Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zülchpreis 2006: Auszeichnung für wissenschaftliche Durchbrüche in der Schmerzforschung

13.09.2006
Prof. Dr. David Julius, University of California, San Francisco, und Prof. Dr. Peter Joseph Jannetta, Allegheny General Hospital, Pittsburgh, USA, erhalten den diesjährigen Zülch-Preis

Zum siebzehnten Mal vergibt die - von der Max-Planck-Gesellschaft treuhänderisch geführte - Gertrud Reemtsma Stiftung den mit 50.000 Euro dotierten Zülch-Preis für besondere Leistungen der neurologischen Grundlagenforschung. Wie in den vergangenen Jahren wird der Preis auch diesmal geteilt. Geehrt werden zwei Wissenschaftler, die herausragende Beiträge zur Schmerzforschung geliefert haben. Prof. David Julius wird ausgezeichnet "in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Entdeckungen auf dem Gebiet der Schmerzforschung, insbesondere der Aufklärung der molekularen Mechanismen der Schmerz- und Temperaturempfindung". Und Prof. Dr. Peter J. Jannetta erhält den Preis "in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Untersuchungen zum Konzept der neurovaskulären Kompression und den daraus abgeleiteten Operationsverfahren zur Behandlung der Trigeminus-Neuralgie und anderer neurovaskulärer Kompressionssyndrome".

Die Übergabe des Zülch-Preises 2006 durch den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft Prof. Dr. Peter Gruss, findet am 15. September 2006 um 10:00 Uhr im Isabellensaal des Kölner Gürzenich statt. Die Laudatio auf Prof. Julius hält Prof. Dr. Thomas Jentsch, Leibniz- Institut für Molekulare Pharmakologie, Berlin, und als Laudator für Prof. Jannetta konnte Prof. Dr. Volker Tronnier, Klinik für Neurochirurgie, Universität Lübeck, gewonnen werden.

Professor David Julius, Jahrgang 1955, studierte zunächst am Massachusetts Institute of Technology und erwarb hier 1977 den Bachelor in Life Sciences. Anschließend setzte er sein Studium am Department of Biochemistry der University of California, Berkeley, fort, wo er 1984 zum Ph.D. promoviert wurde. Danach arbeitete er bis 1990 als Postdoctoral Fellow am Institute of Cancer Research der Columbia University, New York, und seit 1990 ist er am Department of Cellular and Molecular Pharmacology der University of California, San Francisco, tätig, zunächst als Assistent und seit 1999 als Professor. Prof Julius ist Träger vieler hoher Auszeichnungen und Mitglied nationaler und internationaler Akademien.

In seinem Festvortrag "Vom Pfeffer zum Pfefferminz - Aufklärung molekularer Mechanismen der Schmerzwahrnehmung und Schmerzempfindung", den Prof. Julius anlässlich der Zülch-Preis-Verleihung hält, berichtet er, dass es seinem Forscherteam darum gehe, die neuralen Mechanismen aufzuklären, die unserem Tastsinn zugrunde liegen - einschließlich seiner Fähigkeit, Temperatur- und Druckänderungen zu spüren. Das spezielle Interesse der Forscher gelte der Frage, wie diese Mechanismen dazu beitragen, dass wir schmerzvolle Stimuli wahrzunehmen in der Lage sind (Nozizeption). Um das zu erkunden, habe man die Fähigkeit natürlicher Produkte genutzt, molekulare Prozesse der Schmerzwahrnehmung und -empfindung auszulösen. Zum Beispiel sei man der Frage nachgegangen, wie das Capsaicin, der wichtigste Schärfe-Bestandteil der Peperoni, einen brennenden Schmerz hervorruft, und wie Menthol, das kühlende Agens in Pfefferminzblättern, zu einer Empfindung von Eiseskälte führt. Diese Bestandteile seien als pharmakologische Sonden genutzt worden, um damit spezifische Moleküle (Ionenkanäle an sensorischen Nervenfasern) zu identifizieren, die durch Hitze oder Kälte aktiviert werden. Mit Hilfe genetischer und elektrophysiologischer Methoden sowie Verfahren der Verhaltensforschung habe man dann untersucht, wie diese Ionenkanäle an der Wahrnehmung von Hitze oder Kälte mitwirken.

Sein Team versuche außerdem zu verstehen, auf welche Weise sich Schmerz als Reaktion auf jene Gewebe- oder Nervenschädigungen verstärkt, die mit wachsenden Tumoren, Infektionen oder anderen Formen von Verletzungen einhergehen. Sie rufen Entzündungen hervor und führen zu Schmerzüberempfindlichkeit. Wichtig sei dabei vor allem die Frage gewesen, ob und wie die "Entzündungsagenten", die zu dieser Überempfindlichkeit beitragen, die neu identifizierten Ionenkanäle modifizieren.

Diese Arbeiten, so das einhellige Urteil, haben die Schmerzforschung revolutioniert und tragen sicher zur Entwicklung neuer Medikamente für die klinische Behandlung chronischer Schmerzen bei.

Professor Peter Joseph Jannetta, Jahrgang 1932, graduierte an der University of Pennsylvania, Philadelphia, im Fach Zoologie und absolvierte an der dortigen School of Medicine auch sein Studium im Fach Chirurgie, das er 1957 mit der Promotion abschloss. Anschließend ermöglichte ihm ein Stipendium des National Institute of Health einen Forschungsaufenthalt in der Neurophysiologie der University of California, Los Angeles, an der er danach als Assistenzarzt tätig war. 1966 wurde er als Professor und Leiter der Abteilung Neurochirurgie an das Medical Center der Lousiana State University, New Orleans, berufen. 1971 wechselte er an die School of Medicine der University of Pittsburgh, wo er die Leitung der Neurochirurgie übernahm. Nach 29 Jahren an dieser Unversität wurde er im Juli 2000 Vice-Chairman am Allegheny General Hospital in Pittsburgh und Leiter des dortigen Departments für Neurochirurgie. Gleichzeitig erhielt er eine Professur für Neurochirurgie am College of Medicine der Drexel University in Pittsburgh. Jannetta ist Mitglied vieler nationaler und internationaler Akademien, erhielt zahlreiche hohe Auszeichnungen, darunter im Jahr 2000 den Dr. Fritz Erler Preis für Internationale Chirurgie der Universität Nürnberg-Erlangen.

Zu den herausragenden wissenschaftlichen Leistungen Jannettas zählt die Erarbeitung eines Konzepts des neurovaskulären Konflikts bzw. der neuronalen Kompression von Hirnnerven, die zu unterschiedlichen Erkrankungen führen kann: Durch die Schädigung dieser Nerven werden unter anderem die motorischen Funktionen von Zunge, Augen und Gesichtsmuskeln beeinträchtigt. Das bekannteste Syndrom ist die Trigeminus-Neuralgie (TGN), ein chronischer Zustand heftigster Schmerzen von Wangen, Lippen, Zahnfleisch oder Kinn einer Gesichtshälfte. Als Ursache der Trigeminus-Neuralgie identifizierte Jannetta eine Kompression des 5. Hirnnervs - des Trigeminus-Nerven - durch umgebende Blutgefäße. Jannetta entwickelte anhand dieses theoretischen Konzepts ein mikrovaskuläres Dekompressionsverfahren, das den Patienten eine effektive therapeutische Alternative eröffnet, wenn medikamentöse Behandlungen versagen. Bei der mikrovaskulären Dekompression handelt es sich um einen mikrochirurgischen Eingriff, der eine kleine Öffnung des Schädels hinter dem Ohr erforderlich macht. Durch diese Öffnung kann der Trigeminus-Nerv überprüft und gegebenenfalls die ihn drückende Arterie rückverlagert oder durch Platzierung eines schützenden Kissens zwischen Nerv und Arterie beiseite geschoben werden. Handelt es sich bei dem Druck ausübenden Gefäß um eine Vene, so geht man in ähnlicher Weise vor oder entfernt sie operativ. Durch diesen Eingriff lassen sich die halbseitigen heftigen Schmerzen im Gesicht und im Zungen-Schlund-Bereich stoppen - Störungen, die übrigens auch die Geschmacksfähigkeit des Patienten beeinträchtigten.

Die gegenwärtigen Forschungsbemühungen dieses innovativen Denkers der Neurochirurgie konzentrieren sich darauf, die Wirksamkeit der Gefäß-Dekompression bei der Behandlung von Schwindel und Tinnitus (Ohrgeräuschen) zu überprüfen. Außerdem untersucht er, ob der neurovaskuläre Konflikt auch bei Patienten mit essentiellem Bluthochdruck, mit Funktionsstörungen des Herzens oder mit endokrinen Problemen (zum Beispiel Diabetes) nicht auch eine Rolle spielt.

Der inzwischen "Jannetta-Operation" genannte Eingriff ist ein überzeugendes Beispiel dafür, dass ein theoretisches Konzept bei konsequenter Umsetzung zu einem operativen Verfahren führen kann, mit dem abertausende Patienten von chronischen Schmerzen und halbseitigen Gesichtsspasmen befreit werden konnten. Und dessen Potential möglicherweise - wenn sich Jannettas Vermutungen bewahrheiten - noch keineswegs ausgeschöpft ist.

Die Gertrud Reemtsma Stiftung wurde 1989 von Gertrud Reemtsma in Gedenken an ihren verstorbenen Bruder, den Neurologen Prof. Dr. Klaus Joachim Zülch, ehemaliger Direktor der Kölner Abteilung des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, Frankfurt, mit dem Ziel gegründet, die Erinnerung an das Lebenswerk ihres Bruders wachzuhalten und besondere Leistungen in der neurologischen Grundlagenforschung anzuerkennen und zu fördern. Gertrud Reemtsma war schon Ende der 1930er Jahre mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch in Verbindung getreten: Klaus Joachim Zülch, der dort als Neuropathologe und Neurologe arbeitete, holte seine Schwester als Sekretärin an das Institut. Nach dem Krieg war Gertrud Reemtsma eine große Förderin der Max-Planck-Gesellschaft - und zwar nicht nur seit 1964 als Förderndes Mitglied, sondern auch über finanzielle Zuwendungen für die von ihrem Bruder geleitete Kölner Forschungsabteilung. Anfang 1996 verstarb sie im 80. Lebensjahr in Hamburg.

Dr. Andreas Trepte | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Berichte zu: Neurochirurgie Schmerzforschung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Kieler Projekt „FucoSan – Gesundheit aus dem Meer“ erhält 2,2 Millionen Euro
27.07.2017 | Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

nachricht Mikrophotonik – Optische Technologien auf dem Weg in die Hochintegration
21.07.2017 | VDI Technologiezentrum GmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ruckartige Bewegung schärft Röntgenpulse

Spektral breite Röntgenpulse lassen sich rein mechanisch „zuspitzen“. Das klingt überraschend, aber ein Team aus theoretischen und Experimentalphysikern hat dafür eine Methode entwickelt und realisiert. Sie verwendet präzise mit den Pulsen synchronisierte schnelle Bewegungen einer mit dem Röntgenlicht wechselwirkenden Probe. Dadurch gelingt es, Photonen innerhalb des Röntgenpulses so zu verschieben, dass sich diese im gewünschten Bereich konzentrieren.

Wie macht man aus einem flachen Hügel einen steilen und hohen Berg? Man gräbt an den Seiten Material ab und schüttet es oben auf. So etwa kann man sich die...

Im Focus: Abrupt motion sharpens x-ray pulses

Spectrally narrow x-ray pulses may be “sharpened” by purely mechanical means. This sounds surprisingly, but a team of theoretical and experimental physicists developed and realized such a method. It is based on fast motions, precisely synchronized with the pulses, of a target interacting with the x-ray light. Thereby, photons are redistributed within the x-ray pulse to the desired spectral region.

A team of theoretical physicists from the MPI for Nuclear Physics (MPIK) in Heidelberg has developed a novel method to intensify the spectrally broad x-ray...

Im Focus: Physiker designen ultrascharfe Pulse

Quantenphysiker um Oriol Romero-Isart haben einen einfachen Aufbau entworfen, mit dem theoretisch beliebig stark fokussierte elektromagnetische Felder erzeugt werden können. Anwendung finden könnte das neue Verfahren zum Beispiel in der Mikroskopie oder für besonders empfindliche Sensoren.

Mikrowellen, Wärmestrahlung, Licht und Röntgenstrahlung sind Beispiele für elektromagnetische Wellen. Für viele Anwendungen ist es notwendig, diese Strahlung...

Im Focus: Physicists Design Ultrafocused Pulses

Physicists working with researcher Oriol Romero-Isart devised a new simple scheme to theoretically generate arbitrarily short and focused electromagnetic fields. This new tool could be used for precise sensing and in microscopy.

Microwaves, heat radiation, light and X-radiation are examples for electromagnetic waves. Many applications require to focus the electromagnetic fields to...

Im Focus: Navigationssystem der Hirnzellen entschlüsselt

Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Informationen zwischen ihnen werden über ein komplexes Netzwerk aus Nervenfasern übermittelt. Verdrahtet werden die meisten dieser Verbindungen vor der Geburt nach einem genetischen Bauplan, also ohne dass äußere Einflüsse eine Rolle spielen. Mehr darüber, wie das Navigationssystem funktioniert, das die Axone beim Wachstum leitet, haben jetzt Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) herausgefunden. Das berichten sie im Fachmagazin eLife.

Die Gesamtlänge des Nervenfasernetzes im Gehirn beträgt etwa 500.000 Kilometer, mehr als die Entfernung zwischen Erde und Mond. Damit es beim Verdrahten der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Ferienkurs mit rund 600 Teilnehmern aus aller Welt

28.07.2017 | Veranstaltungen

10. Uelzener Forum: Demografischer Wandel und Digitalisierung

26.07.2017 | Veranstaltungen

Clash of Realities 2017: Anmeldung jetzt möglich. Internationale Konferenz an der TH Köln

26.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?

28.07.2017 | Studien Analysen

Assistenzsysteme für die Blechumformung

28.07.2017 | Maschinenbau

Ruckartige Bewegung schärft Röntgenpulse

28.07.2017 | Physik Astronomie