Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Retten, was noch zu retten ist

24.08.2005


Gegen den "Säurefraß in Büchern": VolkswagenStiftung unterstützt derzeit mit 210.000 Euro die konzeptionellen Vorbereitungen für den Erhalt alter Buchbestände

Es war vor gut einem Jahr die Tragödie in Weimar, die aufrüttelte. Am 2. September brannte dort die Herzogin Anna Amalia-Bibliothek, Weltkulturerbe der UNESCO. Rund 50.000 Bücher wurden für immer vernichtet, 62.000 Bände durch Feuer und Löschwasser beschädigt. Am 2. September 2005 nun werden 70 Bibliotheken und Archive unter dem Patronat von Günter Grass mit der Aktion "Deutsche Tragödien" auf die Verpflichtung hinweisen, das schriftliche Kulturerbe zu retten. Die VolkswagenStiftung ihrerseits hat vor gut einem Jahr der "Allianz zur Erhaltung des schriftlichen Kulturgutes" 210.000 Euro zur "Erarbeitung einer nationalen operativen Strategie zur Bestandserhaltung des bedrohten schriftlichen Kulturguts" bereitgestellt. Das Vorhaben steht unter der Leitung der Bayerischen Staatsbibliothek München, weitere elf große Bibliotheken und Archive in Deutschland sind zurzeit an diesem Initiativkreis beteiligt.

Es geht bei dem Projekt um eine Gesamtsicht auf die Probleme der Bestandserhaltung. Dabei sollen alle vor 1850 erschienenen Originale erhalten werden; bei Büchern und Dokumenten insbesondere der Zeit nach 1850 kann dies wirtschaftlich nur in einem abgestimmten kooperativen Konzept erfolgen. Warum gerade das Jahr 1850 als zeitliche Grenze? Damals begann die industrielle Herstellung von Papier. Diese brachte den Nachteil mit sich, dass bei der Produktion Substanzen von realem oder potenziellem Säurecharakter zurückbleiben - und das führt früher oder später zu einer Zersetzung des Papiers von innen her. Schätzungen zufolge sind davon allein in Deutschland 60 Millionen Bücher betroffen.



Da eine Erhaltung dieses Gesamtbestandes angesichts der dafür notwendigen Mittel unrealistisch erscheint, wird mit den Geldern der Stiftung derzeit ein Konzept erarbeitet, das Folgendes leistet: Zum einen gilt es die Frage zu beantworten, welche Prioritäten aus bibliotheks- und archivwissenschaftlicher Sicht zu setzen sind. Auch bedarf es einer "Best-practice-Analyse" der zurzeit vorhandenen technischen Verfahren zur Entsäuerung, vor allem im Massenverfahren.

Die gedruckten Werke des deutschen Sprach- und Kulturraumes werden in Deutschland von fünf Bibliotheken, die sich mit einer Startförderung der VolkswagenStiftung von seinerzeit 25 Millionen Mark (knapp 13 Millionen Euro) bereits Ende der 1980er Jahre zur Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke zusammengeschlossen haben, arbeitsteilig gesammelt. Die Bestände Der Deutschen Bibliothek als zentraler Archivbibliothek beginnen erst mit ihrer Gründung 1913. "Daher müssen Strukturen der Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Bibliotheken und Archiven aufgebaut werden, damit in Zeiten knapper Kassen nicht an zwei Orten zugleich dasselbe Buch ’gerettet’ wird", erläutert der Generalsekretär der VolkswagenStiftung Dr. Wilhelm Krull ein wesentliches Ziel der Förderung. Des Weiteren entwickelt eine Agentur für Kulturmarketing eine Strategie mit dem Ziel, die Öffentlichkeit für das Problem zu sensibilisieren - nicht zuletzt in dem Bewusstsein, dass für dieses langfristig angelegte Vorhaben möglichst umgehend weitere Finanzierungsquellen zu erschließen sind. "Es ist klar, dass bei einem Projekt dieses Ausmaßes die Mittel der öffentlichen Hand nicht ausreichend können", sagt Krull. "Hier ist die Bürgergesellschaft gefordert, sich auch finanziell für die Bewahrung ihres kulturellen Erbes einzusetzen."

Wie findet man nun jene Dokumente, die einer Rettung dringend bedürfen? Neben der Bedeutung des Inhalts und der Bedeutung für die Sammlung sollen sie bevorzugt nach der Häufigkeit ihrer Benutzung ausgewählt werden. Diese Priorisierung folgt der Erkenntnis, dass Schäden weniger auf das reine Alter eines Buches zurückzuführen sind als vielmehr auf das Ausmaß der Nutzung, also die mechanische Beanspruchung. So versucht man zu gewährleisten, dass zuerst die am meisten gefährdeten Originalbestände gesichert werden.

Als wesentliches Ziel des Vorhabens legt die VolkswagenStiftung Wert darauf, dass die entstehenden Sicherungsverfilmungen an alle öffentlichen wissenschaftlichen Bibliotheken und Archive in Deutschland zum gleichen Preis und möglichst kostengünstig abgegeben werden.

Zur VolkswagenStiftung:

Die VolkswagenStiftung ist eine gemeinnützige Stiftung privaten Rechts und fördert Wissenschaft und Technik in Forschung und Lehre; die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften ebenso wie die Natur- und Ingenieurwissenschaften und die Medizin. Sie ermöglicht Forschungsvorhaben in zukunftsträchtigen Gebieten und hilft wissenschaftlichen Institutionen bei der Verbesserung der strukturellen Voraussetzungen für ihre Arbeit. Besondere Aufmerksamkeit widmet sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs sowie der Zusammenarbeit von Forschern über disziplinäre und staatliche Grenzen hinweg. Die Stiftung verfügt derzeit über ein Kapital von rund 2,3 Milliarden Euro, das sie so ertragreich und nachhaltig wie möglich anlegt. Sie ist wirtschaftlich autark und in ihren Entscheidungen autonom. In den 43 Jahren ihres Bestehens hat sie gut drei Milliarden Euro für rund 28.000 Projekte bewilligt; pro Jahr stellt sie bis zu 100 Millionen Euro für neue Vorhaben bereit. Das aktuelle Förderangebot und die in den einzelnen Förderinitiativen bewilligten Vorhaben sind zu finden im jetzt erschienenen Jahresbericht 2004 und unter www.volkswagenstiftung.de.

Die Stiftung hat wiederholt - wie eingangs beschrieben für die Sammlung Deutscher Drucke - Mittel für infrastrukturelle Vorhaben bereitgestellt, darunter auch 5,5 Millionen Euro für das Handbuch Historischer Buchbestände und knapp 17 Millionen Euro für die Initiative "Archive als Fundus der Forschung".

Dr. Christian Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.volkswagenstiftung.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Millionen für die Krebsforschung
20.09.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

nachricht Ausschreibung des Paul-Martini-Preises 2018 für klinische Pharmakologie
19.09.2017 | Paul-Martini-Stiftung (PMS)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften