischen Mathematiker und einem der Pioniere der Finite-Element-Methode. Er wurde 1998 vom Verlag John Wiley & Sons Ltd. gestiftet. Seitdem wird diese internationale Auszeichnung (Medaille und £ 1.000) alle zwei Jahre an einen promovierten Wissenschaftler unter 40 Jahren für eine herausragende Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Numerischen Verfahren im Ingenieurwesen vergeben.

Die Jury um Prof. Zienkiewicz zeichnete Jens Wackerfuß für seine Veröffentlichung "Molecular mechanics in the context of the finite element method" aus, die im "International Journal for Numerical Methods in Engineering" im Juli 2008 akzeptiert und im Februar 2009 publiziert wurde.

Kontaktadresse:
Dr.-Ing. Jens Wackerfuß
Fachgebiet Festkörpermechanik
Fachbereich Bauingenieurwesen und Geodäsie
Technische Universität Darmstadt
wackerfuss@mechanik.tu-darmstadt.de
Tel. 06151/ 16-2991

Jörg Feuck | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-darmstadt.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Neues Helmholtz-Institut in Würzburg erforscht Infektionen auf genetischer Ebene
24.05.2017 | Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren

nachricht CRTD erhält 1.56 Millionen Euro BMBF-Förderung für Forschung zu degenerativen Netzhauterkrankungen
24.05.2017 | DFG-Forschungszentrum für Regenerative Therapien TU Dresden

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten