Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Brücken zwischen Leib und Seele

30.01.2007
Am 1. Februar 2007 startet ein Multinationales Projekt unter Heidelberger Führung zum ganzheitlichen Verständnis seelischer Krankheiten / EU-Förderung von 3 Millionen Euro

Mit insgesamt drei Millionen Euro wird die Europäische Union in den nächsten vier Jahren ein multinationales Forschungsprojekt fördern, in dem sich unter Heidelberger Führung neun europäische Fakultäten aus sieben Ländern zusammengeschlossen haben. Das Projekt DISCOS "Disorders and Coherence of the Embodied Self" (Deutsch: Störungen und Einheit des verkörperten Selbst), gemeinsam konzipiert und beantragt von der Psychiatrischen und der Psychosomatischen Universitätsklinik Heidelberg, startet am 1. Februar 2007.

DISCOS zielt darauf ab, die Fundamente der menschlichen Persönlichkeit und deren krankhafte Störungen interdisziplinär zu erforschen. Dabei werden natur- und geisteswissenschaftliche Perspektiven zu ganzheitlichen Erkenntnissen verschmolzen, die zu einem tieferen Verständnis und einer besseren Behandlung von seelischen Krankheiten beitragen.

Europaweites Ausbildungsnetzwerk wird etabliert

... mehr zu:
»DISCOS

Gleichzeitig wird DISCOS ein europaweites Ausbildungsnetzwerk etablieren: Durch gezielte Personalrotation zwischen den Standorten soll die fächer- und kulturübergreifende Kompetenz der beteiligten Forscher aus Neurowissenschaft, Philosophie, Psychiatrie, Psychosomatik und Entwicklungspsychologie weiterentwickelt werden. Von den jungen Forscherinnen und Forschern, die an dem Projekt beteiligt sind, wird deshalb erwartet, dass sie zweimal für jeweils einige Monate an eine andere Universität und in eine andere Disziplin wechseln.

"Das Selbstverständnis des Menschen steckt gegenwärtig in einer Krise", erklärt Professor Thomas Fuchs, Heidelberg. "Diese Krise wirft Fragen auf, die nur in einer gemeinsamen Anstrengung von Natur- und Geisteswissenschaften beantwortet werden können". Der Oberarzt an der Heidelberger Psychiatrischen Klinik ist der Koordinator von DISCOS.

Die bedrohte Einheit des Selbst

"Dass man mit sich selbst identisch ist, erscheint jedem von uns im Alltag so selbstverständlich, dass wir gar nicht darüber nachdenken," so Professor Fuchs. Als ein in einem Körper verankertes Bewusstsein, als Person mit Leib, Seele und Geist befinden wir uns normalerweise mit uns selbst im Einklang, und erleben das, was Wissenschaftler als Selbstkohärenz bezeichnen.

Psychische Erkrankungen wie Schizophrenie, Depressionen oder Borderline-Störungen lassen diese Einheit brüchig werden oder gar zerbrechen. Jeder fünfte Mensch, so schätzen Fachleute, leidet einmal in seinem Leben an einer so ernsten psychischen Störung - mit steigender Tendenz: Der beschleunigte Wandel der Gesellschaft, die Auflösung familiärer Strukturen und der Verfall traditioneller Rollenmuster in den Turbulenzen der Globalisierung erschweren dem Einzelnen die Ausbildung und Beibehaltung einer stabilen Identität.

Gleichzeitig stellen aber auch einzelne Wissenschaften, sei es die Hirnforschung oder die Kultursoziologie, das autonome Selbstbewusstsein des Menschen zunehmend in Frage. Ist das Selbst vielleicht nur eine Einbildung, ein illusionäres Konstrukt des Gehirns? Ist unsere Autonomie eine Selbsttäuschung? Wenn die individuelle Verantwortlichkeit in Zweifel gezogen wird, hat dies weitreichende Folgen für die Gesellschaft.

Gemeinsame Erkenntnisse zum Selbst erarbeiten

Die bedrohte Einheit des Selbst stellt die Gesellschaft vor grundlegende kulturelle, wissenschaftliche und therapeutische Aufgaben, zu deren Lösung Natur- und Geisteswissenschaften zusammenarbeiten müssen. Jede Disziplin neigt bislang dazu, denjenigen Teil der menschlichen Person, den sie mit ihrer Methode sieht, als das Ganze auszugeben. Diese Beschränkung durch die Integration von Disziplinen, den Austausch von Forschern und den Aufbau gemeinsamer Erkenntnisse zu überwinden, ist das Ziel von DISCOS.

Getragen wird DISCOS von den Universitäten Heidelberg (Psychiatrie), München (Psychosomatik), Mainz (Philosophie), Kopenhagen (Philosophie/ Psychopathologie), Budapest und London (beide Entwicklungspsychologie), Lüttich, Lyon und Parma (alle Neurowissenschaften).

Drei Ziele für die nächsten Jahre

Drei übergreifende Ziele hat sich das DISCOS-Netzwerk für die kommenden Jahre gesteckt - und damit die geldgebenden EU-Institutionen überzeugt:

1. Integrierte Wissenschaft: Erstmals sollen empirische und theoretische Forschungsergebnisse zu einem mehrschichtigen, dynamischen Modell des menschlichen Selbst und seiner Störungen verschmolzen werden.

2. Kommunikation: Damit diese Ergebnisse nicht nur in der Fachwelt zum Tragen kommen, sollen einerseits diagnostisch-therapeutische Leitlinien für die Medizin, anderseits verständliche Informationen für die allgemeine Öffentlichkeit vermittelt werden. Dazu soll insbesondere die Kooperation mit dem Schattauer-Verlag in Stuttgart beitragen, der an dem Netzwerk mitbeteiligt ist.

3. Fächerübergreifendes Ausbildungsprogramm: Ein gemeinsames Curriculum und Gastaufenthalte junger Wissenschaftler an anderen Standorten sollen dazu beitragen, die Zersplitterung der Erforschung des Selbstbewusstseins zu überwinden. "Das Training für junge Forscherinnen und Forscher in diesem integrierten Modell ist einmalig", sagt Peter Henningsen, Direktor der Psychosomatischen Universitätsklinik der TU München, der diese Maßnahmen koordiniert. "Es könnte sich eines Tages als ein entscheidender Wettbewerbsvorteil für die europäische Forschung erweisen."

Kontakt:
Professor Dr. Dr. Thomas Fuchs
Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 2744 (Sekretariat)
E-Mail: thomas.fuchs@med.uni-heidelberg.de
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: Annette_Tuffs@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse

Weitere Berichte zu: DISCOS

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Gitterdynamiken in ionischen Leitern
18.10.2017 | Justus-Liebig-Universität Gießen

nachricht Gewebe mit Hilfe von Stammzellen regenerieren
16.10.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Aufräumen? Nicht ohne Helfer

19.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Biotinte für den Druck gewebeähnlicher Strukturen

19.10.2017 | Materialwissenschaften

Forscher studieren molekulare Konversion auf einer Zeitskala von wenigen Femtosekunden

19.10.2017 | Physik Astronomie