Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tiefe Hirnstimulation hilft bei seltener Krankheit

06.11.2007
Priv.-Doz. Dr. Lars Timmermann erhält den Forschungs-Förderpreis der Klüh-Stiftung: Der Preis für die herausragende Arbeit zu seltenen Krankheiten geht dieses Jahr an den Mediziner der Uniklinik Köln für seine Erforschung einer seltenen Bewegungskrankheit. Die feierliche Übergabe erfolgte im Berliner Hotel Adlon durch die Schirmherrin Eva Louise Köhler.

Prämiert wurde das Forschungsprojekt von Dr. Timmermann zu einer seltenen Bewegungsstörung, die heute als "Neurodegeneration with Brain Iron Accumulation" (NBIA, früher Hallervorden-Spatz-Syndrom) bezeichnet wird. Als Leiter der Arbeitsgruppe "Tiefe Hirnstimulation und Bewegungsstörungen" beschäftigt sich Dr. Timmermann seit Jahren intensiv mit neurologischen Bewegungsstörungen (z.B. Morbus Parkinson) und deren Therapie durch die Tiefe Hirnstimulation.

Die Klüh-Stiftung zur Förderung der Innovation in Wissenschaft und Forschung verleiht den mit 25.000 EUR dotierten Forschungspreis auf dem Gebiet der Seltenen Erkrankungen jährlich. Dr. Timmermann, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Uniklinik Köln (Direktor Univ.-Prof. Dr. G. R. Fink) und seine Arbeit wurde unter 50 Bewerbern ausgewählt.

NBIA betrifft meist Kinder und Jugendliche, selten auch Erwachsene, und geht neben einer Störung von Konzentration und Gedächtnis, vor allem mit schweren, willkürlich nicht beeinflussbaren Muskelverspannungen ("Dystonie") einher. Fallberichte hatten in den letzten Jahren den Hinweis gegeben, dass die Tiefe Hirnstimulation zu dramatischen Verbesserungen der klinischen Situation der Patienten führen kann.

Die Tiefe Hirnstimulation ist ein Verfahren, bei dem Elektroden in überaktive Hirnareale platziert werden und durch gezielte Elektrostimulation die krankhafte Nervenzell-Überaktivität und damit der klinische Zustand der Patienten normalisiert werden kann.

Die Datenlage bei Kindern und Jugendlichen mit NBIA für diese Hirnoperation war bislang jedoch ungenügend, so dass die Entscheidung Eltern und Ärzte vor ein sehr großes Problem stellte: welche Patienten sollten zu welchem Zeitpunkt besser operiert werden und welche Patienten eher nicht?

Initiiert von Dr. Lars Timmermann konnte nun eine internationale rückblickende Erhebung in über 15 Ländern in mehr als 20 führenden Implantationszentren diese Lücke schließen. Mit diesen Daten wird in Zukunft die Entscheidung für Eltern und Ärzte für oder gegen eine Operation erleichtert werden. Die bisherige Forschungsförderung des Projektes erfolgte durch die Patienten-Selbsthilfeorganisation Hoffnungsbaum e.V., die NBIA Patienten in Deutschland vertritt.

Um auch in Zukunft Patienten nach einem standardisierten und wohlüberlegtem Schema zu behandeln und die Datenlange langfristig bei internationalen Therapiestandards abzusichern, ähnlich wie bei Kindern mit Blutkrebs, hat die Gruppe von Dr. Timmermann eine prospektive*, internationale Studie aufgelegt, die nun von der Klüh-Stiftung ausgezeichnet wurde und mit dem Förderpreis unterstützt wird. Priv.-Doz. Dr. Timmermann erhält verbunden mit dem Klüh-Forschungspreis 25.000 EUR Forschungsmittel, mit denen dem Kölner Team der Start dieser internationalen Studie ermöglicht wird. Die Klüh-Stiftung zur Förderung der Innovation in Wissenschaft und Forschung fördert seit vielen Jahren gezielt innovative Forschungsprojekte im Bereich der seltenen Erkrankungen, die in den großen Forschungsförderungsinstitutionen meist nicht berücksichtigt werden.

Hintergrund zu NBIA:
NBIA ist eine bislang unheilbare neurologische Erkrankung. Kennzeichnend für alle Formen von NBIA - und spätestens durch eine pathologische Untersuchung feststellbar - ist eine abnorme Eisenspeicherung im Globus pallidus und in der Substantia nigra. Das sind Teile tief im Innern des Gehirns, die zu den Basalganglien (Stammganglien) gehören. Die Basalganglien steuern Bewegungen und Muskelspannung (= Muskeltonus). Salopp formuliert könnte man sagen: sie setzen bei NBIA Rost an. Im Zusammenhang mit den giftigen Eisenablagerungen bilden sich so genannte freie Radikale, die zur fortschreitenden Degeneration des Nervensystems führen. Deshalb gehört NBIA in die Gruppe der neurodegenerativen Krankheiten. Da der Gehirnbereich zerstört wird, der die Bewegungen steuert, gehören zu den Charakteristika des klinischen Verlaufs vor allem Bewegungsstörungen. Es wird geschätzt, dass es pro 1 Million Menschen ca. 1-3 NBIA/HSS - Betroffene gibt. Niemand kennt genaue Zahlen. Möglicherweise sind zur Zeit einige hundert Menschen weltweit daran erkrankt. Auf jeden Fall ist NBIA eine der seltensten Krankheiten überhaupt und gehört damit zu den so genannten "orphan diseases". Das bedeutet "verwaiste Krankheiten". Der Name sagt alles. Denn die Menschen, die an solchen Krankheiten leiden, sind die Waisenkinder der Medizinversorgung.

Eine sichere Diagnose kann beim lebenden Patienten überhaupt erst seit ca. 15-20 Jahren mit Hilfe der Kernspintomografie gestellt werden, neuerdings für einen Großteil der Erkrankungsfälle auch molekulargenetisch. Da derart seltene Erkrankungen wie NBIA/HSS aber manchmal bis heute erst im späteren Stadium, möglicherweise auch gar nicht oder fehlerhaft diagnostiziert werden, ist schwer zu beurteilen, ob die Schätzungen über die Häufigkeit von NBIA wirklich stimmen.

Eine Dunkelziffer ist anzunehmen, auch für Deutschland. Hier gehen vage Schätzungen mittlerweile von bis zu 20 diagnostizierten Patienten aus. NBIA/HSS gibt es in allen Teilen der Welt, beide Geschlechter sind gleichermaßen betroffen.

(www.hoffnungsbaum.de)

*Eine prospektive Studie (lat. prospecto: ausschauen) ist die Überprüfung der Hypothese der medizinischen Wirksamkeit einer Behandlungsmethode unter vorheriger Festlegung, welche Hypothese geprüft werden soll

Ansprechpartner:
PD Dr. Lars Timmermann,
Klinik und Poliklinik für Neurologie
Uniklinik Köln
Tel: 478-7231/7494
Email: lars.Timmermann@uk-koeln.de
Sina Vogt
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Uniklinik Köln
Tel.: 0221 478 5548
Email: pressestelle@uk-koeln.de

Sina Vogt | idw
Weitere Informationen:
http://www.medizin.uni-koeln.de/

Weitere Berichte zu: Bewegungsstörung Hirnstimulation NBIA NBIA/HSS

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Wirtschaftsmagazin Capital: Platz 1 für wohngesundes Bauen geht an das Ökohaus-Unternehmen Baufritz
17.06.2018 | Bau-Fritz GmbH & Co. KG, seit 1896

nachricht Muskelaufbau im Computer: Internationales Team will Entstehung von Myofibrillen enträtseln
13.06.2018 | Technische Universität Dresden

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: AchemAsia 2019 in Shanghai

Die AchemAsia geht in ihr viertes Jahrzehnt und bricht auf zu neuen Ufern: Das International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production findet vom 21. bis 23. Mai 2019 in Shanghai, China statt. Gleichzeitig erhält die Veranstaltung ein aktuelles Profil: Die elfte Ausgabe fokussiert auf Themen, die für Chinas Prozessindustrie besonders relevant sind, und legt den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Innovation.

1989 wurde die AchemAsia als Spin-Off der ACHEMA ins Leben gerufen, um die Bedürfnisse der sich damals noch entwickelnden Iindustrie in China zu erfüllen. Seit...

Im Focus: AchemAsia 2019 will take place in Shanghai

Moving into its fourth decade, AchemAsia is setting out for new horizons: The International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production will take place from 21-23 May 2019 in Shanghai, China. With an updated event profile, the eleventh edition focusses on topics that are especially relevant for the Chinese process industry, putting a strong emphasis on sustainability and innovation.

Founded in 1989 as a spin-off of ACHEMA to cater to the needs of China’s then developing industry, AchemAsia has since grown into a platform where the latest...

Im Focus: Li-Fi erstmals für das industrielle Internet der Dinge getestet

Mit einer Abschlusspräsentation im BMW Werk München wurde das BMBF-geförderte Projekt OWICELLS erfolgreich abgeschlossen. Dabei wurde eine Li-Fi Kommunikation zu einem mobilen Roboter in einer 5x5m² Fertigungszelle demonstriert, der produktionsübliche Vorgänge durchführt (Teile schweißen, umlegen und prüfen). Die robuste, optische Drahtlosübertragung beruht auf räumlicher Diversität, d.h. Daten werden von mehreren LEDs und mehreren Photodioden gleichzeitig gesendet und empfangen. Das System kann Daten mit mehr als 100 Mbit/s und fünf Millisekunden Latenz übertragen.

Moderne Produktionstechniken in der Automobilindustrie müssen flexibler werden, um sich an individuelle Kundenwünsche anpassen zu können. Forscher untersuchen...

Im Focus: First real-time test of Li-Fi utilization for the industrial Internet of Things

The BMBF-funded OWICELLS project was successfully completed with a final presentation at the BMW plant in Munich. The presentation demonstrated a Li-Fi communication with a mobile robot, while the robot carried out usual production processes (welding, moving and testing parts) in a 5x5m² production cell. The robust, optical wireless transmission is based on spatial diversity; in other words, data is sent and received simultaneously by several LEDs and several photodiodes. The system can transmit data at more than 100 Mbit/s and five milliseconds latency.

Modern production technologies in the automobile industry must become more flexible in order to fulfil individual customer requirements.

Im Focus: ALMA entdeckt Trio von Baby-Planeten rund um neugeborenen Stern

Neuartige Technik, um die jüngsten Planeten in unserer Galaxis zu finden

Zwei unabhängige Astronomenteams haben mit ALMA überzeugende Belege dafür gefunden, dass sich drei junge Planeten im Orbit um den Säuglingsstern HD 163296...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz – Schafft der Mensch seine Arbeit ab?

15.06.2018 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Asteroidenforschung in Garching

13.06.2018 | Veranstaltungen

Meteoriteneinschläge und Spektralfarben: HITS bei Explore Science 2018

11.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

EMAG auf der AMB: Hochproduktive Lösungen für die vernetzte Automotive-Produktion

15.06.2018 | Messenachrichten

AchemAsia 2019 in Shanghai

15.06.2018 | Messenachrichten

Dem Fettfinger zu Leibe rücken: Neuer Nanolack soll Antifingerprint-Oberflächen schaffen

15.06.2018 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics